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28.12.2011

13:46 Uhr

Anleihe-Auktion

Italien sammelt Milliarden ein

Italien hat den Anleihemarkt getestet. Die Auktion sechsmonatiger Papiere verlief vielversprechend - auch dank des billigen Geldes von der Notenbank. Doch richtig ernst wird es erst morgen.

Italiens Auktion wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen. dpa

Italiens Auktion wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen.

FrankfurtDie Geldspritze der EZB zeigt Wirkung: Die mit billigen Krediten in Hülle und Fülle versorgten Banken verliehen einen Teil des Geldes an Italien weiter. Sie begnügten sich dabei mit einer halb so hohen Rendite wie noch im November. Experten warnten aber vor verfrühtem Jubel, da die echte Nagelprobe für das hoch verschuldete Land erst noch komme. Dennoch reagierten die Märkte erleichtert. Der deutsche Aktienindex Dax drehte ins Plus, während der Eurokurs auf ein Tageshoch stieg. „Die hohe Nachfrage und die gesunkene Rendite haben stabilisierend gewirkt“, sagte ein Börsianer.

Die Auktion einer Anleihe mit sechsmonatiger Laufzeit spülte neun Milliarden Euro in die Staatskassen. Der durchschnittliche Zins lag mit 3,251 Prozent nur noch halb so hoch wie Ende November. Damals wurde mit 6,5 Prozent der höchste Zins seit Einführung des Euro fällig. Trotz der deutlich niedrigeren Rendite war die Nachfrage gut: Der Staat hätte auch 15,2 Milliarden Euro einnehmen können, so hoch waren die Angebote der Investoren. Die Auktion war damit 1,7-fach überzeichnet, einen Monat zuvor dagegen nur 1,5-fach.

„Die hohe Nachfrage kommt nicht völlig überraschend“, sagte ein Anleihenhändler. „Denn dank des billigen Zentralbankgeldes können Investoren mit dem Kauf dieser Papiere eine erkleckliche Marge erwirtschaften.“ Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Geschäftsbanken am 21. Dezember insgesamt 490 Milliarden Euro für bis zu drei Jahre geliehen - und das zu extrem niedrigen Konditionen, die sich am Leitzins orientieren. Dieser liegt derzeit auf dem Rekordtief von einem Prozent. Die Anleger honorierten zudem das 33 Milliarden Euro große Sparpaket, das Ministerpräsident Mario Monti kurz vor Weihnachten durch das Parlament bracht.

Weitere 1,733 Milliarden Euro nahm Italien mit der Versteigerung zweijähriger Anleihen ein. Hier fiel der Zins von 7,8 auf 4,85 Prozent.

Fragen und Antworten zu italienischen Anleihen

Warum sind die Anleihe-Renditen so entscheidend?

Um ihren Finanzierungsbedarf zu decken, nehmen Staaten durch Anleihen Geld an den Finanzmärkten auf. Die Renditen dieser Papiere entsprechen der effektiven Verzinsung. Je riskanter Investoren ein Engagement einschätzen, desto mehr Zinsen muss ein Land bieten.

Weshalb sehen Investoren Italien so kritisch?

Mit einem ausstehenden Volumen von rund 1,8 Billionen Euro ist der italienische Markt für Staatsanleihen einer der größten der Welt. Italien trägt gemessen an der Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Staatsschuldenlast aller Euro-Länder und steht unter hohem Spardruck. Anders als Griechenland verfügt Italien allerdings über eine hohe Wirtschaftskraft. Die Finanzmärkte trauen der aktuellen politischen Führung jedoch nicht zu, die zur Haushaltskonsolidierung nötigen Reformen durchzusetzen.

Was passiert, wenn die Lage am italienischen Anleihemarkt sich weiter zuspitzt?

In Italien werden bis Ende 2012 Anleihen unterschiedlichster Laufzeiten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 300 Milliarden Euro fällig. Da die Anleihen mit festen Laufzeiten ausgegeben werden, muss das Land in regelmäßigen Abständen neue Papiere am Markt platzieren, um seine Schulden zu finanzieren. Sollten die Renditen auf den zuletzt erreichten Höchstständen verharren, könnte es für Italien unmöglich werden, neue Schulden aufzunehmen, um alte zu begleichen. Italien wäre dann wie Griechenland, Portugal und Irland vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten und müsste unter den Euro-Rettungsschirm flüchten, um sich aus Hilfsgeldern zu refinanzieren.

Würde Italien unter den Euro-Rettungsschirm passen?

An diesem Punkt würde die Situation richtig kritisch. Experten stimmen überein, dass der Krisenfonds EFSF nicht ausreichen würde, um die Konsequenzen eines Ernstfalls in Italien zu bewältigen. Die zuletzt beschlossenen Modelle zur Hebelung des EFSF-Kreditvolumens sind noch nicht im Detail ausgestaltet und einsatzbereit. Sollte sich die Situation in Italien extrem zuspitzen, wäre außerdem davon auszugehen, dass auch der spanische Anleihemarkt kollabieren würde. Die Eurozone dürfte bei diesem Szenario endgültig auf die Zerreißprobe gestellt werden.

Wie kann eine Eskalation verhindert werden?

Um dauerhaft zu gewährleisten, dass Italien seine Schulden an den Märkten platzieren kann, müssten zwei Bedingungen erfüllt werden: Potenziellen Investoren muss die Furcht vor einem Zahlungsausfall genommen werden. Zweitens müsste das Rendite-Niveau auf einem für Italien tragbaren Niveau gehalten werden. Kurzfristig kann dies nach Einschätzung von Experten letztlich nur die Europäische Zentralbank (EZB) sicherstellen. Mittel- bis -langfristig kann jedoch nur Italien selbst durch entsprechende Reformen und Haushaltsdisziplin die Lage entschärfen.

Welche Rolle spielt die EZB?

Die EZB versucht bereits seit August, die Renditen für italienische Anleihen durch Ankäufe zu drücken. Die Zentralbank agiert jedoch nur auf dem Zweitmarkt. Sie beeinflusst so lediglich das Kursniveau von Papieren, die bereits in Umlauf sind. Direkte Anleihekäufe von Staaten sind für die EZB ein Tabu, anders als für ihre Pendants in den USA oder Großbritannien. Die EZB lehnt es strikt ab, als Kreditgeber der letzten Instanz Käuferstreiks am Erstmarkt zu verhindern.

Was muss nun geschehen?

Fest steht: Muss Italien länger wesentlich höhere Renditen als bisher üblich zahlen, wird die Haushaltslage stark belastet und der ohnehin hohe Schuldenstand letztlich weiter nach oben getrieben.

Solange der EFSF nicht ausreichend einsatzfähig ist und die EZB von ihren geldpolitischen Grundsätzen nicht abweicht, liegt es allein an der italienischen Politik, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen. Das ist jedoch ein ungewisses Unterfangen und dürfte einiges an Überzeugungsarbeit erfordern.

Der nächste Test steht aber bereits bevor und dürfte schwerer zu bestehen sein: An diesem Donnerstag will Italien mit der Versteigerung von Anleihen mit Laufzeiten von drei und zehn Jahren bis zu 8,5 Milliarden Euro einnehmen. „Bei den zehnjährigen Papieren ist Italien mehr auf ausländische Investoren angewiesen“, sagte ING-Zinsstratege Alessandro Giansanti in London. So spät im Jahr diese Anleihen zu verkaufen, könnte sich als schwierig erweisen. Wegen der Schuldenkrise scheuen Investoren längerfristige Engagements und geben ihr Geld nur bei extrem hohen Risikoaufschlägen. Der Marktzins für zehnjährige italienische Staatsanleihen liegt derzeit bei 6,74 Prozent. Zum Vergleich: Für deutsche Papiere liegt er unter zwei Prozent.

Italien sitzt auf einem Schuldenberg von rund 1,9 Billionen Euro. Diese Summe entspricht 120 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung. Nur in Griechenland ist die Quote höher. Italien muss sich im kommenden Jahr 440 Milliarden Euro von Investoren holen, um alte Kredite abzulösen, Zinsen zu zahlen und die Haushaltslücke zu schließen. Je höher die Refinanzierungskosten sind, desto mehr muss die Monti-Regierung an anderer Stelle sparen.

Erschwert wird die Sanierung des Haushaltes von der Wirtschaftskrise. Das Bruttoinlandsprodukt wird nach Prognose des Mailänder Instituts REF 2012 um 1,5 Prozent schrumpfen. Für 2011 werde es noch zu einem Wachstum von 0,5 Prozent reichen. Trotz der Flaute geht die Denkfabrik davon aus, dass die Regierung des Staatsdefizit kräftig drücken kann. Demnach werde die Neuverschuldung 2012 von 4,0 auf 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung gedrückt. Die EU-Verträge sehen eine Obergrenze von drei Prozent vor.

Von

rtr

Kommentare (16)

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Account gelöscht!

28.12.2011, 13:37 Uhr

Bank ABC leiht sich ein paar Mrd. € von der ECB im Mega-Tender letzte Woche für 3 Jahre zu fast 0 %, und investiert hier ein paar Mio. € wieder zu 3,25 % für 6 oder 12 Monate. Risikofreie Arbitrage.
Ich wünschte mir, mein Hedgefonds hätte auch eine Bank-Lizenz !

PeterK

28.12.2011, 14:02 Uhr

Da haben wir sie ja endlich, die Eurobonds, wenn auch über den Umweg über die EZB. Unglaublich, wie wenig dieser Skandal thematisiert wird. Wenn Italien die Schulden nicht zurück zahlen kann, können auch die italienischen Banken, die dem italienischen Staat das Geld geliehen haben, nicht an die EZB zurück zahlen und zum Schluss dürfen die Steuerzahler der Euroländer, also in erster Linie die Deutschen, für den Verlust bei der EZB aufkommen. Merkt das eigentlich keiner ?

Account gelöscht!

28.12.2011, 14:13 Uhr

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Papierschnipesel stellen kein Verlust dar.
Erst recht keine Bits und Bytes.
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