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19.01.2015

15:33 Uhr

Anleihen

„Irrer“ Anleihehändler schlägt den Markt

Ein Anleihehändler aus London wettete gegen die Wall Street – und gewann. Auch in diesem Jahr trotzt er dem Trend und setzt auf fallende Renditen. Einige nennen ihn verrückt – er argumentiert mit historischen Fakten.

Ein Händler an der New Yorker Börse. Die Mehrheit der Analysten geht dieses Jahr von steigenden Renditen bei Anleihen aus. Einige wetten jedoch auch gegen den Trend. AFP

Ein Händler an der New Yorker Börse. Die Mehrheit der Analysten geht dieses Jahr von steigenden Renditen bei Anleihen aus. Einige wetten jedoch auch gegen den Trend.

LondonSteven Major hat letztes Jahr etwas Seltsames gemacht: Er hat die Entwicklung der Anleihenmärkte richtig vorausgesagt. Als die meisten Experten „Verkaufen“ rieten, sagte Major „Kaufen“. Dieses Jahr schwimmt er mit seiner Meinung wieder gegen den Strom. Immer noch zeigt die Wall Street in die andere Richtung. Allerdings hat die Wall Street letztes Jahr auch mächtig daneben gelegen.

Major, Leiter der Research-Abteilung für Festverzinsliche Papiere bei HSBC in London, stach aus der Masse hervor, als er korrekt vorhersagte, dass die Renditen zehnjähriger Treasuries auf etwa 2,1 Prozent fallen würden. Andere hatten gesagt, sie würden sich der Vier-Prozent-Marke nähern.

„Manche Investoren dachten, wir wären völlig irre“, erzählt Major, als er über seine Markteinschätzung von 2014 spricht. Heute sagt er, dass die Renditen weiter fallen werden, möglicherweise auf bis zu 1,5 Prozent, bevor sie wieder anziehen und das Jahr bei 2,5 Prozent abschließen werden. Die Wall Street dagegen erwartet im Zuge von Zinserhöhungen durch die Fed einen großen Ausverkauf am Markt. Der Median der 74 Prognosen aus einer Bloomberg-Umfrage liegt bei 3,01 Prozent zum Jahresende.

Major weist Bedenken wegen der Fed zurück. Stattdessen sieht er Parallelen zwischen der schwachen Weltkonjunktur in den Jahren unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und der Lage heute. Damals hatte das schwache Wachstum die Treasury-Renditen unter 2,5 Prozent gehalten. Nach seiner Empfehlung im letzten Jahr werde Major nun „mehr Anhänger haben“, sagte Rod Davidson, Leiter der Abteilung „Festverzinsliche“ beim HSBC-Kunden Alliance Trust.

Bereits jetzt deutet sich an, dass 2015 ein historisches Jahr werden wird. Die Treasuries-Renditen fielen zu Jahresbeginn stärker als am Anfang irgendeines anderen Jahres seit 1998. Sie schlossen letzte Woche bei 1,95 Prozent. Der Durchschnitt der Benchmark-Renditen der USA, Deutschlands und Japans fiel erstmals unter ein Prozent, in Europa droht eine Deflation, der Ölpreis fiel unter 50 Dollar je Barrel und die US-Löhne gingen zurück.

Staatsanleihen: Renditen im Sinkflug

USA

Rendite (zehnjährige Anleihe): 2,61 Prozent
Renditeveränderung (in den vergangenen drei Monaten): - 17,1 Basispunkte
Quelle: Bloomberg, 10.06.2014

Deutschland

Rendite: 1,38 Prozent
Renditeveränderung: - 24,8 Basispunkte

Italien

Rendite: 2,74 Prozent
Renditeveränderung: - 62,4 Basispunkte

Spanien

Rendite: 2,57 Prozent
Renditeveränderung: - 72,9 Basispunkte

Portugal

Rendite: 3,32 Prozent
Renditeveränderung: - 110,6 Basispunkte

Irland

Rendite: 2,41 Prozent
Renditeveränderung: - 65,9 Basispunkte

Griechenland

Rendite: 5,47 Prozent
Renditeveränderung: - 132,4 Basispunkte

Frankreich

Rendite: 1,71 Prozent
Renditeveränderung: - 48,5 Basispunkte

Finnland

Rendite: 1,57 Prozent
Renditeveränderung: - 35,9 Basispunkte

Österreich

Rendite: 1,66 Prozent
Renditeveränderung: - 24,7 Basispunkte

Niederlande

Rendite: 1,60 Prozent
Renditeveränderung: - 24,6 Basispunkte

Belgien

Rendite: 1,81 Prozent
Renditeveränderung: -52,1 Basispunkte

Großbritannien

Rendite: 2,69 Prozent
Renditeveränderung: - 10,8 Basispunkte

Japan

Rendite: 0,59 Prozent
Renditeveränderung: - 2,5 Basispunkte

Schweiz

Rendite: 0,72 Prozent
Renditeveränderung: - 25,8 Basispunkte

Russland

Rendite: 4,26 Prozent
Renditeveränderung: - 89,3 Basispunkte

Türkei

Rendite: 8,67 Prozent
Renditeveränderung: - 187 Basispunkte

Major zufolge können die Zinsen noch jahrelang niedrig bleiben, weil die Schulden, die die Länder nach der Finanzkrise auf sich geladen haben, das Wachstum dämpfen und ihre Ausgaben einschränken. Der weltweite Anleihemarkt hat sich um mehr als 40 Prozent auf 100 Billionen Dollar aufgebläht, nachdem die Regierungen Rettungsaktionen für Banken organisierten und einbrechende Steuereinnahmen die Defizite vergrößerten.

Laut Internationalem Währungsfonds erreichte die öffentliche Verschuldung im Jahr 2012 108 Prozent des Bruttoinlandsprodukts – und damit ein Niveau, das es seit Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gegeben hatte. Trotz der Sparmaßnahmen einiger Länder wird die Quote in diesem Jahr immer noch bei 106 Prozent liegen.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

19.01.2015, 17:32 Uhr

Auch Gross sagte fallende Renditen für Anleihen voraus - das war nicht sehr schwer.

Angesichts der idiotischen forward guidance der Fed und auch im unvollkommenen Versuch bei der EZB konnte eigentlich jeder Idiot recht leicht Geld machen.

Dies geschieht auch - vornehmlich mit fremdem Geld.
Eigenes Geld nimmt der Profi ungern in die Hand.
So wird es bei unserem englischen Freund auch sein.

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