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18.03.2012

10:43 Uhr

Anleihentausch

Was die Griechen übriglassen, schnappt sich die Bank

VonJörg Hackhausen

ExklusivDer Anleihentausch für Griechenland ist abgeschlossen. Eine Bank wollte dafür von den Privatanlegern hohe Gebühren kassieren. Und auch ein Verkauf der neuen Papiere wird teuer - denn dafür wären 24 Transaktionen nötig.

Durch den Schuldenschnitt verlieren Anleger einen Großteil ihres Geldes. dpa

Durch den Schuldenschnitt verlieren Anleger einen Großteil ihres Geldes.

DüsseldorfDer Schuldenschnitt für Griechenland kostet Anleger einige Nerven. Zwar ist der Anleihetausch inzwischen vollzogen – die neuen Papiere sind in die Depots eingebucht worden. Doch bei Betroffenen regt sich Unmut - diesmal über die Banken.

„Die DAB Bank hat mir nun für die alte Anleihe 24 neue Anleihen eingebucht und dafür je 7,95 Euro als Gebühren abgebucht. Dabei ist der Marktwert nicht mal mehr so hoch“, sagt Korbinian S. dem Handelsblatt. Der Kleinanleger hatte 1.000 Euro in griechische Anleihen gesteckt. Das meiste davon war bereits durch den Schuldenschnitt weg. Nominal liegt der Verlust der Anleger bei 53,5 Prozent, tatsächlich aber sehr viel höher. Und für den mickrigen Rest wollte die Bank noch Gebühren kassieren.

Das Problem liegt in der unfassbar komplizierten Ausgestalung des Schuldenschnitts: Wer vorher eine einzige Anleihe der Griechen besaß, der bekommt nun zwei Dutzend neue Papiere ins Depot gebucht – ob er will oder nicht. Darunter sind 20 neue Anleihen, die in den Jahren 2023 bis 2042 auslaufen, dazu drei EFSF-Papiere und ein Bond, der an das Wirtschaftswachstum Griechenlands gekoppelt ist.

Was Anleger beim Schuldenschnitt 2012 erhalten

Frische 30-jährige Anleihe

Exakt 31,5 Prozent des ausstehenden Nennwerts der bisherigen Anleihen erhalten Gläubiger in Form des folgenden Papiers:

Anleihe mit Laufzeit bis 2042:

In den Jahren 2013, 2014 und 2015 beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 2,0 Prozent

In den Jahren 2016 bis 2020 einschließlich beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 3,0 Prozent

Im Jahr 2021 beläuft sich die Zinszahlung (Koupon) auf: 3,65 Prozent

Ab dem Jahr 2022 beläuft sich die jährliche Zinszahlung (Koupon) auf: 4,3 Prozent

Die Zinsen werden ab dem 24. Februar 2012 berechnet.

Die neuen Anleihen werden eine Umschuldungsklausel (CAC) enthalten.

An das BIP gekoppeltes Papier

Zu der frischen 30-jährigen Anleihe mit EFSF-Absicherung erhalten die Anleger ein getrennt handelbares Wertpapier:

Der Wert dieses Papiers wird von der Entwicklung des Wirtschaftswachstums in Griechenland abhängen. Ab welchem Wachstumswert des Bruttoinlandsprodukts (BIP) diese Papiere greifen, war in der ersten veröffentlichten Übersicht des griechischen Finanzministeriums nicht vermerkt. Mittlerweile liegen die Schwellenwerte vor, ab denen es zusätzliche Zahlungen geben wird.

Eine Auszahlung wird es erstmals für das Jahr 2014 geben, die Überweisung dafür erfolgt am 15. Oktober 2015. Bezugsgröße ist das bis dahin von der europäischen Statistikbehörde Eurostat veröffentlichte BIP für Griechenland. Spätere Revisionen finden keine Berücksichtigung. Die letzte Zahlung kann es im Jahr 2042 für das Jahr 2041 geben.

Die Auszahlung errechnet sich wie folgt:

[(Nominales BIP - nominaler BIP-Referenzwert] - realem BIP-Referenzwert] x 1,5 = Y
Sollte Y den Wert 0,01 überschreiten, gilt Y=0,01
Auszahlung für jeweils 100 Euro Nennwert des Papiers = 100 € x Y
Maximal werden also 1 Euro je 100 Euro Nennwert ausgeschüttet.

Die Wachstumsrate berechnet sich aus dem nominalen BIP im betreffenden Jahr im Vergleich zu nominalen Referenz-BIP-Werten.

Die realen BIP-Referenzwerte sind folgende:
2014 - 2,345 %
2015 - 2,896 %
2016 - 2,845 %
2017 - 2,797 %
2018 - 2,597 %
2019 - 2,497 %
2020 - 2,247 %
2021-2041 - 2 %

Die nominalen BIP-Referenzwerte lauten (in Mrd. €)
2014 - 210,1
2015 - 217,9
2016 - 226,4
2017 - 235,7
2018 - 245,5
2019 - 255,9
2020-2041 - 266,5

Aus den nominalen und realen BIP-Referenzwerten für 2014 leitet sich folgendes Beispiel ab: Das nominale BIP im Jahr 2014 muss mindestens 215,03 Milliarden Euro betragen, damit es eine Zahlung auf die Papiere gibt. Ab einem nominalen BIP-Wert von 217,13 Milliarden Euro im Jahr 2014 gibt es für dieses Jahr die maximale Zahlung von einem Euro pro 100 Euro Nennwert.

Zur Erinnerung: Das nominale BIP Griechenlands hat im Jahr 2010 laut den jüngsten Zahlen von Eurostat 230 Milliarden Euro betragen, ist im vergangenen Jahr aber deutlich geschrumpft. Bei einem angenommenen Minus von sieben Prozent hat das nominale BIP 2011 etwa 214 Milliarden Euro betragen. Die Stagnation des BIP-Referenzwerts ab 2020 lässt Auszahlung in den Jahren danach wahrscheinlicher werden.

Die Angaben erfolgen ohne Gewähr.

EFSF-Papier statt Bargeld

Gläubiger mit Sitz in den USA erhalten 15 Prozent des ausstehenden Nennwerts ihrer Anleihen in bar ausgezahlt. Alle anderen Gläubiger erhalten diese 15 Prozent in Form eines EFSF-Wertpapiers:

EFSF Note:

Es wird zwei Varianten dieser „Notes“ geben, beide mit einem Gesamtvolumen von bis zu 15 Milliarden Euro.

Die Laufzeit endet am 12. März 2013 beziehungsweise am 12. März 2014.

Der Zinssatz auf diese Papiere steht noch nicht fest.

Die Umstellung der Kundendepots fand bei der DAB Bank in der Nacht zum Donnerstag statt. Wer am nächsten Morgen in sein Depot schaute, erlebte die Überraschung. In Online-Foren beschwerten sich Kunden anschließend darüber, dass die Bank für das Einbuchen der neuen Anleihen kassierte, obwohl kaum einer den Anleihentausch wirklich wollte. Auf Wallstreet Online kommentierte ein Anleger: „Habe den Mist seit heute auch im Depot. Meine Depot Bank hat mir sogar 10 Euro Gebühren berechnet! Das muss man sich mal vorstellen. Ich unterliege einem Zwangstausch und dann noch abkassieren.“

Die Bank argumentierte so: Wer dem Anleihetausch zustimmt, der erteilt damit eine Order - und die koste nun mal Gebühren. Nur wer dem Schuldenschnitt widersprochen hätte, dem sei keine Gebühr in Rechnung gestellt worden. Korbinian S. sagt allerdings, er habe dem Tauschangebot explizit widersprochen. Trotzdem seien die Gebühren abgebucht worden.

Nach zahlreichen Beschwerden von Kunden lenkte die Bank ein.

Kommentare (52)

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Proletarier

16.03.2012, 17:00 Uhr

..hoffentlich, wachen die ganzen "EU-Traumtänzer" endlich auf und erkennen, daß es "kurz vor Feierabend" bei den EU-Staatsanleihen ist.

Reale Werte sind Trumpf und besser nicht auf das "verblendende Gelaber" von den EU-Bürokraten hören. Das hat noch nie zu etwas Realem für die/den kleine(n) Frau/Mann geführt. Allenfalls zu Lastenausgleichs- und Zwangsenteignungsgesetzen.

dadafiffi

16.03.2012, 17:02 Uhr

Wo sind denn die Politiker geblieben die uns zum Kauf geraten haben? Es ist so still darüber geworden. Haben die etwa Angst bekommen?
Vielleicht traut sich ja noch doch einmal jemand aus der Deckung und gibt seinen Fehler zu?
Ich rechne mit weiteren Pleiten bei Staatsanleihen. Dann gibt es vermutlich einen Erdrutsch der den Euro mitreissen könnte. Bitte anschnallen!

Frank

16.03.2012, 17:06 Uhr

interessant hierzu: "Griechenland : Haircut unzulässig für Deutschland?" (http://iknews.de/2012/03/16/griechenland-haircut-unzulassig-fur-deutschland/)

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