Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2017

08:49 Uhr

Anreizprogramm für Whistleblower

Wie Börsendetektive viel Geld verdienen

Zwei Analysten haben den Bilanzbetrug eines US-Unternehmens aufgedeckt. Nun winkt für die eigenen Recherchen eine Belohnung von bis zu 2,5 Millionen Dollar. Solch ein Vorgehen ist kein Einzelfall.

Informanten, die ein Finanzdelikt aufdecken, können mit einer ordentlichen Prämie rechnen. Imago

Die Mühe lohnt sich

Informanten, die ein Finanzdelikt aufdecken, können mit einer ordentlichen Prämie rechnen.

WashingtonMit Börsenbetrug lässt sich eine Menge Geld verdienen. In den seltensten Fällen treibt die Gier die Täter zu solch drastischen Mitteln wie der Sprengstoffanschlag auf den Mannschaftsbus des börsennotierten Fußballclubs Borussia Dortmund.

Denn Auffallen führt häufig geradewegs zum Scheitern. Die Aufsichtsbehörden schlafen nicht - und haben bisweilen unerwartete Hilfe. Dazu trägt mitunter bei, dass Informanten, die ein Finanzdelikt aufdecken, ebenfalls gutes Geld verdienen können. Dies zeigt der Fall zweier Analysten aus den USA. Ihnen winkt eine Belohnung von bis zu 2,5 Millionen Dollar, weil sie allein dank eigener Recherchen die illegale Bilanzkosmetik einer Firma öffentlich machten.

Im Zentrum steht der Medizingerätehersteller Orthofix aus Texas, der mit ehrgeizigen Ergebniszielen gute Noten bei vielen Branchenexperten bekam. Doch ein Analyst traute dem Braten nicht. Er entdeckte 2012 Unstimmigkeiten in den Bilanzen, die das Management nicht überzeugend erklären konnte. Der Experte fand etwa, dass es auffällig lange dauerte, bis das Unternehmen von seinen Großhandelskunden bezahlt wurde, die offenen Rechnungen türmten sich.

Kreative Bilanzierung: Zehn Tricks, mit denen Firmen ihre Zahlen aufhübschen

Kreative Bilanzierung

Premium Zehn Tricks, mit denen Firmen ihre Zahlen aufhübschen

Irreführende Kennziffern, überhöhte Firmenwerte, verschwiegene Sondereffekte: Bei der Bilanzierung werden Deutschlands Vorstandsetagen kreativ. Mit welchen Mitteln sie die Zahlen zu ihren Gunsten verändern – ganz legal.

„Ich halte immer Ausschau nach etwas Ungewöhnlichem“, erzählt der Analyst. „Und bei dem Unternehmen zeigte sich etwas, das sich als ungewöhnlich schlecht erweisen könnte.“ Er verbrachte Monate damit, Quartalsberichte und Telefonkonferenzen zu durchforsten. Er jagte massenweise Orthofix-Zahlen durch Computerprogramme, um sie mit denen von Konkurrenten zu vergleichen.

Schließlich zog er 2013 einen befreundeten Kollegen aus einer anderen Stadt zurate. Beide kamen zu dem Ergebnis, dass die Firma ihre Zahlen mit Hilfe des sogenannten Channel Stuffing aufpoliert. Das bedeutet: Ein Unternehmen vertreibt mehr Produkte an Lieferanten, als diese verkaufen können. Damit werden Umsätze gewissermaßen verfrüht gebucht und Ausfälle in die Zukunft verschoben. Eine solche Praxis verstößt gegen das Gesetz, wenn die Investoren nicht darüber informiert wurden.

In ihrer Einschätzung bestärkt wurden die zwei Analysten im Mai 2013, als Orthofix seine Quartalsziele verfehlte und einen Geschäftseinbruch bekanntgab. Die beiden schalteten eine Anwaltsfirma ein, die der US-Börsenaufsicht SEC im Juni 2013 den ersten Tipp gab und später mit weiteren Belegen ergänzte. Die Anwälte machten einen früheren Orthofix-Mitarbeiter ausfindig, der den Verdacht bestätigte.

Die SEC nahm die Firma aufs Korn und nötigte ihr eine Strafe von 8,25 Millionen Dollar auf. Ein im Januar dieses Jahres erzielter Vergleich sieht ferner vor, dass frühere Orthofix-Manager wegen Betrugsvorwürfen zusammen 120.000 Dollar zahlen müssen.

Börsen ABC

Termingeschäft

Ein Termingeschäft ist ein Geschäft, das erst zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten zukünftigen Zeitpunkt erfüllt werden muss. Zum Beispiel muss eine bestimmte Ware oder ein Finanzinstrument vom Verkäufer erst in drei Monaten geliefert und vom Käufer vollständig bezahlt werden. Unterschieden werden unbedingte und bedingte Termingeschäfte: Bei einem unbedingten Termingeschäft geht der Käufer die Verpflichtung ein, eine bestimmte Menge des Handelsgegenstands zu einem späteren Zeitpunkt zu einem bei Vertragsabschluss festgelegten Preis vom Verkäufer zu kaufen (der Käufer geht damit eine „Long Position“ ein); der Verkäufer verpflichtet sich, zu den vereinbarten Konditionen zu liefern („Short Position“). Ein bedingtes Termingeschäft ist ein Optionsgeschäft. Termingeschäfte werden teils über Terminbörsen mit standardisierten Terminkontrakten angebahnt und abgewickelt oder außerbörslich im Handel „über den Banktresen“ (Over-the-Counter, OTC) zu frei ausgehandelten Konditionen. Mit Termingeschäften kann man finanzielle Risiken absichern (Hedging), auf Preisänderungen spekulieren (Trading) oder Preisunterschiede zwischen Märkten ausnutzen (Arbitrage).

Quelle: Bundesbank.de

Terminkontrakt

Ein Terminkontrakt hat ein standardisiertes unbedingtes Termingeschäft zum Inhalt, das über eine Terminbörse vereinbart und abgewickelt wird. Terminkontrakte gibt es für zahlreiche Handelsgegenstände wie zum Beispiel Weizen, Gold, Devisen, Staatsanleihen oder Aktien. Die Details eines börsennotierten Terminkontrakts wie zum Beispiel die genaue Spezifikation des unterliegenden Handelsgegenstands, die Kontraktgröße und seine Laufzeit sind standardisiert. Ein Terminkontrakt ist ein Derivat: Seine Preisentwicklung hängt maßgeblich von der Preisentwicklung des unterliegenden Handelsgegenstands, dem „Basiswert“, ab. Terminkontrakte, werden zur Absicherung gegen das Risiko von Preisschwankungen eingesetzt („Hedging“), zur Spekulation auf eine erwartete Preisentwicklung des Basiswerts (Trading) oder um Preisunterschiede zwischen Märkten auszunutzen (Arbitrage). Terminkontrakte (englisch: Futures) sind von Optionskontrakten (bedingten Termingeschäften) zu unterscheiden.

Derivat

Als Derivat wird in der Bankensprache ein Finanzinstrument bezeichnet, dessen Preis von der Preisentwicklung einer zugrunde liegenden Bezugsgröße, dem sogenannten Basiswert, abhängt. Basiswerte sind zum Beispiel Aktien, Aktienindizes, Staatsanleihen, Währungen, Zinssätze, Rohstoffe wie Weizen und Gold, ferner auch Swaps. Derivative Finanzinstrumente können als unbedingte Termingeschäfte oder als Optionsgeschäfte ausgestaltet sein, sie werden teils an Terminbörsen mit standardisierten Konditionen gehandelt, teils außerbörslich (Over-the-Counter, OTC) zu frei ausgehandelten Bedingungen. Preisänderungen im Basiswert führen in bestimmten Situationen zu erheblich stärkeren Preisänderungen der jeweiligen Derivate. Mit Derivaten kann man finanzielle Risiken absichern (Hedging), auf Preisänderungen spekulieren (Trading) oder Preisunterschiede zwischen Märkten ausnutzen (Arbitrage).

Optionsgeschäft

Ein Optionsgeschäft ist ein bedingtes Termingeschäft, bei dem der Käufer ein Wahlrecht (Option) bezüglich eines zugrunde liegenden Basiswerts erwirbt. Basiswerte sind zum Beispiel Aktien, Anleihe-Terminkontrakte oder Rohstoffe. Unterschieden werden Kauf- und Verkaufsoptionen. Der Käufer einer Kaufoption erwirbt das Recht, den Basiswert zu einem zukünftigen Zeitpunkt zu einem vorab festgelegten Preis zu kaufen; der Käufer einer Verkaufsoption erwirbt entsprechend das Recht, den Basiswert zu verkaufen. Der Käufer kann dieses Recht aber auch ungenutzt lassen, wenn ihm dies günstiger erscheint. Demgegenüber hat der Verkäufer einer Kauf- bzw. Verkaufsoption kein Wahlrecht, er muss als „Stillhalter“ das Geschäft erfüllen, wenn der Käufer seine Option ausübt. Für das Wahlrecht (die Option) zahlt der Käufer dem Stillhalter bei Vertragsabschluss eine Prämie. Käufer können Optionsgeschäfte nutzen, um sich gegen unerwünschte Preisentwicklungen des Basiswerts abzusichern (Hedging) oder um auf Preisentwicklungen zu spekulieren (Trading). Dem Verkäufer geht es in erster Linie um die Vereinnahmung der Prämie. Unterschieden werden börsliche Optionsgeschäfte mit standardisierten Optionskontrakten und außerbörsliche Optionsgeschäfte. Bei einer „europäischen Option“ kann der Käufer sein Wahlrecht nur am Ende der vereinbarten Laufzeit des Optionsgeschäfts ausüben, bei einer „amerikanischen Option“ zu jedem Zeitpunkt während der Laufzeit.

Grundlage der Börsendetektive ist das sogenannte Dodd-Frank-Gesetz, in dem die USA die Lehren aus der Finanzkrise zogen. Unter anderem gibt es dort ein Anreizprogramm für Informanten, die Vergehen melden. Diese sogenannten Whistleblower können nicht nur Insider sein, also Mitarbeiter von Banken und Firmen oder Marktakteure. Auch externe Tippgeber erhalten Belohnungen für entscheidende Hinweise. Häufig handelt es sich um Experten, die ausreichend Wissen, Zeit und technische Möglichkeiten haben, um Delikten auf die Spur zu kommen. „Manchmal haben Auswärtige eine besondere Expertise. Sie sind unabhängig und können Dinge zu einem Gesamtbild fügen, wie es für Personen, die mit der Angelegenheit vertraut sind, nicht ersichtlich ist“, erläutert SEC-Expertin Jane Norberg.

Bis Ende September vergangenen Jahres haben Whistleblower durch das Programm Belohnungen über insgesamt 111 Millionen Dollar erhalten. Mehr als ein Drittel davon entfiel auf externe Informanten. Im Fall Orthofix haben die Analysten – die anonym bleiben wollen – ihr Geld noch nicht bekommen. Im Mai wird ihre Anwaltsfirma bei der SEC eine Belohnung für die beiden beantragen. Erst wenn ihnen diese zugesprochen wird, wollen sie erstmals auf ihren Erfolg anstoßen. „Dann können wir uns treffen und einen Champagner trinken“, sagt einer von ihnen.

Von

rtr

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×