Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.05.2016

16:24 Uhr

Balkan statt Brexit

Anleihen-Investoren flüchten nach Osteuropa

Seit sieben Jahren hängt Serbiens Antrag auf EU-Mitgliedschaft in der Schwebe. Nun profitiert das Land an den Anleihemärkten von seinem unsicheren Status. Der Grund: Investoren wappnen sich für einen möglichen Brexit.

Das Land am südöstlichen Rand Europas wird zum Zufluchtshafen für Brexit-scheue Investoren. dpa

Serbien

Das Land am südöstlichen Rand Europas wird zum Zufluchtshafen für Brexit-scheue Investoren.

BudapestEs gibt ein ehemals kommunistisches Land in Europa, bei dem Investoren Zuflucht finden vor einem drohenden Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU): Serbien. Die Eurobonds des Landes haben sich in den vergangenen vier Wochen besser entwickelt als jene von Polen, Ungarn, Kroatien und Rumänien - während Sorgen zunahmen, dass diese Staaten unter dem Verlust von Milliarden Euro an EU-Finanzmitteln leiden könnten, falls es zum Brexit kommt.

Weil der Antrag Serbiens auf EU-Mitgliedschaft seit sieben Jahren in der Schwebe ist, ist das Land nun besser abgeschirmt als seine Nachbarn. Das sagen Strategen von Commerzbank und Raiffeisen Bank. Die beiden Banken raten zum Kauf serbischer Anleihen. Diese dürften auch von den Plänen der Regierung profitieren, die Wirtschaft umzubauen und alles Nötige für ein besseres Kredit-Rating des Landes zu tun.

Selbst wenn die britischen Bürger am 23. Juni für einen Verbleib in der EU stimmen sollten, werden serbische Anleihen nach Meinung der Commerzbank weiter zulegen. Schließlich sei die serbische Regierung im vergangenen Monat mit dem Mandat wiedergewählt worden, die Anstrengungen für eine EU-Aufnahme bis zum Jahr 2020 zu verstärken.

Das Land „hat weniger zu verlieren”, sagt Simon Quijano-Evans, Chef-Stratege für Schwellenländer bei der Commerzbank. „Serbien wird mit einem höheren Spread gehandelt als die meisten vergleichbaren Länder in Mittel- und Osteuropa. Das gibt Investoren mehr Schutz bei einem Papier, das weniger direkt vom Austritt eines EU-Netto-Zahlers betroffen sein würde.”

Die geplanten EU-Zugeständnisse für GB

VERHÄLTNIS EUROZONE ZU NICHT-EURO-STAATEN

Für Nicht-Euro-Staaten wie Großbritannien wird ein neues Verfahren überlegt, um mehr Einfluss auf neue EU-Gesetzgebung zu nehmen. Frankreich hat Bedenken und fürchtet beispielsweise Alleingänge Londons bei der Finanzmarktregulierung zum Nachteil des Finanzplatzes Paris.

SOZIALLEISTUNGEN FÜR EU-BÜRGER

Tusk schlägt eine „Notbremse“ vor, die bei außergewöhnlich starker Zuwanderung von EU-Bürgern gezogen werden kann. Dann könnten bestimmte Sozialleistungen für neu Ankommende beschränkt werden. Das Verfahren ist de facto auf Großbritannien zugeschnitten. Die EU-Kommission will die Möglichkeit für alle Staaten eröffnen, Kindergeld an die Lebenshaltungskosten anzupassen, wenn die Nachkommen nicht im Land des Arbeitnehmers leben.

BÜROKRATIEABBAU

Die Wettbewerbsfähigkeit der Union soll gesteigert werden. Das kommt Cameron entgegen, der insbesondere auf Bürokratieabbau pocht.

ABSTAND ZUR EU

Großbritannien bekommt die Zusicherung, sich politisch nicht weiter in die EU integrieren zu müssen. Das soll möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt in den EU-Verträgen verankert werden. Paris lehnt allerdings Vertragsänderungen offen ab.

Der Aufschlag, den Investoren für serbische Anleihen im Vergleich zu US-Treasuries verlangen, hatte sich im April um drei Basispunkte auf 290 verengt, zeigen Indizes von JPMorgan. Beim Ungarn-Spread ging es demnach um einen Basispunkt auf 209 nach unten, während der Aufschlag von polnischen Papieren bei 122 Basispunkten lag.

Die Anleihen der anderen beider Länder waren vor wenigen Tagen von der Commerzbank auf „Verkaufen” herabgestuft worden. Und in einer Analyse von Citigroup wurde die polnische Währung als Mitglied jener Gruppe identifiziert, die am stärksten unter dem Verlust von Subventionen leiden würde.

Zwar ist auch Raiffeisen gegenüber serbischen Anleihen positiv eingestellt, allerdings sei das Land nicht vollständig immun mit Blick auf die möglichen Auswirkungen eines Brexit.

Die Kauf-Empfehlung der Bank, die sich auf einen Horizont von drei Monaten bezieht, habe eher etwas mit dem Wahlergebnis aus dem vergangenen Monat und weniger mit den geringen Auswirkungen eines britischen EU-Austritts zu tun, sagt Gintaras Shlizhyus, Stratege bei der Wiener Bank.

Union-Investment-Stratege: „Dem Euro droht bei einem Brexit Ungemach“

Union-Investment-Stratege

„Dem Euro droht bei einem Brexit Ungemach“

Frank Engels leitet das Rentenfondsmanagement bei Union Investment. Mit dem Handelsblatt sprach er über das, was ein möglicher EU-Austritt Großbritanniens für Währungen bedeutet und wer von Niedrigzinsen profitiert.

„Wenn man die direkte Volatilität betrachtet, dann wird Serbien weniger betroffen sein”, erklärt er. „Aber eine EU-Integration ist von fundamentaler Wichtigkeit für alle osteuropäischen Länder. Und ein Austritts-Votum wäre auch für Serbien nicht gut.”

Serbische Eurobonds haben Investoren in den vergangenen vier Wochen einen Ertrag von 1,4 Prozent beschert - was über den maximal 0,5 Prozent anderer Länder der Region im Bloomberg U.S. Dollar Emerging Market Sovereign Index. Allerdings hinkt der Ertrag den 2,2 Prozent von Russland und den 1,6 Prozent von Brasilien hinterher.

Fitch hatte Serbien bereits mit einem positiven Ausblick versehen. Am 17. Juni will die Ratingagentur die Note „B+” für das Land überprüfen. Zwei Wochen später ist S&P Global Ratings an der Reihe.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×