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22.05.2013

11:52 Uhr

Begehrte Anleihen

Billiges Geld strömt nach Frankreich

Rezession, Arbeitslosigkeit, Haushaltsloch: Frankreich ist derzeit nicht in bester Verfassung. Die Investoren scheren sich darum wenig und kaufen französische Anleihen. Billiges Geld der Zentralbanken macht es möglich.

Frankreich ist in schlechter Verfassung, wird seine Anleihen aber trotzdem los. dapd

Frankreich ist in schlechter Verfassung, wird seine Anleihen aber trotzdem los.

ParisVor etwas mehr als einem Jahr wurde Frankreich von der Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) herunter gestuft. Seitdem haben Anleger mit französischen Staatsanleihen gute Erträge erzielt, genauer gesagt ein Plus von zwölf Prozent. Das ist etwa dreimal so viel wie bei Bundesanleihen. Gold hat in demselben Zeitraum 17 Prozent verloren, auch wenn einige Anleger meinen, dass das Edelmetall von Abstufungen der Länderratings profitieren sollte.

„Französische Anleihen sind fundamental schwach, aber sie ziehen eine hohe Nachfrage an“, sagte Soeren Moerch, Leiter Rentenhandel bei der Danske Bank in Kopenhagen. „Frankreich könnten weitere Herabstufungen drohen, aber das macht nichts, solange es da draußen massive Geldsummen gibt, die nach Gewinnen streben. Frankreich ist Teil einer weltweiten Geschichte von Liquiditätsschüben und der Suche nach höheren Renditen.“

Die Zentralbanken unterstützen die Wirtschaftsentwicklung in einem noch nie dagewesen Maße, in Form von Leitzinssenkungen und Asset-Käufen. Das drückt die Renditen von Staatsanleihen mit Spitzennoten und zwingt Anleger dazu, über Kreditratings und Defizite bei den wirtschaftlichen Fundamentaldaten hinwegzusehen, um höhere Erträge einzuheimsen.

Die Rendite der französischen Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit ist im Mai auf das Rekordtief von 1,659 Prozent gesunken. In diesem Jahr haben sich die Frankreich-Anleihen besser entwickelt als Papiere mit der Spitzenbonitätsnote „AAA“, zeigen Daten von Bloomberg und der European Federation of Financial Analysts Societies. Während Frankreichs Anleihen auf einen Ertrag von 1,4 Prozent kommen, haben die Staatsanleihen aus Deutschland 0,1 Prozent, aus den Niederlanden 0,3 Prozent und aus Finnland 0,3 Prozent eingebracht.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Nach der Aberkennung der Spitzenbonitätsnote durch S&P im Januar vergangenen Jahres verlor das Land im folgenden November auch das „Aaa“-Rating von Moody's. Frankreichs Wirtschaftsentwicklung bleibt düster: das Bruttoinlandsprodukt ist im ersten Jahresviertel um 0,2 Prozent geschrumpft, nach revidiert minus 0,2 Prozent im Vorquartal. Die Arbeitslosenquote liegt auf dem höchsten Stand seit 14 Jahren. Die Verschuldung, gemessen an der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts ist von 79 Prozent 2009 auf 90 Prozent 2012 angestiegen, zeigen Daten von Eurostat.

Das sinkende Angebot hochqualitativer Bonds und die Zufuhr billigen Zentralbankgeldes stützt nach Einschätzung des Strategen Salman Ahmed von Lombard Odier Investment Managers in London die Nachfrage nach Anlagen wie französischen Anleihen. Die Zahl der mit „AAA“ bewerteten Bonds fiel auf 3478, verglichen mit 5254 vor fünf Jahren, zeigt der Bank of America Merrill Lynch's AAA Global Fixed Income Markets Index.

„Ich sage nicht, dass Fundamentaldaten keine Rolle spielen, aber es gibt derzeit andere wichtige Faktoren“, betonte Ahmed. „Die Welt ist mit Liquidität überflutet, und Anleger müssen das Kapital arbeiten lassen. Die Maßnahmen der Ratingagenturen bei den größten Märken sind meistens nur eine Bestätigung dessen, was man eigentlich schon wusste.“

Kommentare (2)

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22.05.2013, 12:11 Uhr

Solange die "Investoren" mir nicht später ihre Schrottpapiere unterjubeln, wenn sie wie vorhersehbar nicht realwertig rückzahlbar sind, sollen sie doch kaufen. Es gibt zwar schnellere Wege der Geldvernichtung (verbrennen, verschenken...) aber wem diese zu plump sind, für den sind Staatsanleihen sicher eine gute Wahl.

Account gelöscht!

22.05.2013, 12:21 Uhr

Die Geldflut kann nie wieder eingedämmt werden. Das wird, nein MUSS böse enden!

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