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01.04.2011

10:56 Uhr

Berufsunfähigkeit

Wie Sie sich gegen Krankheiten absichern

VonJörg Hackhausen, Jens Hagen

Krankheiten können von heute auf morgen das Leben verändern. Wer sich nicht frühzeitig gegen Invalidität versichert, riskiert seine Existenz. Doch nicht jede Police bietet ausreichenden Schutz.

Berufsunfähigkeit kann jeden treffen. Wie Sie sich richtig absichern. Quelle: dpa

Berufsunfähigkeit kann jeden treffen. Wie Sie sich richtig absichern.

Frankfurt, DüsseldorfNiemand mag daran denken, treffen kann es jeden: eine Krankheit, die von heute auf morgen das Leben verändert. Schnell wieder auf die Beine kommen, ist der erste Wunsch. Aber auch weitere Fragen drängen sich auf: Bin ich finanziell abgesichert? Und ist die Familie versorgt, wenn ich längere Zeit krank bin oder nicht mehr in meinem Beruf arbeiten kann?

Wer nicht versichert ist, riskiert bei Berufsunfähigkeit seine Existenz. Die Unterstützung vom Staat reicht nicht aus, im Schnitt erhalten nach 1961 geborene Männer eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente von 800 Euro pro Monat, Frauen knapp 700 Euro. Viel zu wenig, um den gewohnten Lebensstandard halten zu können. Dabei ereilt das Risiko Berufsunfähigkeit nicht nur einige Wenige – rund 1,5 Millionen Deutsche sind betroffen. Doch selbst wer eine Versicherung gegen Berufsunfähigkeit abgeschlossen hat, ist nicht immer auf der sicheren Seite. Die Tücken stecken im Detail.

Das Handelsblatt hat in Zusammenarbeit mit dem Financial Planning Standard Board Deutschlands (FPSB) ausgerechnet, wie sich solche Schicksalsschläge auf die Finanzplanung auswirken. Die Ergebnisse stellen wir anhand eines Fallbeispiels – Familie Mustermann – in einer wöchentlichen Serie vor. Peter Mustermann ist 47 Jahre alt. Als Bereichsleiter bei einer mittelständischen AG in Baden-Württemberg liegt sein Bruttojahresgehalt bei 175.000 Euro. Die drei Jahre jüngere Ehefrau arbeitet halbtags als Lehrerin an einer Realschule. Rechnet man ihren Verdienst hinzu, kommt die Familie auf ein Jahreseinkommen von 197.000 Euro. Im Haushalt leben außerdem zwei Kinder, die noch zur Schule gehen.

Für den Fall, dass er eines Tages nicht mehr arbeiten kann, hat Mustermann schon früh eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen – die würde im Ernstfall mit 1.500 Euro monatlich einspringen. Hinzu kommt eine Kapitallebensversicherung, die auch einen Schutz gegen Berufsunfähigkeit enthält – diese brächte Mustermann noch einmal 1.000 Euro im Monat. Auf den ersten Blick scheint Mustermann abgesichert zu sein.

Die Tücken stecken im Detail

Gefährliche Lücken

Versicherung ist nicht gleich Versicherung. Bei der Suche nach dem optimalen Schutz hilft ein Marktvergleich, wie ihn etwa das Analysehaus Morgen & Morgen einmal im Jahr veröffentlicht. Im Detail können sich die Policen enorm unterscheiden. Die Koppelung an eine Kapitallebensversicherung halten Verbraucherschützer nicht für empfehlenswert. Doch auch die als reine Berufsunfähigkeitsversicherungen angebotenen Verträge weisen mitunter gefährliche Lücken auf. Im Leistungsfall verweigern manche Gesellschaften die Zahlung und springen beispielsweise nur dann ein, wenn der Versicherte in keinem anderen Beruf mehr arbeiten kann. Die sogenannte „Abstrakte Verweisung“ sorgt dafür, dass Versicherer nicht zahlen, wenn beispielsweise Handwerker noch als Verkäufer in einem Baumarkt arbeiten können.

Zweifelhafte Ablehnungen

Da es für die Gesellschaften um viel Geld geht, steht die Branche im Ruf, bei der Prüfung der Anträge besonders genau hinzuschauen. „Mehr als jeder vierte Antrag auf Berufsunfähigkeit wird von den Gesellschaften abgelehnt“, sagt Martin Zsohar, Geschäftsführer von Morgen & Morgen. In solchen Fällen bleibt dem Kunden häufig nur der Gang vors Gericht. Die Statistik zeigt: Ein Gros der Ablehnungen ist nicht eindeutig rechtens. In jedem dritten Fall geht der Versicherer zwar als Sieger hervor. Die Kläger gewinnen aber in fast zehn Prozent der Fälle, und mehr als die Hälfte der Auseinandersetzungen endet mit einer Einigung. Die Gerichte forcieren aktuell solche Vergleiche.

Unklare Prognose

Von entscheidender Bedeutung ist im Leistungsfall ein verkürzter Prognosezeitraum des Arztes. „Viele Mediziner tun sich schwer, eine Berufsunfähigkeit für die nächsten Jahre zu prognostizieren“, sagt Georg Pitzl, Versicherungsberater der River Vorsorge- und Versicherungsberatung in Mering. Der Patient könnte ja nach einigen Monaten wieder arbeitsfähig sein. Faire Versicherer zahlen die Rente daher schon, wenn der Arzt eine entsprechende Prognose für mindestens sechs Monate stellt.

Doch im Verhältnis zu den Rechnungen, die er begleichen muss, reicht der Schutz nicht aus. In unserem Musterbeispiel gehen wir von monatlichen Ausgaben in Höhe von über 6.000 Euro für Miete, Lebenshaltung und andere laufende Kosten aus. Zwar würde Mustermann im Fall der Berufsunfähigkeit seinen Konsum reduzieren, dafür könnten dann aber Pflegekosten voll zuschlagen. Sollte Mustermann seinen Beruf eines Tages nicht mehr ausüben können, wäre das für die Familie fatal. Sie würde nach Berechnungen des FPSB rund 50.000 Euro mehr ausgeben, als sie zur Verfügung hat – und zwar Jahr für Jahr.

Kommentare (5)

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Rollstuhlfahrer

01.04.2011, 13:49 Uhr

Leider wirft der Artikel einge Begriffe durcheinander. Invalidität, wie der abgebildete Rollstuhlfahrer wohl darstellen soll, hat zunächst einmal nichts mit Berufsunfähigkeit zu tun. Berufsunfähigkeit auch nur zu einem geringen Anteil mit Invalidität.
Also in Kürze: Unfallversicherung zahlt Geld bei Invalidität, BU Versicherung bei Eintritt der Berufsunfähigkeit. Eine BU Versicherung zahlt aber nicht, wenn z.B. nach einem Unfall ein Rollstuhlfahrer zwar arbeiten kann aber keinen Arbeitsplatz mehr bekommt. Hier hilft dann nur das Geld aus der Unfallversicherung.
Nebenbei bemerkt: Ich halte die Auswahl des Fotos aus diesem Grunde auch für sehr unglücklich, da das in den Köpfen vielfach vorhandene Vorurteil Rollstuhlfahrer = Erwerbsunfähig (unabsichtlich unterstelle ich gerne) unterstützt wird.
Mit freundlichen Grüßen
Ein rollstuhlfahrender Firmeninhaber

Niels-Greulich

01.04.2011, 23:53 Uhr

Kommentar Teil 1 von 3:
A. Das erwähnte Beispiel (Einkommen: Brutto 175T / Jahr) ist wohl eher die Ausnahme. Solche Personen haben in der Regel auch kein großes Problem bei einer Berufsunfähigkeit, weil Sie 1. das Geld für eine ausreichende Absicherung haben und 2. sie relativ viele Möglichkeiten für finanzielle Einsparungen haben. Wenn man sich natürlich aufgrund seines vermeintlich dauerhaft hohen Einkommens hoch verschuldet (z. B Haus für 1 Mio. oder ähnliches kauft) und sich nicht gegen Berufsunfähigkeit absichert, geht ein gewisses Risiko ein. Aber Restrisiken hat man immer. Man könnte ja z. B. auch seinen Arbeitsplatz verlieren oder ähnliches.
B. Ihr "Experte" Herr Reeg lässt unerwähnt, dass es mittlerweile auch einige Versicherungen gibt, die eine Art "Multi-Rente" sind. Sie sichern ähnlich einer Dread-Desease Versicherung gegen gewisse Krankheiten (z. B. Organschäden, Krebs) ab. Dazu aber noch gegen körperliche Einschränkungen (ähnlich einer Unfallversicherung). Auch zahlen diese teilweise bei Pflegestufe 1 die volle abgesicherte Rente. Aber die wirklich gute Besonderheit ist, dass sie eine Rente zahlen und diese teilweise lebenslang und auf Wunsch mit Dynamik als Inflationsschutz. Ob man tatsächlich berufsunfähig ist, wird nicht geprüft, sondern ob man nach den sehr eindeutigen Bedingungen (z. B. genaue Angabe der Lebergrenzwerte) ein Versicherungsfall ist. Die Beiträge bei dieser Art von Versicherung sind meistens auch noch (erheblich) günstiger als die der Berufsunfähigkeitsversicherung (Vergleich bis 67 Jahre, lebenslang in der Regel gar nicht möglich bei einer BU). Nachteile: Keine Absicherung bei z. B. „Burn-Out“ bzw. Psychischen Krankheiten oder Bandscheibenschaden. Beides Fälle, die häufig vorkommen.
Trotzdem halte ich diese Art der Versicherung für sehr gut, weil sie für viele schwere Fälle eine ausreichende Absicherung über die gesamte Lebenszeit bezahlbar ermöglicht.

Niels-Greulich

01.04.2011, 23:58 Uhr

Teil 2 von 3
C. Das Problem der Bezahlbarkeit wird in Ihrem Artikel nicht wirklich angesprochen. Oft werden BU-Versicherungen nämlich nur bis 60 Jahre abgeschlossen und so, dass zwar der Lebensunterhalt bezahlt werden kann, aber eben nicht noch Geld für das Ansparen einer ausreichenden Rente vorhanden ist. Auch auf eine sichere Dynamisierung im Leistungsfall als Inflationsschutz wird häufig verzichtet, weil er recht teuer ist. Versichert man sich vollständig mit einer BU, also z. B. ein heute 30 Jähriger Mann mit einer Leistung von 2500 Euro (netto) bis 67 Jahre und einer sicheren Dynamik im Leistungsfall von 2% und schließt zusätzlich eine Rentenversicherung mit besonderer Dynamisierung im BU-Fall ab, damit er ggf. auch eine ausreichende Rente erhält, muss er selbst als Akademiker (i.d.R. Risikoklasse 1) bereits weit über 300 Euro pro Monat investieren. Davon sind dann ca. 150 nur für die BU-Absicherung. Wenn man dabei eine steueroptimierte Variante (z. B. Basisrente mit BUZ) wählt, muss man für den Leistungsfall ca. 3000 brutto absichern, um netto ca. 2500 Euro zu erhalten. Die genannten Werte sind für die Besserverdiener durchaus bezahlbar, aber für die Berufe, die sich in Risikoklasse 2 oder schlechter befinden und bei denen nicht gerade pro Monat 3000 Euro netto verdient wird, ist einer ausreichenden Absicherung oft nicht oder kaum bezahlbar. Auch gibt es eine große Anzahl an über 30 Jährigen, die sich versichern müssten und für die die Beiträge aufgrund ihres Alters auch kaum bezahlbar sind.
Ich empfehle sich eher eingeschränkt (=keine Zahlung in allen Eintrittsfällen) aber dann ausreichend abzusichern, statt „uneingeschränkt“ (=Zahlung in vielen Krankheitsfällen) und dafür nicht ausreichend, also z. B. „zu kurz“ oder „zu gering“. Und im letzteren Fall ist m. E. „zu kurz“ noch besser als „zu gering“. Denn wer sich zu gering versichert hat von Anfang an seiner Berufsunfähigkeit ein finanzielles Problem, welches er in der Regel nicht lösen kann.

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