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17.11.2012

16:44 Uhr

Anleihen

Renditejäger stürzen sich auf Belgien

Vor einem Jahr spekulierten Investoren auf einen Zerfall der Euro-Zone. Die Renditen belgischer Anleihen waren hoch. Inzwischen hat sich das Zinsniveau fast halbiert, doch noch immer ist Spielraum nach unten vorhanden.

Regierungschef Elio Di Rupo hat Belgien an den Kapitalmärkten wieder hoffähig gemacht. dpa

Regierungschef Elio Di Rupo hat Belgien an den Kapitalmärkten wieder hoffähig gemacht.

BrüsselBelgische Bonds zählten einst unter den Schlusslichtern im Euroraum. Nun haben sich zu einem der Spitzenreiter in der Region gemausert. Auslöser für den Anstieg der Anleihenkurse waren die von Ministerpräsident Elio Di Rupo zugesicherten Haushaltskürzungen. Weil die Anleger so extrem nach höheren Renditen jagten, sind die Fremdkapitalkosten des Landes so niedrig wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

So hat Belgien schon zwei Monate vor Ablauf des Jahres mehr Geld von Anlegern eingesammelt als geplant. Der Staat hat sich bisher schon rund 38,5 Milliarden Euro von Anlegern geliehen. Geplant waren ursprünglich nur 31,5 Milliarden Euro. Doch wegen der extrem niedrigen Zinsen stockte Belgien das Volumen im September auf.

Die für das Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur will insgesamt 6,8 Milliarden Euro des Kreditbedarfs für 2013 noch in diesem Jahr decken. Vor einem Jahr schien diese Entwicklung noch unmöglich. Denn Belgien stand lange Zeit ohne Regierung da. Deshalb zweifelten Investoren an der Stabilität des Landes und verlangten Risikoprämien, also höhere Zinsen. Für zehnjährige Staatsanleihen wurden fast sechs Prozent Zinsen fällig. Bei der jüngsten Auktion lag der Durchschnittszins dagegen mit 3,239 Prozent fast bei der Hälfte.

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Die seit Dezember 2011 amtierende Regierung hat sich den Defizitabbau auf die Fahnen geschrieben. Die Ratingagenturen bewerten Belgien mit der zweitbesten Bonitätsnote "AA".

Im ersten Halbjahr habe man eine allmähliche Zunahme des Interesses beobachtet”, erläutert Anne Leclercq, Direktorin bei der belgischen Schuldenagentur in einem Interview mit Bloomberg News in Brüssel. “Ausländische Investoren kehren an die europäischen Märkte zurück und haben in Belgien gute Gelegenheiten gefunden.”

Die von Standard & Poor's mit “AA” benoteten Papiere haben in den vergangenen zwölf Monaten den dritthöchsten Ertrag unter den Staatsanleihen der 17 Mitglieder im Euroraum eingefahren. Sie kamen laut Bloomberg auf einen Ertrag von 19 Prozent, während deutsche Bundesanleihen nur ein Plus von fünf Prozent aufwiesen.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

18.11.2012, 09:26 Uhr

Müsste man bei einer seriösen Bewertung der Risiken neben den rein finanzmathematischen Aspekten nicht auch die politischen Aspekte einbeziehen?
Fahren Sie mal in die Wallonie (ausgenommen die deutschsprachigen Teile) und suchen Sie einen Wallonen, der auch nur ein wenig flämisch spricht. Sie werden in der Regel lange suchen, während Sie in Falndern ganz problemlos Menschen finden, die französisch sprechen (zumindest wenn klar ist, dass Sie kein Wallone sind).
Angesichts dieser Ablehnung fragt sich eine zunehmende Zahl von Flamen wie lange das vergleichsweise reiche Flandern die arme Wallonie noch «durchfüttern» soll.
Allein die Tatsache, dass man sich selbst dafür einigen müsste hat bislang eine Spaltung des Landes verhindert.
Wenn man so rundweg abgelehnt.

RDA

18.11.2012, 10:01 Uhr

Belgien ist unregierbar geworden. Die oberen Verwaltungsbehörden sind inflationär ausgebaut worden und verwalten im Wesentlichen sich selbst und das Mantra des Streist zwischen Flamen und Wallonen. Leidtragende sind Bürger und kommunale Verwaltungen.
Wenn "der Markt" sich nun auf belgische Anleihen stürzt, dann liegt das für Anleger aus der Eurone u.a. an den nach wie vor verzerrenden Eigenkapitalregeln für Banken und Versicherungen, die Staatsanleihen gegenüber sonstigen Anleihen begünstigen.

madde_padde

18.11.2012, 10:03 Uhr

"Müsste man bei einer seriösen Bewertung der Risiken neben den rein finanzmathematischen Aspekten nicht auch die politischen Aspekte einbeziehen?"

Das müsste man. Fragen Sie nur Herr Soros der gedacht hat DT und EZB wären nicht in der Lage den Euro aufrechtzuerhalten. Und um seinen short-Positionen gegen den Euro Nachdruck zu verleihen hat er medienwirksam einen lächerlichen 90-Tage-Countdown insziniert, bei dem nach Ablauf der Zeit der Euro am Ende sein sollte. Herr Soros hat die politische Dimension falsch eingeschätzt. Er hat geglaubt DT wird es nicht zulassen, dass die EZB wie eine echte Zentralbank handeln darf und die eigene Währung durch Anleihekäufe stützen würde.

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