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02.01.2006

13:27 Uhr

Ausblick

Britische Börse trotzt dem Terror

VonFelix Schönauer

Der Leitindex FTSE hat in diesem Jahr fast 20 Prozent zugelegt. Der Höhenflug soll sich 2006 fortsetzen.

LONDON. Briten gelten als stoische Menschen. Nur wenige Dinge können sie aus der Ruhe bringen. In den Wochen nach dem 7. Juli 2005 zeigten sie der Welt, woher dieses Vorurteil kommt. Nach den Terroranschlägen auf U-Bahnen und einen Bus beobachteten zwar die Nutzer des öffentlichen Nahverkehrs jeden Mitreisenden überaus skeptisch. Panische Szenen blieben jedoch aus –trotz eines gescheiterten zweiten Versuchs nur zwei Wochen später.

Ähnlich stoisch reagierten die Anleger. Die Kurse führten im Sommer ihren Weg nach oben fort, als wäre nichts geschehen. Um es anders zu formulieren: Dass der Leitindex FTSE 100 am Ende dieses Jahres bei mehr als 5 500 Punkten und damit um fast zwanzig Prozent über dem Stand des Jahresbeginns liegt, ist in einem weltweit guten Jahr wie diesem kaum etwas besonderes. Dass der Footsie dies jedoch ohne Einbruch zur Jahresmitte überstand, ist bemerkenswert.

Wenn es nach einigen Analysten geht, setzt sich der Höhenflug auch im kommenden Jahr – möglicherweise leicht gebremst – fort. „UK Equities up for grabs“ titelt das britische Fondshaus Threadneedle Investments. Britische Papiere sind also günstig zu bekommen.

Selbstverständlich ist das nicht. Denn das wirtschaftliche Umfeld entwickelt sich längst nicht mehr so positiv wie noch vor einigen Jahren. Die britische Regierung hat ihre Wachstumsprognose für das laufende Jahr merklich und das kommende ein wenig nach unten korrigiert, das Haushaltsdefizit lässt mittelfristig höhere Steuern erwarten, und der für die britische Wirtschaft so wichtige private Verbrauch bleibt zurückhaltend. Zuletzt kamen sogar Inflationsängste auf. All das sind Zutaten eines Giftcocktails für jede Börse. Die US-Investmentbank Lehman Brothers erwartet zudem, dass sich die Firmen bei neuen Investitionen erneut stark zurück halten.

Allerdings könnte der britische Aktienmarkt von einer weiteren Eigenschaft profitieren: Er gilt angesichts der im Footsie enthaltenden Werte als defensiv, also als sicherer Hafen in schwierigen Zeiten. Zudem sind viele negativen Erwartungen bereits seit Monaten in den Kursen enthalten, positive Überraschungen dagegen nicht. Die Beobachter des Fonds Merrill Lynch Investment Managers gehen deshalb davon aus, dass der britische Markt für Überraschungen gut ist. Research-Chef Ewen Cameron Watt sagt: „Die düstere Stimmung erscheint übertrieben“ –zumindest in Bezug auf die Verbraucher. Der Konsum könnte sich wieder erholen, mit „positiven Auswirkungen auf den britischen Aktienmarkt.“ Lehman Brothers erwartet Hilfe von den Währungshütern:Der Leitzins könnte noch einmal um 100 Basispunkte unter das jetzige Niveau von 4,5 Prozent sinken. Das hilft nicht nur den zuletzt schlechteren Indikatoren, sondern auch den Verbrauchern auf die Sprünge.

Paul Findley von Threadneedle sieht andere Leitthemen für das Jahr 2006: „Aktienrückkäufe werden wichtiger“, sagt er. So könnte der Ölmulti BP, sein bereits im April 2004 gestartetes Programm erweitern. Andere Kandidaten sollten Anleger vor allem unter den viel Bargeld generierenden Unternehmen suchen.

Ein weiteres Thema sind Zukäufe. Der Markt für Unternehmensanleihen läuft robust, die Aufpreise (Spreads) gegenüber Staatsanleihen sind weiterhin gering. Billliges Geld dürfte nach Threadneedle-Meinung auch weiter zu Fusions- und Akquisitionsaktivität führen. Favoriten für den Fondsmanager bleiben Firmen aus dem Energie- und Rohstoff-Sektor, starke Franchise-Ketten und Firmen mit hohem Cash Flow. Den Aktionären von Firmen, die gerade zu Übernahmen anstehen, gibt Findley dabei einen Tipp: „Holt den maximalen Wert aus euren Investments“. Einige der Firmenjäger seien fähig und willens, (zu) viel Geld für die Objekte ihrer Begierde zu zahlen. Als größter Aktionär der London Stock Exchange geht Threadneedle seit einem Jahr quasi mit bestem Beispiel voran. Findleys Schlussfolgerung für 2006 lautet: „Es ist noch nicht zu spät einzusteigen.“ Es könnte also sein, dass der britische Markt die Skeptiker im nächsten Jahr eines Besseren belehrt.

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