Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.11.2011

16:12 Uhr

Anleihekäufe

EZB kauft weniger Staatsanleihen

Die Europäische Zentralbank ihre Ankäufe von Staatsanleihen halbiert - entgegen der Erwartungen vieler Experten hat. Sie hatten die Zentralbank aufgefordert, massiv Anleihen zu kaufen, um die Schuldenstaaten zu stützen.

Die EZB hat weiter Staatsanleihen gekauft - jedoch weniger als erwartet. dpa

Die EZB hat weiter Staatsanleihen gekauft - jedoch weniger als erwartet.

Berlin/FrankfurtDie Europäische Zentralbank hat ihre umstrittenen Käufe von Staatsanleihen der Krisenländer überraschend halbiert. Sie habe Papiere im Wert von 4,478 Milliarden Euro am Sekundärmarkt erworben, teilte die EZB am Montag in Frankfurt mit. Von Reuters befragte Experten hingegen hatten im Schnitt mit zehn Milliarden Euro gerechnet. In der Woche zuvor waren es 9,5 Milliarden Euro gewesen. Seit Mai 2010 hat die Zentralbank damit Bonds im Gesamtwert von 187 Milliarden Euro aufgekauft. Die EZB begründet die Käufe mit der Stützung der Märkte, drückt aber mit der Intervention die Zinskosten von Euro-Problemländern wie Italien und Spanien.

Laut Händlern hat die EZB auch am Montag wieder an den Märkten interveniert und dabei auch Staatstitel Italiens erworben. In Rom hatte am Vormittag der frühere EU-Kommissar Mario Monti die Regierungsarbeit aufgenommen und damit einen politischen Neuanfang nach dem Ende der von zahlreichen Affären überschatteten Regierungszeit von Silvio Berlusconi eingeläutet. Trotz des Vertrauensvorschusses für den neuen Regierungschef musste das Land den Investoren bei einer Emission von fünfjährigen Anleihen Rekordzinsen zahlen.

Fragen und Antworten zu italienischen Anleihen

Warum sind die Anleihe-Renditen so entscheidend?

Um ihren Finanzierungsbedarf zu decken, nehmen Staaten durch Anleihen Geld an den Finanzmärkten auf. Die Renditen dieser Papiere entsprechen der effektiven Verzinsung. Je riskanter Investoren ein Engagement einschätzen, desto mehr Zinsen muss ein Land bieten.

Weshalb sehen Investoren Italien so kritisch?

Mit einem ausstehenden Volumen von rund 1,8 Billionen Euro ist der italienische Markt für Staatsanleihen einer der größten der Welt. Italien trägt gemessen an der Wirtschaftsleistung die zweitgrößte Staatsschuldenlast aller Euro-Länder und steht unter hohem Spardruck. Anders als Griechenland verfügt Italien allerdings über eine hohe Wirtschaftskraft. Die Finanzmärkte trauen der aktuellen politischen Führung jedoch nicht zu, die zur Haushaltskonsolidierung nötigen Reformen durchzusetzen.

Was passiert, wenn die Lage am italienischen Anleihemarkt sich weiter zuspitzt?

In Italien werden bis Ende 2012 Anleihen unterschiedlichster Laufzeiten mit einem Gesamtvolumen von mehr als 300 Milliarden Euro fällig. Da die Anleihen mit festen Laufzeiten ausgegeben werden, muss das Land in regelmäßigen Abständen neue Papiere am Markt platzieren, um seine Schulden zu finanzieren. Sollten die Renditen auf den zuletzt erreichten Höchstständen verharren, könnte es für Italien unmöglich werden, neue Schulden aufzunehmen, um alte zu begleichen. Italien wäre dann wie Griechenland, Portugal und Irland vom privaten Kapitalmarkt abgeschnitten und müsste unter den Euro-Rettungsschirm flüchten, um sich aus Hilfsgeldern zu refinanzieren.

Würde Italien unter den Euro-Rettungsschirm passen?

An diesem Punkt würde die Situation richtig kritisch. Experten stimmen überein, dass der Krisenfonds EFSF nicht ausreichen würde, um die Konsequenzen eines Ernstfalls in Italien zu bewältigen. Die zuletzt beschlossenen Modelle zur Hebelung des EFSF-Kreditvolumens sind noch nicht im Detail ausgestaltet und einsatzbereit. Sollte sich die Situation in Italien extrem zuspitzen, wäre außerdem davon auszugehen, dass auch der spanische Anleihemarkt kollabieren würde. Die Eurozone dürfte bei diesem Szenario endgültig auf die Zerreißprobe gestellt werden.

Wie kann eine Eskalation verhindert werden?

Um dauerhaft zu gewährleisten, dass Italien seine Schulden an den Märkten platzieren kann, müssten zwei Bedingungen erfüllt werden: Potenziellen Investoren muss die Furcht vor einem Zahlungsausfall genommen werden. Zweitens müsste das Rendite-Niveau auf einem für Italien tragbaren Niveau gehalten werden. Kurzfristig kann dies nach Einschätzung von Experten letztlich nur die Europäische Zentralbank (EZB) sicherstellen. Mittel- bis -langfristig kann jedoch nur Italien selbst durch entsprechende Reformen und Haushaltsdisziplin die Lage entschärfen.

Welche Rolle spielt die EZB?

Die EZB versucht bereits seit August, die Renditen für italienische Anleihen durch Ankäufe zu drücken. Die Zentralbank agiert jedoch nur auf dem Zweitmarkt. Sie beeinflusst so lediglich das Kursniveau von Papieren, die bereits in Umlauf sind. Direkte Anleihekäufe von Staaten sind für die EZB ein Tabu, anders als für ihre Pendants in den USA oder Großbritannien. Die EZB lehnt es strikt ab, als Kreditgeber der letzten Instanz Käuferstreiks am Erstmarkt zu verhindern.

Was muss nun geschehen?

Fest steht: Muss Italien länger wesentlich höhere Renditen als bisher üblich zahlen, wird die Haushaltslage stark belastet und der ohnehin hohe Schuldenstand letztlich weiter nach oben getrieben.

Solange der EFSF nicht ausreichend einsatzfähig ist und die EZB von ihren geldpolitischen Grundsätzen nicht abweicht, liegt es allein an der italienischen Politik, das Vertrauen der Finanzmärkte zurückzugewinnen. Das ist jedoch ein ungewisses Unterfangen und dürfte einiges an Überzeugungsarbeit erfordern.

Laut dem neuen EZB-Präsidenten Mario Draghi ist das Staatsanleihenkaufprogramm nicht auf Dauer angelegt. Dennoch ist das Vorgehen der EZB auch innerhalb der Zentralbank umstritten. Kritiker wie Bundesbankchef Jens Weidmann sehen die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik verwischt.

Europäische Anleihen: Wie man den Investoren den Appetit verdirbt

Europäische Anleihen

Wie man den Investoren den Appetit verdirbt

Alle starren auf die Kurse italienischer Staatsanleihen. Doch eigentlich geht es nicht um die hohen Risikoaufschläge, sondern um die Frage, wer in Zukunft überhaupt noch europäische Anleihen kaufen soll.

Der deutsche Jurist Markus C. Kerber lässt derzeit in einem Pionierverfahren beim Gericht der Europäischen Union in Luxemburg prüfen, ob die Anleihekäufe der EZB rechtmäßig sind. Kerber, dessen Klage sich jüngst auch der aus den Niederlanden stammende belgische EU-Abgeordnete Derk-Jan Eppink angeschlossen hat, wirft der EZB vor, ihr primär auf Preisstabilität ausgerichtetes Mandat unzulässig ausgedehnt zu haben. Mit den Anleihekäufen werde zudem der Wettbewerb verfälscht: „Wir erleben im Namen der Euro-Rettung eine ordnungspolitische Konter-Revolution“, sagte Kerber in Berlin.

Von

rtr

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

14.11.2011, 17:06 Uhr

"HALBE SACHEN" - NON DUBIO PRO REO!
Wenn jemand einen anderen halb-tot schlägt, so ist es zwar kein Mord, aber ein versuchter Totschlag allemal und verboten.
Und wenn ein Bankräuber nur die "halbe" Bank ausraubt wird auch sein gnädigster Richter nicht umhinkommen es in toto einen Bankraub zu nennen und zu strafen.
Und so ist es auch mit Notenbanken. Verstoßen sie gegen geltendes Recht gibt es für sie keinen legitimierenden "halben" Notstand, weil es zuvor keine Gesetzgebung des legitimierenden Notstands gab.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×