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19.09.2012

20:27 Uhr

Anleihemärkte

Entspannung in europäischen Krisenländern

Von einem heißen Herbst ist in der Euro-Zone bislang nichts zu spüren, im Gegenteil: Portugal und Spanien konnten günstig Geld am Kapitalmarkt aufnehmen und das Vertrauen in die Gemeinschaftswährung steigt.

Die positive Anleiheauktion in Portugal ist Anlass zum Anstoßen.

Die positive Anleiheauktion in Portugal ist Anlass zum Anstoßen.

Madrid/Lissabon/FrankfurtLangsam aber sicher scheint es für die europäischen Schuldenländer aufwärts zu gehen. Portugal hat am Mittwoch erfolgreich einen weiteren Testlauf für seine Rückkehr an die Kapitalmärkte absolviert, Spanien hatte schon am Vortag rund 4,6 Milliarden Euro Anleihen am Kapitalmarkt platziert und der Euro behauptet sich gegenüber dem Dollar.

Ob der Aufwärtstrend von Dauer sein wird, ist ungewiss, denn er dürfte auch stark von dem jüngst verkündeten Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank (EZB) gestützt sein. Trotzdem ist insbesondere Portugals Auktion kurzfristiger Staatsanleihen ein Zeichen dafür, dass die Anleger wieder Vertrauen in das von der Euro-Krise geplagte Land setzen.

EZB-Anleihe-Programm zur Lösung der Euro-Krise

Mehr Transparenz

Die EZB hatte im Mai 2010 nach einem Wochenende hektischer Rettungsaktionen der Euro-Staaten für Griechenland spontan ein Anleihekaufprogramm beschlossen. Die Konditionen des „Securities Market Programme (SMP)“ blieben weitgehend im Dunkeln. Die EZB gab lediglich im Nachhinein wöchentlich bekannt, welche Summen an Staatspapieren aus dem Markt genommen wurden, ohne dabei die Länder zu nennen. Zu beobachten war im Handel aber, dass die Zentralbank zunächst Griechenland und dann Irland und Portugal stützte, die unter den Rettungsschirm EFSF geschlüpft waren. Im Sommer 2011 folgten Spanien und Italien. Das Interventionsvolumen von SMP beläuft sich auf 209 Milliarden Euro.

Verzicht auf Limits

So wie unter dem alten Programm nennt die EZB unter dem neuen Plan namens OMT („Outright Monetary Transactions“) vorab keine Summe über mögliche Anleihekäufe. Mit dem Verzicht auf ein Limit signalisiert die Zentralbank, dass sie einen langen Atem hat. Die Notenbank will sich bei den Laufzeiten der betroffenen Staatspapiere auf eine Spanne von einem Jahr bis drei Jahren beschränken. Begründet wird das mit dem Ziel des Programms: Der EZB geht es nicht darum, die Anleihezinsen zu drücken, um den Regierungen die Staatsfinanzierung zu verbilligen.

Niedrige Zinsen kommen nicht beim Verbraucher an

Sie begründet ihr Eingreifen damit, dass die hohen Zinsen auf Staatspapiere indirekt die Kreditzinsen für die Verbraucher nach oben treiben. Der rekordtiefe Leitzins der Notenbank von 0,75 Prozent komme bei den Bankkunden nicht an. Die Übertragung der auf stabile Preise zielenden Geldpolitik sei damit gestört. Als Zeitraum für das Durchwirken der Leitzinsen auf die Marktzinsen veranschlagt die Zentralbank etwa drei Jahre.

Keine Hilfe ohne Spar- und Reformprogramm

Als Lehre aus der Hilfsaktion für Italien will die EZB in Zukunft nur den Ländern unter die Arme greifen, die den Rettungsfonds EFSF und seinen Nachfolger ESM um Hilfe bitten. Es kann sich dabei um ein umfangreiches Hilfsprogramm zu Staatsfinanzierung handeln oder um vorbeugende Kreditlinien bei ersten Finanzierungsengpässen. Die Regierungen müssen sich als Gegenleistung zu einem strikten Spar- und Reformprogramm verpflichten. Im vergangenen Jahr hatte die italienische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi die Reformbemühungen gedrosselt, als die Zinsen dank EZB-Anleihekäufen sanken. Die EZB wird künftig im Nachhinein bekanntgeben, von welchen Ländern sie Staatsanleihen gekauft hat.

EZB verzichtet auf Privilegien

Bisher genoss die EZB einen bevorzugten Gläubigerstatus. Damit würde die Notenbank bei einem Ausfall von Anleihen entschädigt, während viele Privatanleger Verluste hinnehmen müssen. Das wirkt abschreckend auf private Anleihekäufer und erschwert die angestrebte Entspannung bei den Zinsen. Die EZB will deshalb künftig auf das Privileg verzichten. Sie muss deshalb so wie die beteiligten nationalen Notenbanken im Pleitefall Verluste hinnehmen.

Inflationsbremse bleibt angezogen

Wie bisher will die EZB verhindern, dass durch den Aufkauf von Staatsanleihen die Geldmenge wächst, weil den bisherigen Besitzern der Anleihen frisches Geld zufließt. Die Notenbank erreicht das, indem sie die Anleihekäufe neutralisiert. Über ihre Geldmarktgeschäfte entzieht die EZB den Banken das Geld, das sie zuvor für Staatsanleihen neu geschaffen hat.

Bei Auktionen von Schuldtiteln mit sechsmonatiger und anderthalbjähriger Laufzeit nahm Portugal am Mittwoch zwei Milliarden Euro Kapital auf. Damit übertraf es das selbst gesteckte Ziel von 1,75 Milliarden Euro klar. Auch die Renditen waren niedriger als zuletzt. Für die 18-Monatspapiere wurden 2,9 Prozent Zinsen fällig, im April waren es noch 4,5 Prozent. Die sechsmonatigen Geldmarktpapiere rentierten mit 1,7 Prozent, im Juli lagen sie noch bei 2,2 Prozent. Die Nachfrage nach den 18-Monatsanleihen sei doppelt so hoch gewesen wie das Angebot, teilte das portugiesische Schatzamt mit, die sechsmonatigen waren sogar dreifach überzeichnet.

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Die Euro-Krise mit Humor zu erklären ist das Ziel des britischen Filmemachers Bob Denham. Das Ergebnis ist ein Drama in zehn Minuten, bei dem die lässigen Griechen und die strengen Deutschen auf's Korn genommen werden.

Der portugiesische Finanzminister Vito Gaspar hat sich erfreut über die relativ niedrigen Zinsen geäußert. Zugleich stellte Gaspar bei einer Rede am Mittwoch in Berlin die Fortschritte Portugals auf dem Weg zurück zu gesunden Staatsfinanzen heraus. Der Minister sprach vor der Bertelsmann-Stiftung von "enormen Verbesserungen", die sich in den aktuell vom Markt verlangten Zinsen ausdrückten. Die Renditen seien inzwischen auf einem mit dem Nachbarn Spanien vergleichbaren Niveau, was ein großer Erfolg sei.

Die EZB als entscheidende finanzpolitische Macht

Käufer von Staatsanleihen

Die EZB hat ein Programm zum Ankauf von Staatsanleihen. Sie kann frei entscheiden, wie viele Anleihen sie von Ländern kauft, um deren Zinslast zu drücken. Bislang hat die EZB für 211 Milliarden Euro Staatsanleihen gekauft - wie viele Bonds sie jeweils von welchen Ländern gekauft hat, hält sie geheim.

Regierungsaufseher

In Griechenland, Portugal und Irland kontrolliert die EZB zusammen mit der EU-Kommission und dem Internationalen Währungsfonds direkt die Finanz- und Wirtschaftspolitik der jeweiligen Regierung. Das schließt sogar detaillierte Vorgaben zur Reform des Taxigewerbes ein. Wenn der Rettungsschirm ESM einsatzbereit sein sollte und weitere Länder sich unter seinen Schutz begeben, könnte sich die indirekte Regierungsbeteiligung der EZB bald über halb Europa erstrecken.

Bankenretter

Eigentlich sollte die EZB nur solventen, also kreditwürdigen Banken Liquidität gegen gute Sicherheiten geben. Aber nachdem ganze Bankensysteme aus den Fugen geraten waren, zeigte die EZB sich immer großzügiger: Sie hat den Banken eine Billion Euro an Krediten mit dreijähriger Laufzeit gegeben. Damit ersetzt sie die Bankanleihen, über die sich die Häuser sonst finanzieren, die viele Banken aber nicht mehr absetzen können, weil sie als nicht mehr solvent genug gelten. Ohne diese Sonderkredite der EZB hätten viele Banken auslaufende Bankanleihen nicht mehr bedienen können und hätten geschlossen werden müssen, mit hohen Kosten für die Steuerzahler.

Undurchsichtige Nothilfen

Besonders undurchsichtig sind die Nothilfen, mit denen nationale Zentralbanken Problembanken helfen. Diese Nothilfe, genannt „Emergency Liquidity Assistance“ (ELA), kommt zum Einsatz, wenn Banken nicht mehr über genügend für die EZB akzeptable Sicherheiten verfügen. Die Notenbanken Griechenlands und Irlands, die am stärksten ELAs vergeben haben, weisen das Volumen dieser Hilfsprogramme in ihren Bilanzen nicht eindeutig aus. Griechische Banken können sich derzeit nur noch über ELA mit Liquidität versorgen.

Bankaufseher

Die europäischen Regierungschefs haben beschlossen, eine gemeinsame europäische Bankaufsicht zu schaffen. Die EZB soll die Oberhoheit bekommen und arbeitet bereits Pläne aus. Kritiker, auch unter den Notenbankern, fragen sich, wie man eine politisch unabhängige Institution, die sich für ihr Tun und Unterlassen nicht rechtfertigen muss, Entscheidungen über die Abwicklung oder Rettung von Banken treffen lassen kann, die die Steuerzahler Hunderte Milliarden Euro kosten können.

Außenhandelsfinanzierer

Durch die großzügige Notenbankhilfe werden nicht nur Banken gerettet, sondern ganze Staaten. Denn mit dem großzügigen Kredit von der EZB bezahlen die griechischen oder spanischen Banken die Forderungen des Auslands. Die entstehen dadurch, dass diese Länder im Handels- und Kapitalverkehr mit dem Ausland weniger einnehmen, als sie bezahlen müssen. Da sie den nötigen Kredit von privater Seite nicht mehr bekommen, müssten sie ihre Einfuhren sofort massiv einschränken, wenn die Notenbank nicht so großzügig Kredit gewährte.

Gleichwohl forderte Gaspar Geduld bei der weiteren Sanierung des Haushalts ein: "Die Rückgewinnung des Zugangs zum Finanzmarkt ist ein Prozess." Dieser Zugang werde nicht in einem dramatischen Schritt zurückgewonnen, sondern Schritt für Schritt. Portugal habe damit aber bereits begonnen. Mit dem Auslaufen des aktuellen Hilfsprogramms 2014 werde das Land in der Lage sein, sich ganz normal über den Markt zu finanzieren. Zudem forderte Gaspar für Europa, dass die Verbindung zwischen Staatsschulden und Bankenschulden gekappt werden müsse.

Das Hilfspaket von Europäischer Union und Internationalem Währungsfonds über 78 Milliarden Euro macht Portugal bis September 2013 weitgehend unabhängig von der Finanzierung über den Kapitalmarkt. Mit vereinzelten Anleihe-Emissionen versucht das Land jedoch, Tuchfühlung zu den Investoren zu halten und den Boden für die vollständige Rückkehr an den Markt zu bereiten.

Kommentare (13)

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Brasil

19.09.2012, 19:41 Uhr

"rtr/dapd/dpa" Die Presseorgane der Regierungsverbrecher in trauter Einstimmigkeit. Wieso brauchen wir davon drei? Acha, ja, damit die Bestechungsgelder fuer die Politmitlaeufer breiter verteilt werden koennen!

Account gelöscht!

19.09.2012, 19:45 Uhr

Machen Sie doch eine eigene Nachrichtenagentur auf!
Muß man nur ein bischen für arbeiten :).

Gast

19.09.2012, 19:57 Uhr

Manchmal denk ich wirklich, dass die hälfte de HB Foristen alte Stasis (jetzt beschäfigungslos) sind, die nix anderes zu tun haben als jede wirtschaftliche Tätigkeit zu kritisieren, jede gute Zahl kaputzureden, "die erhebung des Volkes gegen Politik und Hochfinanz" (O-ton Schreibtischrevoluzzer Berwanger) schon herbeisehen.

Manchmal krieg ich nen Hals, meistens kringel ich mich vor Lachen.

Meine Empfehlung: Einfach mal was vernünftiges Arbeiten statt hier den frust über ein verkorkstes Leben loslassen

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