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24.08.2016

16:32 Uhr

Anleihenrating

Scope will EZB-Bonitätswächter werden

Bei ihrem Anleihenkaufprogramm akzeptiert die EZB bislang nur Papiere, die von mindestens einer der großen angelsächsischen Ratingagenturen das Gütesiegel "Investment Grade" haben. Das könnte sich langfristig ändern.

Scope will Ratings aus europäischer Perspektive vergeben, bei denen etwa hohe Reserven an flüssigen Mitteln positiv bewertet werden. dpa

Alternative Ratingagentur

Scope will Ratings aus europäischer Perspektive vergeben, bei denen etwa hohe Reserven an flüssigen Mitteln positiv bewertet werden.

FrankfurtDie deutsche Ratingagentur Scope will in den Kreis der von der Europäischen Zentralbank (EZB) anerkannten Bonitätswächter vorstoßen. Mit der Bestätigung durch die Notenbank wäre die Berliner Firma die erste in Deutschland ansässige Ratingagentur, auf deren Bonitätseinstufungen die Euro-Wächter bei wichtigen geldpolitischen Entscheidungen zurückgreifen würde. "Wir befinden uns in regelmäßigen Gesprächen mit der EZB", sagte Firmenchef Torsten Hinrichs der Nachrichtenagentur Reuters. Scope sei zuversichtlich, den Anforderungen der EZB zu genügen. Das dürfte aber noch einige Zeit dauern. "Wir sind noch mehrere Jahre davon entfernt, alle strengen Kriterien zu erfüllen", sagte Hinrichs, der vor seinem Wechsel vor zwei Jahren Deutschland-Chef des Branchenprimus S&P war.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Bei ihrem großangelegten Anleihenkaufprogramm akzeptiert die EZB beispielsweise nur Papiere, die von mindestens einer der anerkannten Ratingagenturen das Gütesiegel "Investment Grade" haben. Bislang schaut sie dabei lediglich auf die Bewertungen der großen Ratinghäuser Standard & Poor's (S&P), Moody's, Fitch und die deutlich kleinere Gesellschaft DBRS, die alle aus dem angelsächsischen Raum stammen.

Eine Sprecherin der EZB wollte sich zum Stand der Gespräche mit Scope nicht äußern. Für die EZB ist unter anderem wichtig, dass eine Agentur im Markt etabliert ist. Sie muss eine breit gefächerte Kredit-Expertise bei Staatsanleihen, Pfandbriefen, Hypothekenpapieren sowie Firmenschuldtiteln über die Euro-Länder hinweg besitzen.

Scope hatte erst vor wenigen Wochen den deutschen Wettbewerber Feri EuroRating erworben, um so im Geschäft mit Länder-Ratings Fuß zu fassen. Mit dem Industriegase-Konzern Linde gewann die Gesellschaft zudem kürzlich den ersten Kunden im deutschen Leitindex Dax.

Von

rtr

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