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16.11.2011

15:13 Uhr

Anleihemarkt

Wie Deutschland von der Krise profitiert

Nach wie vor meiden die Investoren zahlreiche Anleihen. Nicht nur das allgemeine Misstrauen, auch die Eigenkapitalvorgaben belasten deren Kurse. Die Bundesanleihen erweisen sich nach wie vor als Krisengewinnler.

Bundesfinanzminister Schäuble kann für die Bundesrepublik derzeit zu extrem günstigen Bedingungen Geld leihen. dapd

Bundesfinanzminister Schäuble kann für die Bundesrepublik derzeit zu extrem günstigen Bedingungen Geld leihen.

FrankfurtDie Wucht der jüngsten Verkaufslawine europäischer Staatsanleihen überrascht selbst Experten. Jede Menge Stoff also für Verschwörungstheorien. Sicher ist: Amerikanische und asiatische Investoren ziehen sich aus Frust über die quälend langsamen Entscheidungsprozesse aus europäischen Bonds zurück. Der Ausverkauf hat aber auch hausgemachte Gründe.

Günther Welter, Portfoliomanager der Union Investment, der ein Vermögen von etwa zwei Milliarden Euro verwaltet, beobachtet einen massiven Vertrauensverlust unter den Anlegern - in die Fähigkeit der Schulden-Staaten, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen und in die Solidarität der starken Euro-Länder. Nach Einschätzung von Allan Valentiner, Geschäftsführer und Fondsmanager bei Johannes Führ Asset Management, kommen Sorgen um die Konsequenzen der vereinbarten Hilfszusagen hinzu. „Wenn die einen für die anderen bezahlen müssen - was bedeutet das für die Bonität der Zahlenden?“

Damit nicht genug. „Zu den großen Verkäufern europäischer Anleihen zählen auch europäische Institute“, betont Johannes Rudolph, Anleihe-Analyst bei HSBC Trinkaus. „Die Banken sind ja gezwungen, ihre Portfolios abzubauen, teilweise auch aus regulatorischen Gründen.“ Hintergrund: Geldhäuser müssen ihre Geschäfte zukünftig mit mehr Eigenkapital hinterlegen. Da sie am Finanzmarkt nur schwer an frisches Geld kommen, fahren sie ihre Engagements zurück. Außerdem müssen sie Staatsanleihen zu ihrem Marktwert in die Bilanz einstellen, wodurch sich das Risiko von Ergebnis-Einbußen erhöht.

„Der Anleihemarkt ist vor allem ein Interbankenmarkt und die Banken trauen sich nicht über den Weg“, sagt Führ-Fondsmanager Valentiner weiter. „Alle wollen so wenig wie möglich Risiko in ihren Büchern haben.“ Ganz aussetzen könnten sie das Anleihegeschäft nicht, das sähe nicht gut aus. Also böten sie Verkäufern möglichst unattraktive Kurse, damit diese sich andere Käufer suchten.

Die sind ohnehin rar gesät. „Derzeit ist niemand bereit, Staatsanleihen zu kaufen - außer der EZB und die nur in begrenztem Umfang“, erklärt Union-Experte Welter. „Entsprechend gering sind die Volumina.“ HSBC-Experte Rudolph erklärt es so: „Die Schuldtitel werden zwischen den Brokern herumgereicht wie eine heiße Kartoffel. Jeder, der dann mal wieder die Hand aufhält, drückt den Preis.“

Die Bundesrepublik erscheint bislang als Profiteur der Turbulenzen. So billig wie nie zuvor kann sie bei Investoren Geld einsammeln. Die Kehrseite der Medaille: Renditen von unter einem Prozent sind nicht gerade eine große Verlockung, da die Inflation deutlich darüber liegt. Zum anderen haben angesichts des seit Monaten anhaltenden Runs viele Anleger ihre Portfolios inzwischen randvoll mit deutschen Staatspapieren, so dass sie sich bei Neuemissionen zurückhalten. Der Bund hat bereits Schwierigkeiten, genügend Käufer für seine Papiere zu finden.

Dennoch werden sich die deutschen Renditen weiter gegen Null bewegen, ist sich Stefan Kreuzkamp, Leiter des Anleihegeschäftes der DWS, sicher. „In der Euro-Zone gibt es aktuell nur einen Hort der Sicherheit und das sind Bundesanleihen.“ Außerdem sei der Markt für deutsche Schuldverschreibungen einer der liquidesten weltweit. Und Liquidität spiele für Investoren in unsicheren Zeiten wie diesen eine immer größere Rolle.

Paradoxerweise könnte gerade eine sich anbahnende Lösung für die Schuldenkrise die Zinsbelastung des Bundes erhöhen. Denn mit wachsendem Vertrauen in die Euro-Zone würde auch das Vertrauen in Anleihen Italiens, Spaniens oder Frankreichs wachsen.

Von

rtr

Kommentare (6)

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ax0

16.11.2011, 15:48 Uhr

"Der Bund hat bereits Schwierigkeiten, genügend Käufer für seine Papiere zu finden." Woran kann man das erkennen? Ist doch ein Widerspruch, wenn der "Markt für deutsche Schuldverschreibungen einer der liquidesten weltweit" ist.

DiesindDochnichtBloed

16.11.2011, 16:30 Uhr

HB sagt: "Wie D von der Krise profitiert. Die Bankanleihen erweisen sich nach wie vor als Krisengewinnler."

Da wird mal wieder - wie in der Finanzbranche üblich, Ursache und Wirkung verdreht.

Bei D hat sich dank unserer leistungsfähigen Volkswirtschaft durch die Krise NICHTS geändert. Wir genießen deshalb weiterhin bei den Experten im Markt, voran bei den Ratingagenturen ein AAA-Vertrauen. Im Gegensatz zu unseren Kannzlerinmehrheitspolitikern sind die "Märkte" doch nicht blöd.

D PROFITIERT NICHT VON DER KRISE, SONDERN VON SEINER VOLKS-WIRTSCHAFT. D WIRD ALLERDINGS DURCH POLITISCHE FEHLENTSCHEIDUNGEN WIE EFSF UND ALL DEM EURORETTUNGS-SCHWACHSINN EBENFALLS GEFÄHRDET, GENAU SO WIE DURCH SEINE INSTABILE FINANZBRANCHE, SOWOHL PRIVATE ALS AUCH STAATLICHE/ÖFFENTLICHE. Leider ein Versagen des Dr. jur. Schäuble als Kollaborateur von IIF-Ackermann.

Richtig ist umgekehrt: Die Bankanleihen von Staaten mit hoher Verschuldung IN VERBINDUNG mit einer NICHT wettbewerbsfähigen Volkswirtschaft sind jetzt endlich marktlogischerweise die verdienten Krisenverlierer, die Märkte können doch keine Rücksicht darauf nehmen, dass "Politiker" wie Berlusconi und Sarkozy mit allen Tricks an der Macht bleiben wollen, und deshalb jeglichen Reformwillen verweigern wollen. Das aber lassen die "ruhigen und coolen Märkte" nicht zu. Die Märkte erfüllen also den von Euro-Juncker und Konsorten missachteten Art.125 AEUV Maastricht. Juncker mit seinem Finanzplatz Luxembourg ist übrigens 2007 zum BANKER EUROPAS gewählt worden. Daran erkennt man, dass er sich als Bock zum Gärtner gemacht hat: als Chef der EURO-GRUPPE. Durch Leute wie ihn ist die Idee Europas und des Euro zu einer rein monetären Angelegenheit verkommen.

EFSFneu.imPARLAMENT

16.11.2011, 16:44 Uhr

Das ist leider die Folge der Kanzlerinmehrheits-Entscheidungen für das selbstmörderische Rettungssyndrom,
vor dem Bundespräsident in seiner berühmten Lindauer Rede am 24.06.11 gewarnt hat.

"Und wer rettet am Ende die Retter ?"

Die damaligen Retter NL, A und FIN sind gestern schon ausgefallen. Jetzt gibt es nur noch D, wie lange noch?
Ein deutliches Signal wäre, wenn endlich die beiden Schuldigen, Josef Ackermann und sein Jurist Dr. Schäuble, von der Bühne verschwinden würden und die ganzen selbstmörderischen Rettungsaktionen nach heutigem Wissensstand im Parlament neu verhandelt würden.

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