Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.07.2011

16:08 Uhr

„Begrenzter Zahlungsausfall“

S&P-Warnung an Griechenland verunsichert Investoren

Die Ratingagentur Standard + Poor's warnt vor den französischen Plänen für die Laufzeitenverlängerung griechischer Staatsanleihen. Sie wertet das Modell als Zahlungsausfall. Banken und Investoren droht neues Ungemach.

Die von Frankreichs Bankenverband genannten Optionen könnten zu einem Kreditausfall für griechische Staatsanleihen führen. Quelle: dpa

Die von Frankreichs Bankenverband genannten Optionen könnten zu einem Kreditausfall für griechische Staatsanleihen führen.

SingapurDie finanzielle Zukunft Griechenlands bleibt wohl noch über den Sommer in der Schwebe. Die Bemühungen um ein zweites milliardenschweres Rettungspaket für das Land erfuhren am Montag einen Rückschlag: Die weltgrößte Rating-Agentur Standard & Poor's (S&P) lehnte den französischen Vorschlag ab, mit dem private Gläubiger an der Rettungsaktion beteiligt werden sollen. Beide Varianten des Modells seien als begrenzter Zahlungsausfall (selective default) zu bewerten - was Banken und Versicherer auf jeden Fall vermeiden wollen, um massive Abschreibungen zu verhindern. Die Branche in Deutschland dringt daher auf Änderungen an dem Modell. Die Gespräche darüber dauerten am Montag an.

Griechenlands Euro-Partner hatten sich am Wochenende darauf verständigt, dem Land kurzfristig mit der Auszahlung bereits in Aussicht gestellter zwölf Milliarden Euro aus der größten Not zu helfen. Damit sei die Finanzierungslücke für die nächsten Monate wohl geschlossen, sagte der Sprecher von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, Martin Kotthaus. Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) werde zahlen. Das zweite Hilfspaket, das Kreisen zufolge bis zu 120 Milliarden Euro schwer sein soll, solle in zentralen Punkten bis zur Auszahlung der nächsten fälligen Tranche im September stehen. Man habe sich noch nicht auf ein Modell geeinigt. Der slowakische Finanzminister Iwan Miklos nannte „spätestens 20. August“ als Termin.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

An den Finanzmärkten, die schon aufgeatmet hatten, weil eine Staatspleite abgewendet schien, griff nach der Stellungnahme von S&P am Montag vorübergehend Verunsicherung um sich. Bankaktien gaben nach, Kreditausfallversicherungen für Griechenland verteuerten sich.

Die Äußerung von S&P wurde allerdings nur als Warnung und nicht als Absage verstanden: „Das ist eine wichtige Wegweisung“, sagte ein Sprecher des deutschen Landesbanken-Verbandes VÖB. Die frühzeitig geäußerten Bedenken würden den deutschen Instituten dabei helfen, den Vorbehalten von S&P Rechnung zu tragen. Kotthaus sagte: „Wie finden wir ein Modell, das möglichst wenig Nebenwirkungen hat?“ Deutsche Banken und Versicherer sollen 3,2 Milliarden Euro beisteuern, davon 1,2 Milliarden die staatlichen „Bad Banks“.

Auf dem Tisch liegen laut Finanzministerium je ein deutsches und ein französisches Modell - jeweils in mehreren Varianten. Gemein ist ihnen, dass die Gläubiger alle Staatsanleihen, die bis 2014 fällig werden, teilweise wieder in griechische Papiere investieren, die deutlich länger laufen und abgesichert werden. „Jede der beiden Finanzierungsoptionen (...) würde nach unseren Kriterien zu einem Zahlungsausfall führen“, weil die Gläubiger Verluste hinnehmen müssten, schreibt S&P. Die Dinge seien aber noch im Fluss. Die Feststellung der Zahlungsunfähigkeit Griechenlands könnte eine Kettenreaktion auslösen, die andere Euro-Länder und den internationalen Finanzmarkt in Mitleidenschaft ziehen könnte.

Wie verschuldet ist Europa?

Griechenland

Staatsverschuldung: 152 % des BIP (2011); Haushaltsdefizit: 7,4 % des BIP (2011); Rating: CCC (S&P), Caa1 (Moody's), B+ (Fitch)

Irland

Staatsverschuldung: 114 % des BIP (2011); Haushaltsdefizit: 10,8 % des BIP (2011); Rating: BBB+ (S&P), Baa3 (Moody's), BBB+ (Fitch)

Portugal

Staatsverschuldung: 90,5 % des BIP (2011); Haushaltsdefizit: 5,6 % des BIP (2011); Rating: BBB- (S&P), Baa1 (Moody's), BBB- (Fitch)

Spanien

Staatsverschuldung: 64 % des BIP  (2011); Haushaltsdefizit: 6,2 % des BIP (2011); Rating: AA (S&P), Aa2 (Moody's), AA+ (Fitch)

Italien

Staatsverschuldung: 120 % des BIP  (2011); Haushaltsdefizit: 4,3 % des BIP (2011); Rating: A+ (S&P), Aa2 (Moody's), AA- (Fitch)

Belgien

Staatsverschuldung: 97 % des BIP  (2011); Haushaltsdefizit: 3,9 % des BIP (2011); Rating: AA+ (S&P), Aa1 (Moody's), BB+ (Fitch)

Deutschland

Staatsverschuldung: 80 % des BIP  (2011); Haushaltsdefizit: 2,4 % des BIP (2011); Rating: AAA (S&P), Aaa (Moody's), AAA (Fitch)

Auch für die einzelnen Banken hätte die von S&P angedrohte Einstufung griechischer Anleihen als „selective default (SD)“ Konsequenzen: Dann würden Kreditausfallversicherungen fällig und die Banken müssten die Papiere abschreiben. „Eine Einigung ist für Europa unerlässlich, und nicht nur für Europa“, betonte der Chef der italienischen Bank UniCredit, Federico Ghizzoni, die sich auch an dem Plan beteiligen will. Er hofft auf einen Sinneswandel der Ratingagentur: „Wollen wir hoffen, dass das nicht passiert“, sagte er. S&P lege die Angelegenheit „übermäßig technisch“ aus.

Die Ratingagentur stellte eine rasche Neueinschätzung der griechischen Staatspapiere nach einer Umschuldung in Aussicht. Das könnte wenigstens den griechischen Banken selbst helfen. „Wenn die Frist kurz ist, bekämen wir keine Refinanzierungsprobleme“, sagte ein hochrangiger griechischer Banker. Die Institute sind derzeit in großem Maßstab von der Europäischen Zentralbank (EZB) abhängig. Die EZB akzeptiert Staatsanleihen als Sicherheiten - im Mai stützten griechische Banken ihre Refinanzierung zu fast einem Fünftel auf die EZB. S&P hatte das Rating für Griechenland vor kurzem auf „CCC“ von „B“ gesenkt.

Von

rtr

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

zephyroz

04.07.2011, 11:53 Uhr

Es wird Zeit Alternativen aufzubauen! Man muß den amerikanisch dominierten und politisch handelnden Ratingsagenturen das Handwerk legen. Solche Spielchen sind doch nur der Verscuh eines Ablenkungsmanövers von der Dollarschwäche!

Klaus

04.07.2011, 12:51 Uhr

Das stimme ich Ihnen zu.
Aber:

Im Endeffekt haben die Ratingagenturen Recht, Griechenland ist bereits Pleite!!!!!
Es ist auch Zahlungsunfähig!!!!!
Denn bezahlen kann Griechenland nur durch die Kredite der Euroländer.
Und dadurch kündigt sich der nächste GAU an.
Sind erst einmal alle alten Kredite Griechenlands in neue der Euroländer überführt, kommt es zum Schuldenschnitt. Das ist für mich so sicher wie das Amen in der Kirche.

Und wer bezahlt (damit auch die horrenden Kredite, die die französichen Banken gegeben haben)? Natürlich zum großen Teil der deutsche Michel, weil eine unfähige Angela Merkel, ihres Zeichens Bundeskanzlerin, zwar geschworen hat, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden, sich aber daran nicht hält und lieber die Küßchen von Nikolas sucht.

Es ist zum heulen.

Hoffentlich schiebt dem das BVerfG einen Riegel vor.

Logo23

04.07.2011, 15:02 Uhr

Die europäischen Regierungschefs sollten Standart & Poors um eine Audienz bitten und um Gnade flehen. Schließlich sind die amerikanischen Ratingagenturen die neuen absolutistischen Herrscher dieser Welt, seit sie höchstselbst die Finanzkrise ausgelöst haben !

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×