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24.02.2014

13:00 Uhr

Anleihemarkt

Investoren feiern Machtwechsel in der Ukraine

Die neue Übergangsregierung der Ukraine genießt das Vertrauen der Anleger am Rentenmarkt: Die Staatsanleihen legen zu. Goldman Sachs hält eine kurzfristige Staatspleite für unwahrscheinlich.

Kundgebung in Kiew: Die Übergangsregierung hat eine Geberkonferenz gefordert. dpa

Kundgebung in Kiew: Die Übergangsregierung hat eine Geberkonferenz gefordert.

FrankfurtNach der Absetzung des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch setzen die Anleger am Rentenmarkt ihre Hoffnungen für eine Lösung der Krise auf die neue Übergangsregierung. Die in Dollar gehandelten Staatsanleihen machten einen Teil der Verluste der vergangenen Wochen am Montag wieder gut. So kletterte die bis 2023 laufende Dollar-Anleihe um bis zu 5,95 Zähler auf 90,3 Punkte. Der bis 2017 laufende Dollar-Bond stieg um 7,5 Punkte, die bis 2022 laufenden Papiere um bis zu 4,94 Zähler. Übergangspräsident Olexander Turtschinow hatte am Sonntag eine Annäherung seines Landes an Europa angekündigt.

Die Landeswährung Hrywnia konnte aber nur zeitweise zulegen. Nach einem Anstieg um rund zwei Prozent, kam sie im Handelsverlauf wieder unter Druck und verlor zum Dollar 2,4 Prozent und zum Euro 2,7 Prozent. Einige Anleger fürchteten offenbar, dass die Finanzhilfe für das Land erst nach den für Mai angesetzten Wahlen eingefädelt werden kann.

Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine

Rohstoffe

Das flächenmäßig nach Russland größte europäische Land besitzt jede Menge davon: Eisenerz, Kohle, Mangan, Erdgas und Öl, aber auch Graphit, Titan, Magnesium, Nickel und Quecksilber. Von Bedeutung ist auch die Landwirtschaft, die mehr zu Bruttoinlandsprodukt beiträgt als Finanzindustrie und Bauwirtschaft zusammen. Etwa 30 Prozent der fruchtbaren Schwarzerdeböden der Welt befinden sich in der Ukraine, die zu den größten Weizenexporteuren gehört. In der Tierzucht spielt das Land ebenfalls eine führende Rolle.

Wirtschaftskraft

Sie ist gering. Das Bruttoinlandsprodukt liegt umgerechnet bei etwa 130 Milliarden Euro, in Deutschland sind es mehr als 2700 Milliarden Euro. Das Pro-Kopf-Einkommen beträgt nicht einmal 3900 Dollar im Jahr. Wuchs die Wirtschaft 2010 um 4,1 und 2011 um 5,2 Prozent, waren es 2012 noch 0,2 Prozent. 2013 dürfte es nur zu einem Plus von 0,4 Prozent gereicht haben.

Außenhandel

Exportschlager sind Eisen und Stahl, gefolgt von Nahrungsmitteln, Rohstoffen und chemischen Produkten. Wichtigstes Importgut ist Gas. Auch Erdöl muss eingeführt werden. Die Ukraine könnte aber vom Energie-Importeur zum -Exporteur werden, weil sie große Schiefergasvorkommen besitzt.

Industrie

Sie ist von der Schwerindustrie geprägt, besonders von der Stahlindustrie, dem Lokomotiv- und Maschinenbau. Ein Grund ist, dass die Sowjetunion einen Großteil der Rüstungsproduktion in ihrer Teilrepublik Ukraine angesiedelt hatte. Eine Westorientierung und die Übernahme von EU-Rechtsnormen könnte das Land zunehmend zum Produktionsstandort für westliche Firmen machen.

Wirtschaftsbeziehungen zu Deutschland

Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner der Ukraine. Gemessen an der Größe des Landes ist das deutsche Handelsvolumen aber unterdurchschnittlich. Zu den wichtigsten deutschen Exportgütern zählen Maschinen, Fahrzeuge, Pharmaprodukte und elektrotechnische Erzeugnisse. Wichtigste ukrainische Ausfuhrgüter sind Textilien, Metalle und Chemieprodukte. Nach Angaben des Ostausschusses der Deutschen Wirtschaft sind knapp 400 deutsche Unternehmen in der Ukraine vertreten. Bei den Direktinvestitionen liegt Deutschland auf Platz zwei hinter Zypern.

Chancen ergeben sich für die deutsche Wirtschaft vor allem im ukrainischen Maschinen- und Anlagenbau. Zudem ist die frühere Sowjetrepublik mit ihren rund 45 Millionen Einwohnern ein potenziell wichtiger Absatzmarkt für Fahrzeuge. Korruption und hohe Verwaltungshürden stehen Investitionen indes im Wege.

Wirtschaftsbeziehungen zur EU

Rund ein Drittel der ukrainischen Exporte fließt in die EU. Eine engere wirtschaftliche Verknüpfung durch ein Handels- und Assoziierungsabkommen liegt auf Eis, nachdem Präsident Viktor Janukowitsch auf russischen Druck seine Unterschrift verweigerte. Für die EU ist die Ukraine für die Versorgung mit Erdgas von Bedeutung. Rund ein Viertel ihres Gases bezieht die EU aus Russland, die Hälfte davon fließt durch die Ukraine.

Wiirtschaftsbeziehungen zu Russland

Mit Abstand wichtigster Handelspartner der Ukraine ist Russland. Ein Drittel der Importe stammt aus dem Nachbarland, ein Viertel der Exporte gehen dorthin. Der Regierung in Moskau ist eine Orientierung der Ukraine nach Westen ein Dorn im Auge. Stattdessen drängt sie das Land zum Beitritt zur Zollunion mit Kasachstan und Weißrussland.

Streit flammt zwischen beiden Ländern immer wieder über Gaslieferungen auf. Die Ukraine importiert fast ihr gesamtes Gas aus Russland, muss dafür aber einen für die Region beispiellos hohen Preis zahlen. Der Konflikt über Preise und Transitgebühren hat in der Vergangenheit zu Lieferunterbrechungen geführt, die auch die Gasversorgung Europas infrage stellten.

Die Übergangsregierung hat eine Geberkonferenz gefordert. Das Land benötigt nach Angaben des Finanzministeriums rund 35 Milliarden Dollar an ausländischer Hilfe. US-Finanzminister Jack Lew forderte die Regierung auf, wegen Finanzhilfen zügig auf den Internationalen Währungsfonds (IWF) zuzugehen. Die Ukraine braucht dringend finanzielle Hilfen, das Land steht kurz vor dem Staatsbankrott. Russland drehte als Reaktion auf den Machtwechsel den Geldhahn zu und legte Milliardenhilfen auf Eis.

Börsianer erklärten, viele Rentenanleger setzten nun darauf, dass die Ukraine Finanzhilfe erhalte. Kurzfristig halten die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs denn auch einen Staatsbankrott für unwahrscheinlich. Politische Erwägungen dürften in diesem Fall wirtschaftliche und finanzielle überwiegen, erklärten sie. Daher dürfte die Hilfe des Westens vermutlich ausreichen. Dieses Jahr muss die Regierung in Kiew noch Schulden über sechs Milliarden Dollar bedienen.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

24.02.2014, 14:23 Uhr

Goldman Sachs schon wieder, der amerikanische Investor Franklin Templeton hält 6 Mrd der Anleihen und genau deswegen kommen jetzt die Forderungen, daß Deutschland und die EU den Staatsbankrott abwenden müssen. Das kam aber erst nachdem Frau Merkel und Herr Steinmeier wieder einmal ganz schnell Geld versprochen hatten. Vorher hieß es noch:
Angst vor Staatsbankrott Amerikaner und Briten bieten Ukraine Finanzhilfe

… Um die Zahlungsunfähigkeit abzuwenden, sind Milliardenhilfen nötig. Die USA und Großbritannien signalisieren umfangreiche Unterstützung.
http://www.spiegel.de/politik/ausland/drohender-bankrott-usa-und-briten-bieten-ukraine-finanzhilfen-an-a-955230.html

RumpelstilzchenA

24.02.2014, 17:08 Uhr

Sieh da, die eigentlichen Bandstifter kommen aus der Deckung!!!!

Lutz

24.02.2014, 17:19 Uhr

Und ab in die EU.

Dann werden die kosten für Tschernobyl endgültig dem deutschen Steuerzahler aufgebürdet. Die anderen werden kein Grund mehr sehen zu zahlen.

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