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26.01.2009

07:05 Uhr

Ausfallversicherungen

Kreditmärkte spielen komplett verrückt

VonAndrea Cünnen

Der amerikanische Staat wird eher Pleite gehen als der Suppenhersteller Campbell. Das jedenfalls signalisieren die Preise für Kreditausfallversicherungen (CDS): Am Markt für diese Kreditderivate liegen die Absicherungskosten für einige US-Unternehmen oder britische Firmen zurzeit niedriger als die für ihre Heimatländer. Mit einem Zahlungsausfall der Staaten rechnen die Investoren aber nicht.

Solider Suppenanbieter: Glaubt man den Kreditmärkten, ist der US-Suppenhersteller Campbell zurzeit ein verlässlicherer Schuldner als der US-Staat. Foto: ap Quelle: ap

Solider Suppenanbieter: Glaubt man den Kreditmärkten, ist der US-Suppenhersteller Campbell zurzeit ein verlässlicherer Schuldner als der US-Staat. Foto: ap

FRANKFURT. Die Verwerfungen an den Kreditmärkten erreichen kuriose Ausmaße. Seit sich die Staaten mit neuen Rettungspaketen für die Banken und die Realwirtschaft überbieten, wachsen die Sorgen, ob sie dies verkraften können. In der Folge sind die Kosten, mit denen sich Investoren mittels Kreditderivaten vor einem Zahlungsausfall von Staaten schützen können, explodiert. Inzwischen ist die Absicherung für bekannte US-Konzerne wie zum Beispiel Campbell Soup, Mc Donald's oder Johnson & Johnson günstiger als die Absicherung vor einer Pleite der USA.

Ein Investor zahlt derzeit etwa bei Campbell jährlich 0,42 Prozent der Summe, die er absichern will, als Prämie, bei den USA dagegen 0,75 Prozent. „Diese Verwerfungen zeigen die enorme Unsicherheit der Investoren“, meint Philip Gisdakis, leitender Kreditstratege bei Unicredit. Die Anleger rechneten zwar nicht mit einem tatsächlichen Zahlungsausfall der USA oder den Ländern der Euro-Zone. Aber nachdem die Risiken aus den Bankbilanzen inzwischen durch die Rettungspakete in die Staatsbilanzen übergingen, gebe es Zweifel an der Belastbarkeit der Staatshaushalte.

Die Tatsache, dass die Absicherungskosten für einige US-Unternehmen und auch britische Firmen wie den Getränkehersteller Diageo oder dem Pharmakonzern Glaxo-Smithkline unter denen ihrer Heimatländer liegen, hält Gisdakis „für sehr merkwürdig, aber durchaus zu erklären“. Kernpunkt der Anomalie ist für ihn, dass Investoren sich nicht tatsächlich vor einem Zahlungsausfall der Staaten schützen wollen, sondern auf weiter steigende Versicherungsprämien spekulieren.

Das Instrument dafür sind Credit Default Swaps (CDS). Sie haben inzwischen weltweit ein Volumen von rund 50 Bill. Dollar. Um sich vor einem Zahlungsausfall zu schützen oder eben auch um auf steigende Sorgen vor einer Staatspleite zu wetten, zahlt ein Investor bei einem CDS-Kontrakt eine jährliche Prämie an einen anderen Investor. Bei einem Zahlungsausfall bekommt der Versicherte vom Versicherer sein Geld zurück. Je mehr Investoren Versicherungsschutz haben wollen, um so teurer werden die CDS-Prämien.

Wenn diese steigen, können Investoren ihren Schutz teurer an andere Interessenten weiterverkaufen. Alternativ wird das Geschäft aufgelöst, und der ursprüngliche Versicherer zahlt die Differenz zwischen Ursprungs- und gestiegener Prämie aus. Darauf spekulieren viele Anleger, um auch bei fallenden Anleihekursen Geld zu verdienen. Interesse daran haben laut Gisdakis viele Hedge-Fonds, aber auch Banken, herkömmlichen Asset Manager, Unternehmen und Versicherer. Da die Risikoprämien anderer CDS-Instrumente wie zum Beispiel bei den i-Traxx-Indizes, die einen Zahlungsausfall von großen Unternehmensportfolios absichern, schon sehr teuer geworden seien, konzentrierten sich die Investoren jetzt auf CDS für Staaten, erklärt Gisdakis.

Dass Spekulation und nicht Absicherung vor einer Staatspleite hinter den CDS-Käufen steckt, liegt auch vor einem anderen Hintergrund auf der Hand: „Wenn die USA in einem unwahrscheinlichen Armageddon-Szenario zahlungsunfähig werden, reißt das die Weltwirtschaft so in den Abgrund, dass kaum eine Bank oder ein Fonds die Versicherungen über die CDS noch auszahlen können.“, meint Jochen Korb, Kreditstratege bei der Landesbank Baden-Württemberg. Ein weiteres Zeichen dafür, dass vor allem Spekulanten am Werk sind, ist, dass die Renditen vieler Staatsbonds in den vergangenen sechs Monaten deutlich gesunken sind. Investoren, die jetzt steigende Renditen fürchten, wollen sich laut Korb über den Kauf von Versicherungsschutz absichern. Dies sei ihnen offensichtlich lieber als die Staatsanleihen zu verkaufen.

Bei Unternehmen spekulieren Investoren ebenfalls auf steigende CDS-Prämien. Bei einzelnen Firmen ist aber auch die Suche nach tatsächlichem Schutz vor einem Zahlungsausfall realistisch. „Zudem kann es sein, dass einzelne Unternehmen, die international breit aufgestellt sind, selbst dann überleben, wenn ihr Heimatland pleite geht“, meint Gisdakis. So rechnet der US-Suppenhersteller Campbell seinen Investoren vor, das er seit seiner Gründung im Jahr 1869 zwei Weltkriege und 28 Rezessionen überstanden hat.

So kommt es, dass die fünfjährigen CDS-Prämien für Campbell Soup bei 42 Basispunkten liegen, die für die USA seit dem Sommer von knapp 15 auf 70 Basispunkte in die Höhe geschossen sind.

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