Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

12.01.2012

17:26 Uhr

Anleihemarkt

Griechen-Angst überschattet Italiens Erfolg

Aufatmen in Rom und Madrid - große Sorge in Athen: Während Italien und Spanien sich endlich wieder Geld zu günstigen Kondition besorgen können, wackelt der Schuldenschnitt in Griechenland.

Der griechische Schuldenschnitt wackelt. dapd

Der griechische Schuldenschnitt wackelt.

Berlin/Rom/AthenItalien und Spanien haben den ersten Euro-Härtetest im neuen Jahr bestanden - aber der griechische Krisenherd flammt wieder einmal auf. In Athen ist der rettende Schuldenschnitt und damit die Zukunft des Landes in Gefahr. Während Rom und Madrid über 20 Milliarden Euro frisches Geld am Kapitalmarkt einsammeln konnten, warnte Griechenlands Regierung vor neuen Finanzlöchern, wenn nicht alle Investoren beim notwendigen Schuldenerlass mitziehen.

„Dies könnte der Fall sein, wenn nicht 100 Prozent der Halter griechischer Staatsanleihen am Schuldenschnitt teilnehmen“, sagte Vizefinanzminister Filippos Sachinidis am Donnerstag im griechischen Radio. „Dann wird eine zusätzliche Unterstützung von den Partnern (im Euroland) nötig sein“.

Auf den 50-prozentigen Schnitt hatte sich Griechenland mit den EU-Staats- und Regierungschefs und den Gläubigern im Herbst im Grundsatz verständigt. Seitdem wird um Details gerungen. Donnerstag traf der Chef des Internationalen Bankenverbandes (IIF), Charles Dallara, in Athen Regierungschef Lucas Papademos und Finanzminister Evangelos Venizelos. Erklärungen gab es anschließend nicht.

Kreditausfallversicherungen (CDS)

Was sind Kreditausfallversicherungen?

Mit Credit Default Swaps (CDS) - zu deutsch Kreditausfallversicherungen - können sich Investoren gegen einen möglichen Zahlungsausfall zum Beispiel einer Staatsanleihe oder eines Firmenbonds absichern. Kann der Schuldner nicht zahlen, springt der Versicherer ein. Vorausgesetzt er hat ausreichend dafür vorgesorgt - was nicht immer der Fall ist. 2008 stand der damals größte Emittent solcher Produkte, der US-Versicherungsriese American International Group (AIG), kurz vor der Pleite. Damals ging es um CDS auf den Ausfall hochspekulativer Wertpapiere, die Kredite für den amerikanischen Häusermarkt bündelten. Der Versicherungskonzern konnte die Schadenssummen aus den Ausfällen nur zahlen, weil er vorher vom Staat gerettet wurde.

Wer verdient an den CDS?

Zuerst einmal derjenige, der das Risiko versichert - das kann beispielsweise eine Bank sein. Je schlechter ein Land da steht, desto höher die Summe, die für eine Kreditausfallversicherung gezahlt werden muss. Die Prämien für mögliche Ausfälle Griechenlands oder anderer hoch verschuldeter Euro-Staaten sind deutlich gestiegen. Mit Kreditausfallversicherungen wetten aber auch Zocker auf eine schlechtere Bonität der Schuldner, ohne die entsprechenden Staatsanleihen zu besitzen. Dem schiebt die EU weitgehend einen Riegel vor, weil die Praktiken nach gängiger Meinung den Kursverfall von Staatsanleihen künstlich beschleunigt haben. Prinzipiell sollen sich von November 2012 an nur noch Investoren den Schutz über CDS kaufen können, die entsprechende Staatsanleihen halten.

Warum stehen CDS in der Kritik?

CDS werden nicht an der Börse gehandelt, der Markt gilt als wenig transparent und es gibt bisher keine staatliche Kontrolle über die ausgegebenen Papiere. Welche Investoren wie viele CDS auf Griechenland-Anleihen in ihren Büchern haben, ist kaum zu durchschauen. Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Mählmann von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt sieht daher „dringenden Handlungsbedarf“. „CDS sind durchaus sinnvoll. Aber es
muss klar sein, wer welches Risiko trägt. Es darf keinen zweiten AIG-Fall geben“.

Was ist das Risiko?

Viele Finanzhäuser haben ihr Engagement in Griechenland-Anleihen verringert. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass sie die Papiere verkauft haben. Das Risiko lässt sich auch durch den Erwerb von CDS minimieren. „Die entscheidende Frage ist daher, wo das Risiko geblieben ist. Die Anleihen sind ja nicht verschwunden. Durch die CDS wurde das Risiko lediglich umverteilt“, sagt Mählmann. Zwar führt der amerikanische Finanzdienstleister
Depository Trust & Clearing Corp (DTCC) ein zentrales Register, das Auskunft über die Volumina der Produkte gibt. „Doch CDS müssen nicht darüber laufen. Es gibt nach wie vor keine richtige Transparenz“, kritisiert Mählmann. (Quelle: dpa)

In Bankenkreisen heißt es, die Verhandlungen kämen nur schleppend voran. Das widerspricht offiziellen Beteuerungen: Enge Mitarbeiter von Papademos sagten der dpa, die Verhandlungen verliefen gut. Wann mit einem Abschluss zu rechnen sei, wollten sie aber nicht sagen. Die griechische Presse berichtet seit Tagen, dass zwar die meisten Banken den Schuldenschnitt akzeptierten. Viele Hedge-Fonds weigerten sich aber, weil sie entweder als Trittbrettfahrer auf die volle Auszahlung griechischer Schulden setzten oder auf Ausfallversicherungen (CDS) spekulierten, mit denen sie von der Staatspleite profitieren könnten.

Sparkassenpräsident Heinrich Haasis verlangte Klarheit: Die Sparkassen-Finanzgruppe könne sich nicht vorstellen, freiwillig noch höhere Forderungsverzichte zu akzeptieren. Zuletzt war wiederholt spekuliert worden, der Schuldenschnitt könnte auf einen Forderungsausfall von mehr als 50 Prozent hinauslaufen. „Das ganze Verfahren dauert bereits seit dem EU-Gipfel im Oktober 2011 und damit viel zu lange“, kritisierte Haasis. Die Umschuldung gilt als entscheidender Baustein für das zweite, 130 Milliarden Euro schwere Hilfsprogramm für Griechenland und soll die Schuldenlast um rund 100 Milliarden Euro erleichtern.

Wer hat welche Interessen im Fall Griechenland?

WARUM SIND DIE GRIECHEN ÜBERHAUPT EIN PROBLEM?

Bei der Lösung der europäischen Schuldenkrise gilt Griechenland eigentlich als „Altfall“. Die größere Sorge der Euro-Regierungen war und ist, dass sich große Volkswirtschaften wie Italien oder Spanien nicht mehr selbst refinanzieren können. Doch das eigentlich schon politisch anvisierte zweite Griechenland-Hilfspaket stockt. So haken etwa die Verhandlungen über den Beitrag privater Investoren zum Schuldenabbau - von dem wiederum die Einschätzung abhängt, ob das Land seine Schulden tragen und ob es neue Finanzhilfen der internationalen Partner bekommen kann. In den Verhandlungen gibt es viele offene Fragen - und sehr unterschiedliche Interessen.

BIS WANN MÜSSEN DIE GESPRÄCHE ABGESCHLOSSEN SEIN?

Eigentlich sollten die Gespräche über die Gläubigerbeteiligung schon im vergangenen Jahr abgeschlossen sein. Nun gilt Mitte Januar als Termin. Erst wenn die Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission weiß, ob der Privatsektor Griechenlands Schulden wirklich um 100 Milliarden Euro reduziert, kann und will sie ihr Urteil fällen, ob das Land weitere Hilfskredite bekommen soll. Die Zeit drängt: Mitte März muss der Euro-Staat Anleihen im Wert von rund 15 Milliarden Euro zurückzahlen.

WELCHE HÜRDEN SIND NOCH ZU ÜBERWINDEN?

Ziel ist es, die Verschuldung Griechenlands bis 2020 auf 120 Prozent von derzeit 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken. Das mit insgesamt 350 Milliarden Euro verschuldete Land und der Internationale Bankenverband sollen bis Anfang kommender Woche ein Rahmenabkommen über den Tausch von Anleihen aushandeln, das allen privaten Haltern griechischer Staatsanleihen vorgelegt wird. Diese entscheiden dann, ob sie sich freiwillig beteiligen. Entscheidend für das Ausmaß der Entschuldung wird für Griechenland die Höhe der Beteiligung sein - und für die privaten Investoren die Bedingungen eines Anleihentausches.

SIND EURO-PARTNER BEREIT, MEHR GELD AUF DEN TISCH ZU LEGEN?

Bankenvertreter und der griechische Finanzstaatsekretär warnen bereits, dass die privaten Investoren nicht die erhofften 100 Milliarden Euro zur Schuldenreduzierung zusammen bekommen. Weil Griechenland dann und wegen der noch schlechteren Wirtschaftsentwicklung mehr als die bisher anvisierten 130 Milliarden Euro bis Ende 2014 für die eigene Finanzierung bräuchte, müssten die Euro-Partner nachlegen. Dies stößt aber gerade in den nördlichen Euro-Staaten auf Ablehnung. In Deutschland haben die FDP und etwa der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Michael Fuchs Vorbehalte. Dennoch könnte die Summe der Hilfskredite am Ende etwas über den 130 Milliarden Euro liegen, heißt es in EU-Kreisen.

SIND INVESTOREN BEREIT, MEHR GELD AUF DEN TISCH ZU LEGEN?

Die Verhandlungen sind ein Pokerspiel. Während Banken auf die Politik verweisen, gibt es umgekehrt die Forderung, auf die Investoren eine größere Last abzuwälzen. Dazu gibt es drei Wege: So könnten private Investoren nicht mehr auf 50, sondern auf 75 oder mehr Prozent ihrer Forderungen verzichten müssen - da die Regelung freiwillig sein soll, ist eine Zustimmung der Investoren hierfür aber illusorisch. Um die Schuldenlast zu minimieren, könnten auch öffentliche Investoren auf einen Teil ihrer Forderung aus griechischen Anleihen verzichten. Drittens könnte die „Freiwilligkeit“ der Vereinbarung aufgehoben werden. Angedacht ist als Variante etwa eine rückwirkende Aufnahme von Umschuldungsklauseln für die alten griechischen Staatsanleihen. Die Folgen sind aber schlecht absehbar, weil dann Kreditversicherungen fällig werden könnten, wenn diese Regelung als „default“, also Insolvenz eingestuft wird.

WELCHE AKTEURE HABEN EIN INTERESSE AM SCHEITERN?

Es gibt Akteure, die an einer Rettung Griechenlands aus finanziellen Gründen kein Interesse haben. Analysten schätzen, dass mittlerweile rund die Hälfte der Hellas-Anleihen in Händen privater Gläubiger liegt, die sich bereits einer früheren Umschuldungs-Vereinbarung des Weltbankenverbands IIF mit Griechenland nicht angeschlossen haben. Etwa Hedgefonds dürften Kreditversicherungen (CDS) auf die Anleihen gekauft haben, die bei einem Bankrott fällig würden. Bestimmte Investoren könnten deshalb bei einer Staatspleite wesentlich besser dastehen als bei einer freiwilligen Zustimmung für einen Forderungsverzicht gegenüber Griechenland.

WARUM SCHEUT MAN EINE STAATSPLEITE?

Der dritte Weg neben einer größeren Last für die Staaten oder die Investoren wäre tatsächlich, Griechenland für nicht mehr zahlungsfähig zu erklären und eine ungeordnete Insolvenz auszulösen. Sowohl Griechenland als auch die Euro-Partner scheuen diesen Schritt aber, weil er wohl das Ausscheiden des Landes aus der Euro-Zone und ein massives Misstrauen auch gegen andere Euro-Staaten auslösen könnte.

Kommentare (18)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

12.01.2012, 18:07 Uhr

Sollten wir uns alle Griechenbonds kaufen, um "nein zum Schuldenschnitt" sagen zu können?

Radiputz

12.01.2012, 18:20 Uhr

Die Banken verzichten "freiwillig", "müssen" das Private also Sie und ich auch? Kann auf diese Frage mal ein kompetenter Sachkenner Antwort geben?
Die anvisierte Griechenlandanleihe WK A0T6US wird am 20.3. fällig. Wie steht´s, wie geht´s, darf und sollte man zugreifen oder gibt´s bis dahin wieder die Drachme?

Fragen über Fragen, und keine Antwort.

bobi

12.01.2012, 18:21 Uhr

Vergessen Sie die Privatanleger. Sie haben Ihre CDS.
Was ist mit der Bundesregierung? Hat die Bundesregierung bei der Kreditvergabe CDS abgeschlossen? Ein Schuldenschnitt wird hier direkt vom deutschen Steuerzahler bezahlt.
Da liefen doch die tollen Sendungen vor paar Monaten noch. Radio, Fernsehen, Zeitungen haben jeden ausgelacht und erzählt wie toll es ist, wenn Deutschland Kredite zu 2% aufnimmt und diese Griechenland zu 5% weitergibt.

Hier z.B. "ZDF Spezial"
http://www.youtube.com/watch?v=GmABrhcnYWU

Und die einzige Partei, die versucht hat, im Interesse des Deutschen Volke zu handeln, wurde von den anderen Parteien und Medien auf 2% schlecht geredet.
Die Politik hat versagt, die Medien haben versagt, die Journalisten haben versagt.

Aber hey, wir müssen ja viel wichtigere Dinge tun - Volksentscheide gegen Bahnhöfe, Kredite des Bundespräsidenten, Zitate bei der Doktorarbeit.
Das Volk war zu dumm, die Medien waren gekauft, die Politiker waren zu feige.
Verrat, Verrat und wieder Verrat.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×