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26.06.2013

13:05 Uhr

Anleihezinsen

Böse Überraschung

VonJörg Hackhausen, Sebastian Ertinger

Die Investoren fürchten steigende Zinsen – und verkaufen Anleihen in großem Stil. Die Kurse fallen, die Renditen steigen. Besonders empfindlich trifft das Europa. Die Krise könnte wieder aufflammen.

Getty Images

DüsseldorfAn den Finanzmärkten macht sich Unruhe breit: Weltweit haben sich Investoren in den vergangenen Wochen von Anleihen getrennt. Die Kurse sind abgesackt, umgekehrt sind die Bondrenditen gestiegen. Erstmals seit langem steigen die Zinsen. Es ist der Beginn einer Zeitenwende, sagen Experten. „Das Blatt hat sich gewendet“, erklärt Howard Ward, Chief Investment Officer bei Gamco Investors. Er malt ein geradezu dramatisches Szenario: „Die verlorene Dekade für Anleihen hat begonnen.“

Besonders empfindlich treffen steigende Zinsen die hoch verschuldeten Staaten in Südeuropa. Die Renditen zehnjähriger Bonds aus Spanien oder Italien sind seit Anfang Mai um gut einen Prozentpunkt auf fast fünf Prozent gestiegen. Bei Anleiheauktionen am Dienstag mussten beide Länder deutlich höhere Zinsen bieten als bei früheren Emissionen. „Die Märkte sind in dem Modus: Hilfe, die Liquidität geht aus“, sagt Harald Preißler, Chefvolkswirt der Investmentgesellschaft Bantleon. „Das zeigte sich auch wieder an den Renditen Südeuropas.“

Steigende Renditen

Deutschland

Rendite zehnjähriger Anleihen: 1,64 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 43 Basispunkte

USA

Rendite zehnjähriger Anleihen: 2,44 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 81 Basispunkte

Japan

Rendite zehnjähriger Anleihen: 0,86 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 28 Basispunkte

Italien

Rendite zehnjähriger Anleihen: 4,50 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 62 Basispunkte

Spanien

Rendite zehnjähriger Anleihen: 4,70 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 59 Basispunkte

Portugal

Rendite zehnjähriger Anleihen: 7,91 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 229 Basispunkte

Griechenland

Rendite zehnjähriger Anleihen: 11,08 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 42 Basispunkte

Frankreich

Rendite zehnjähriger Anleihen: 2,26 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 56 Basispunkte

Irland

Rendite zehnjähriger Anleihen: 3,97 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 49 Basispunkte

Brasilien

Rendite zehnjähriger Anleihen: 4,21 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 155 Basispunkte

China

Rendite zehnjähriger Anleihen: 3,47 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 6 Basispunkte

Indonesien

Rendite zehnjähriger Anleihen: 7,21 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: + 178 Basispunkte

Indien

Rendite zehnjähriger Anleihen: 7,50 Prozent
Veränderung seit 1. Mai: - 23 Basispunkte

Quelle

Bloomberg, 3.7.2013

Sollten die Anleiherenditen in dem Tempo weiter anziehen, könnten die Schuldenstaaten schnell wieder in eine ähnlich missliche Lage geraten wie im vergangenen Sommer. Damals waren die Kreditkosten so sehr in die Höhe geschossen, dass Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, eingreifen musste. Er kündigte an, dass die EZB alles tun werde, um den Euro zu erhalten. Außerdem sei man bereit, unter Umständen so viele Anleihen wie nötig aufzukaufen, um die Staaten zu stützen.

Gestern legte Draghi nach. Das Programm zum Anleihekauf sei sogar noch wichtiger geworden, erklärte der Zentralbanker in Berlin. Ein eindeutiges Signal an die Finanzmärkte, das den kräftigen Anstieg der Renditen stoppen sollte. Kurzfristig sorgte es für Ruhe.

Dass sich Draghi genötigt sah, seinen Blankoscheck zu erneuern, hat er gewissermaßen seinem Kollegen Ben Bernanke zu verdanken. Bernanke, Chef der US-Notenbank, hatte Ende Mai angedeutet, dass die Federal Reserve ihr Anleihekaufprogramm – monatlich 85 Milliarden Dollar – noch in diesem Jahr zurückfahren könnte. Zumindest war es das, was die Investoren in seine Worte hinein interpretierten. Sofort setzen Spekulationen ein, dass auch Zinserhöhungen nicht mehr grundsätzlich ausgeschlossen seien, sollte sich die US-Wirtschaft weiter erholen.

Kommentare (22)

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MrX

26.06.2013, 13:19 Uhr

Wer mit steigenden (Leit)zinsen rechnet, sollte einen Beschwerdebrief an den Weihnachtsmann schreiben.

Finanzrepression googeln, aktuelle Situaion analysieren und verstehen, Parallelen mit der Vergangenheit erkennen...
Zinserhöhung sowohl in den Usa als auch inder Eurozone kaum möglich bis unwahrscheinlich

Account gelöscht!

26.06.2013, 13:20 Uhr

BLÖDSINN...und einige Zeilen weiter unten schreiben Sie, dass der Run auf den Italo-Schrott begonnen hat, weil Draghi wieder tolle Zusagen gegeben hat.
Der Trick ist doch, dass die großen Jungs (GS und Co) jetzt schön die Kurse durch den Abverkauf gesenkt hatten und jetzt billiger wieder einsteigen können. Wenn sie keine Lust zum Zocken mehr haben oder dann wieder von call auf put umsteigen, kauft Draghi ihnen den Mist wieder für teures Geld ab. Gewinn bei den Investoren, Risiko bei der EZB und Verlust bei mir als Steuerzahler. Danke, Frau Merkel, dass Sie diesen Zockern und der EZB Tür und Tor geöffnet haben.

zephyroz

26.06.2013, 13:39 Uhr

In Anbetracht der Risiken, die die (Staats-)Anleihen mancher Länder bergen, sind die Zinsen viel zu niedrig. Es ist auch kein Anreiz an sich zu arbeiten, wenn es einem (den Staaten) zu leicht (quasi Null-Zinsen) gemacht wird. Die Märkte werden eine Konsolidierung erzwingen. Ich empfehle in diesem Zusammenhang das Interview mit Hr. Poullain im HB letztens.
Niedige Zinsen sind aber auch aus anderem Grund schädlich, schädigen sie doch die Sparer hierzulande über Gebühr. Der Sparzins muß mindestens die Inflationsrate decken - das ist m. E. absolutes Minimum. Wenn also die Zinsen steigen, begrüße ich das sehr.

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