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24.06.2016

11:44 Uhr

Anleihen

Schock am Bondmarkt

VonAndrea Cünnen

Investoren fliehen in sichere Bundesanleihen. Anleihen der Euro-Randländer werfen sie aus den Depots. Doch eine neue Euro-Krise droht nur bei einem „Rosenkrieg“ zwischen den Briten und der EU.

Der Brexit hat auch Rentenanleger auf dem falschen Fuß erwischt. dpa

Entsetzter Händler

Der Brexit hat auch Rentenanleger auf dem falschen Fuß erwischt.

FrankfurtDer Brexit ist da – und der Blick auf die erste Reaktion der Anleihemärkte nach dem Votum der Briten gegen die Europäische Union weckt böse Erinnerungen an die Euro-Krise. Das Misstrauen gegenüber den Anleihen der Euro-Randländer Spanien, Italien und Portugal ist wieder da. Die Kurse ihrer Anleihen fallen, und die Renditen schnellen zwischen 0,15 und 0,30 Prozentpunkte nach oben. Das klingt zunächst nicht nach viel, sind aber am Rentenmarkt deutliche Sprünge innerhalb so kurzer Zeit.

Gleichzeitig greifen Investoren zu Bundesanleihen, bei denen sie keinen Zahlungsausfall erwarten. „Wenn Großbritannien, die fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt nicht mehr in der EU bleiben will, kommen wahrscheinlich Zweifel auf, ob die EU in ihrer derzeitigen Form fortbestehen kann“, meint David Zahn, Leiter des Anleihegeschäfts beim Fondshaus Franklin Templeton.

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Die Rendite der viel beachteten zehnjährigen deutschen Staatsanleihe fällt um bis zu 0,12 Prozentpunkte auf minus 0,17 Prozent. So niedrig lag sie noch nie. Investoren, die jetzt einsteigen und die Bonds bis zur Fälligkeit halten, machen garantiert einen Verlust. Doch das ist ihnen offensichtlich egal, solange das Geld zumindest mit Blick auf die Zahlungsfähigkeit des Bundes sicher angelegt ist.

Hinzu kommt: Kurzfristig könnten deutsche Anleihen Investoren sogar noch Gewinne bescheren. So rechnen die Strategen der DZ Bank damit, dass die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe auf bis zu minus 0,25 Prozent sinken könnte. Das würde im Umkehrschluss einem Kursgewinn von rund zwei Prozent entsprechen. In diesem Jahr ist der Kurs der zehnjährigen Bundesanleihe bereits um mehr als sechseinhalb Prozent gestiegen.

Die Renditen zehnjähriger spanischer und italienischer Staatsanleihen steigen im Gegenzug auf bis zu 1,8 Prozent, die der portugiesischen auf bis zu 3,5 Prozent. Die Risikoprämien – also der Renditeabstand zu deutschen Bundesanleihen – haben sich damit um 0,3 und 0,5 Prozentpunkte vergrößert. Einen so deutlichen Anstieg innerhalb weniger Stunden gab es lange nicht. Später fallen die Renditen der Euro-Randländer allerdings von ihren Tageshoch. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen notiert immer noch im Minus, aber nicht mehr ganz so niedrig wie zu Handelsbeginn.

Insgesamt erinnern die ersten Marktreaktionen aber an die Zeiten der Euro-Krise, die erst gestoppt wurde, als Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) in seiner berühmten Londoner Rede am 26. Juli 2012 versprach, die Notenbank werde alles in ihrer Macht stehende tun, um den Euro zu retten. Dennoch: Panik ist nicht angebracht. Die Renditen auch der Euro-Randländer sind nämlich trotz des Anstiegs immer noch sehr niedrig. Vor der Draghi-Rede vor gut vier Jahren lagen sie zwischen 6,5 Prozent für Italien und mehr als elf Prozent für Portugal.

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