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20.08.2012

17:27 Uhr

Anleihemärkte

Die Apokalypse ist abgewehrt, nicht jeden freut's!

Auch wenn noch zwei Handelswochen ausstehen, ist schon jetzt klar: Der August wird für viele Anleihegläubiger der verlustreichste Monat seit Jahren werden. Und das sind nicht die schlechtesten Nachrichten.

Betriebsamkeit im Handelsraum: Die Kurse von Anleihen sind in diesem Monat stark gefallen. dpa

Betriebsamkeit im Handelsraum: Die Kurse von Anleihen sind in diesem Monat stark gefallen.

Der weltweite Anleihemarkt hat im August – auch wenn noch zwei Handelswochen ausstehen - bereits jetzt den größten Verlust seit 2010 verzeichnet. Dahinter stehen nicht zuletzt Berichte vom Stellenmarkt und den Verbraucherausgaben, die darauf hindeuten, dass die Weltwirtschaft stärker ist als Investoren gedacht haben.

Festverzinsliche Wertpapiere - von Staatsanleihen über Unternehmensbonds bis hin zu Hypothekenpapieren - haben im Schnitt in diesem Monat 0,64 Prozent eingebüßt und weisen damit ihre schwächste Entwicklung seit November 2010 auf, als es um 1,09 Prozent abwärts ging, wie aus dem Bank of America Merrill Lynch Global Broad Market Index hervorgeht. Die Aktienkurse konnten gleichzeitig, inklusive reinvestierter Dividenden, weltweit 2,9 Prozent zulegen.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Die Bonds verlieren an Wert, nachdem in den USA der Einzelhandelsumsatz stärker als erwartet anstieg und mehr Stellen geschaffen wurden. Zudem ging das Wachstum in Deutschland und Frankreich weniger zurück als befürchtet. Für die USA geht Goldman Sachs Group Inc. davon aus, dass die Federal Reserve bis zum Jahresende oder 2013 mit einer weiteren quantitativen Lockerung (QE3) warten wird und nicht schon im September eingreift.

„Es ist einfach viel unwahrscheinlicher, dass die Fed QE3 rechtfertigen kann”, sagt Hans Mikkelsen, Kreditstratege bei Bank of America Corp. in New York. Da sich die wirtschaftliche Lage verbessert, haben die Investoren weniger Grund, in Bonds einen sicheren Hafen zu suchen, fügt zu hinzu.

Staatspleiten sind die Regel

Argentinien

Jahr der Unabhängigkeit: 1816

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit* 1800: 32,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

*Die Berechnungen der Länder, die vor 1800 unabhängig wurden, sind von 1800-2006.

Quellen: Berechnungen von Flossbach und Vorndran (2012), sowie Standard & Poor's, Purcell und Kaufmann (1991), Reinhart, Rogoff und Savastano (2003) und darin zitierte Quellen.

Australien

Jahr der Unabhängigkeit: 1901

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Brasilien

Jahr der Unabhängigkeit: 1822

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 25,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 9

Deutschland

Jahr der Unabhängigkeit: 1618

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 13 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Finnland

Jahr der Unabhängigkeit: 1917

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Frankreich

Jahr der Unabhängigkeit: 943

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Griechenland

Jahr der Unabhängigkeit: 1829

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 50,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Großbritannien

Jahr der Unabhängigkeit: 1066

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Italien

Jahr der Unabhängigkeit: 1569

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 3,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Kolumbien

Jahr der Unabhängigkeit: 1819

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 36,2 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Mexiko

Jahr der Unabhängigkeit: 1821

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 44,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 8

Niederlande

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 6,3 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 1

Norwegen

Jahr der Unabhängigkeit: 1581

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Österreich

Jahr der Unabhängigkeit: 1282

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 17,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 7

Portugal

Jahr der Unabhängigkeit: 1139

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit 1800: 10,6 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 3

Russland

Jahr der Unabhängigkeit: 1457

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 39,1 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 5

Schweden

Jahr der Unabhängigkeit: 1523

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: keine

Spanien

Jahr der Unabhängigkeit: 1476

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 23,7 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 13

Türkei

Jahr der Unabhängigkeit: 1453

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 15,5 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 6

USA

Jahr der Unabhängigkeit: 1783

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 0,0 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: Als Folge der Wirtschaftskrise von 1837 stellten acht amerikanische Bundesstaaten ihre Zahlungen ein. Mehr als 100 Banken gingen in daraufhin Pleite. Knapp 150 Jahre schlingert die US-Wirtschaft wieder: Am 15. August 1971 erklärte der amerikanische Präsident Richard Nixon die sofortige Aufhebung der Dollar-Konvertierbarkeit in Gold, also die Aufhebung der Verpflichtung der USA, jederzeit Dollar in eine bestimmte Menge Gold umzutauschen. Diese auch als Nixon-Schock bekannte Ankündigung bedeutete faktisch die Erklärung der Zahlungsunfähigkeit beziehungsweise Zahlungsunwilligkeit, da die Aufhebung einseitig und unter Bruch bestehender Abmachungen (Bretton-Woods-System) erfolgte.

Venezuela

Jahr der Unabhängigkeit: 1830

Anteil der Jahre in Umschuldung oder Staatsbankrott seit Unabhängigkeit 1800: 38,4 Prozent

Zahl der Umschuldungen oder Staatsbankrotte: 10

„Ramsch“-Anleihen haben in diesem Monat einen Ertrag von 0,84 Prozent eingebracht, während Staatsanleihen und Bonds der Güteklasse „Investment Grade” im Schnitt ein Minus von jeweils etwa 0,7 Prozent verzeichneten, zeigen separate Indizes von Bank of America Merrill Lynch.

Kommentare (5)

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Bashi49

20.08.2012, 17:16 Uhr

So einfach kehrt Ruhe ein, wenn nämlich die üblichen Verdächtigen von ihrem Murks ablassen. Wir sollten die ganze Bagage ein Jahr lang in bezahlten Urlaub schicken (kommt uns letztendlich billiger) und die Krise umbenennen in "Retter-Krise", denn der ganze Zirkus ist vor allem durch Eingriffe der Politik aufgebauscht worden. Hätte man Bear Stearns in Ruhe pleite gehen lassen, wäre den Banken klar gewesen, was sie zu erwarten haben - sie hätten sich freiwillig umstrukturiert. Das gleiche gilt für Griechenland: eine schlichte Pleite und die Sache wäre längst ausgestanden ohne irgendwelche Spekulanten auf den Plan zu rufen Aber so ist das eben, wenn Politiker an der Macht sind, die weder vom Tuten noch vom Blasen eine Ahnung haben, die kann man so wunderschön in Angst versetzen, indem alle möglichen Horrorszenarien an die Wand gemalt werden.

Account gelöscht!

20.08.2012, 18:00 Uhr

In der Sache stimme ich dir zu, allerdings musst du bedenken, dass die Politiker- Kaste aus zwei Sorten besteht, es sind einige, die Ahnung haben, die sind aber von Lobbyisten beeinflusst ( Man erinnere sich an Stefan Mappus und Lobbyist Dirk Notheis). Die andere Sorte ist die Ahnungslose Sorte die für Mehrheiten im Parlament sorgen muss. Man kann sie auch als Stimmvieh bezeichnen. Und wir, das Volk, glauben, dass wir in einer Demokratie leben, da wir wegen kritischen Worten nicht gleich ins Gefängnis wandern. Im praktischen Sinne leben wir in einer Diktatur der Finanzoligarchen, die durch ihre Lobbyisten wichtige politische Entscheidungen geräuschlos steuern ( Z.B.: Goldman Sachs Lobbyist Jörg Asmussen in EZB-Direktorium) . Da kann man sehen, wer am Ende der Gewinner ist.

easyway

20.08.2012, 20:25 Uhr

+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++

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