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10.08.2016

15:13 Uhr

Anleihenmarkt

Neue Zehnjährige auf Rekordtief

Deutschland hat am Vormittag eine Bundesanleihe um fünf Milliarden Euro aufgestockt, die Minusrendite steigt weiter. Noch turbulenter geht es bei den britischen Staatsanleihen zu.

Die Euro-Skulptur vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Die Renditen der Anleihen aus den jeweiligen europäischen driften weiter auseinander. dapd

Euro-Skulptur

Die Euro-Skulptur vor der Europäischen Zentralbank in Frankfurt: Die Renditen der Anleihen aus den jeweiligen europäischen driften weiter auseinander.

Frankfurt/LondonAnleihen haben am Mittwoch weltweit fester notiert. Zehnjährige deutsche Bundesanleihen rentierten mit minus 0,100 Prozent zwei Basispunkte niedriger. Deutschland stockte am Mittwochvormittag eine zehnjährige Bundesanleihe um fünf Milliarden Euro auf. Der Bonds mit Laufzeit bis 2026 hatte eine rekordniedrigen Rendite in Höhe von minus 0,09 Prozent nach minus 0,05 Prozent bei der vorherigen Auktion am 13. Juli. Der Bund Future stieg 26 Basispunkte auf 167,70 Prozent.

US-Treasuries rentierten mit 1,54 Prozent einen Basispunkt niedriger. Die Rendite zehnjähriger italienischer Anleihen gab drei Basispunkte auf 1,09 Prozent nach, spanische Papiere mit entsprechender Laufzeit rentierten mit 0,97 Prozent drei Basispunkte niedriger.

Die Staatsanleihen-Kaufprogramme der EZB: OMT und QE

Das „Outright-Monetary-Transactions“-Programm...

...wurde 2012 auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise beschlossen. „OMT“ steht für „Outright Monetary Transactions“, was übersetzt „direkte geldpolitische Geschäfte“ bedeutet.

(Quelle: Reuters)

Die Situation

Mit dem Programm sollen gezielt Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern aufgekauft werden, um extreme Renditeausschläge bei den Papieren einzudämmen. Als es beschlossen wurde, waren mit Italien und Spanien die dritt- und viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone ins Fadenkreuz von Investoren geraten. Die Zinsaufschläge der Staatsanleihen schossen in die Höhe – den Staaten fiel es zunehmend schwerer, ihre Schulden zu bedienen. Die Länder drohten in eine gefährliche Schieflage zu geraten.

Das Ziel

Mit OMT-Käufen kann die EZB in genau solchen Situationen gezielt gegensteuern. Denn Investoren steht die Notenbank dann als mächtiger Gegenspieler mit prinzipiell unerschöpflicher Finanzkraft gegenüber. Voraussetzung für den Ankauf von Staatsanleihen im Rahmen von OMT ist jedoch, dass sich das betreffende Land einem Rettungsprogramm unterwirft.

Die Praxis

OMT wurde noch nie aktiviert. Es gilt dennoch neben dem berühmt gewordenen Versprechen von EZB-Chef Mario Draghi, die Notenbank werde alles tun („Whatever it takes“), um den Euro zu verteidigen, als stärkste Waffe im Kampf gegen die Schuldenkrise und Spekulationen gegen den Euro. Schon die Ankündigung, die EZB werde wenn erforderlich unbegrenzt Anleihen aufkaufen, beruhigte damals die Märkte.

Die Kritik

Kritiker werfen der EZB vor, mit OMT gezielt einzelne Krisenstaaten mit der Notenpresse indirekt zu finanzieren. Denn Staatsanleihenkäufe hätten unter anderem zur Folge, dass die Zinsaufschläge der betreffenden Bonds sinken, so dass die Länder ihre Schuldendienste leichter leisten können. Die Notenbank argumentiert, ihr gehe es darum, den Zusammenhalt des Währungsraums zu wahren und Verzerrungen auf den Märkten zu beheben. Deren Funktionieren ist für ihre Geldpolitik von größter Bedeutung, weil sie als erste auf Zinsänderungen und andere EZB-Schritte reagieren. Seien diese Märkte gestört, könne die Geldpolitik nicht wirken, argumentiert die Notenbank.

Das „Quantitative Easing“ dagegen...

...ist ein Abwehrgeschütz gegen eine Deflation. Seit März 2015 kauft die EZB zusammen mit den nationalen Notenbanken im Währungsraum im Rahmen eines anderen Programms – „QE“ genannt – Staatsanleihen der Euro-Länder auf. „QE“ steht dabei für „Quantitative Easing“, was ins Deutsche übersetzt quantitative Lockerung bedeutet.

Das Ziel von „QE“

QE soll die derzeit aus EZB-Sicht viel zu niedrige Inflation künstlich anheizen. So soll eine ruinöse Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen, nachlassendem Konsum und zurückgehenden Investitionen verhindert werden. Dies nennen Volkswirte „Deflation“. Dagegen gibt es kaum ein wirksames geldpolitisches Mittel. Das zeigt etwa der Blick auf Japan, wo die Wirtschaft gut ein Jahrzehnt lang in einer Deflation gefangen war.

Der Unterschied

QE wird als geldpolitisches Instrument für ganz andere Zwecke eingesetzt als OMT. Letztendlich ist bei QE die Wiederherstellung von Preisstabilität das Ziel, was die EZB als Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent definiert. Denn dann besteht ein ausreichender Sicherheitsabstand zu einer Deflation. Bis mindestens Ende März 2017 will die EZB im Rahmen dieses Programms Staatsanleihen und andere Wertpapiere – darunter seit kurzem auch Firmenanleihen – im Volumen von insgesamt 1,74 Billionen Euro erwerben. Pro Monat sind Wertpapierkäufe im Volumen von 80 Milliarden Euro geplant.

Stärker legten britische Staatsanleihen zu, die Rendite zehnjähriger Gilts fiel um sechs Basispunkte auf 0,52 Prozent. Die Verzinsung fünfjähriger Titel fiel auf ein neues Allzeittief von 0,122 Prozent. Die Bank von England, die am Dienstag ihr Kaufziel für Anleihen verfehlt hatte, hatte mitgeteilt, dass sie die Lücke in der zweiten Hälfte ihres sechsmonatigen Anleihenkaufprogramms ausgleichen werde.

„Die Verkäufer streikten“, kommentierten die Marktexperten der National-Bank in Essen. Für die BoE werde es nun teuer, das geplante Volumen bei ihrem Staatsanleihen-Kaufprogramm zu schaffen oder sie müsse bald auf andere Anleihen ausweichen.

„Die Tatsache, dass die BoE keine Änderungen verkündet hat, deutet an, dass sie nicht besorgt ist“, sagte hingegen Simon Peck, Zinsstratege bei der Royal Bank of Scotland. „Die BoE wird in der Lage sein, ihr Programm wie geplant fortzusetzen. Die Renditen langlaufender Bonds fallen aufgrund von Nachfrage-Angebots-Dynamiken.“

Die britische Notenbank will nach dem Ausrutscher zum Start ihrer Anleihenkäufe zum Ankurbeln der Wirtschaft verlorenen Boden erst in einigen Monaten gutmachen. Ab November sollen die ausgefallenen Käufe über mehrere Monate nachgeholt werden, kündigte die Bank von England (BoE) am Mittwoch an. Sie hatte von Investoren am Dienstag britische Staatspapiere mit langen Laufzeiten ab 15 Jahren erwerben wollen. Diese ließen sich aber nicht ausreichend locken - der Notenbank wurden zu wenig Titel angeboten. Es fehlten schließlich Papiere im Volumen von 52 Millionen Pfund (umgerechnet 60,8 Millionen Euro). Es war es das erste Mal, dass die Notenbank seit dem Beginn der Anleihenkäufe im Jahr 2009 bei einer Rückkauf-Auktion nicht genügend verkaufswillige Investoren fand.

Warum Deutschland Großbritannien braucht

Hintergrund

Deutschland und Großbritannien bleiben auch nach einem Austritt der Briten aus der Europäischen Union miteinander verbunden.

Nato/ UN

Großbritannien ist eine der wichtigsten Militärmächte im westlichen Verteidigungsbündnis und besitzt Atomwaffen. Im Gegensatz zu Deutschland haben die Briten zudem einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat mit Vetorecht.

Rüstungsprojekte

Das Mehrzweckkampfflugzeug Eurofighter wird von Deutschland, Großbritannien, Italien und Spanien in Gemeinschaftsproduktion gebaut. Auch am Militärtransporter A400M sind beide Länder neben Frankreich, Belgien, Luxemburg, Spanien und der Türkei beteiligt.

Geheimdienstarbeit

Der britische Geheimdienst GCHQ verfügt über ein ähnlich weitreichendes Spionageprogramm wie die amerikanische NSA. Er zapft direkt die Glasfaserkabel an, die Daten von Europa in die USA weiterleiten. Der GCHQ kooperiert bei der Terrorabwehr mit dem BND.

Wirtschaft

Großbritannien und Deutschland sind wichtige Handels- und Investitionspartner. Mehr als 2.500 deutsche Unternehmen haben Niederlassungen in Großbritannien. Etwa 3.000 britische Unternehmen sind in Deutschland vertreten. Für die deutsche Automobilindustrie ist das Vereinigte Königreich einer der größten Exportmärkte.

Finanzen

London ist das wichtigste Finanzzentrum Europas und größter Handelsplatz für Devisen und Derivate weltweit. Die Frankfurter Börse plant, mit ihrem Londoner Pendant zu fusionieren.

Menschen

Gut 100.000 Briten leben in Deutschland, etwa 300.000 Deutsche in Großbritannien. Großbritannien ist bei deutschen Studenten beliebt. Viele Mitglieder des deutschen Hochadels sind enger oder entfernter mit Königin Elizabeth II. und ihrem Gemahl Prinz Philip verwandt.

Vermutlich dürfte es nicht mehr lange dauern, bis es auch negative Renditen für britische Staatsanleihen gibt. Denn eine Grafik von Volkswirt David Mackie (JP Morgan) zeigt, dass die Transmission der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank nie besser funktioniert hat als im letzten Jahrzehnt. Mit Programmen zum Ankauf von Anleihen und für Kredite sind die Zinsen für die Verbraucher in den letzten beiden Jahren mehr als doppelt so stark gesunken wie der Einlagenzins, im Vergleich zu einer Durchleitung von zwischen 50 Prozent und 75 Prozent in den vorherigen Zyklen. Zuvor hatte Mark Carney, der Gouverneur der Bank von England, seinen Kollegen in Europa und Japan noch erklärt, sie hätten es wohl ein bisschen falsch verstanden, als sie die Zinsen unter null Prozent senkten.

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