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03.08.2012

17:42 Uhr

Börse Frankfurt

Dax-Anleger im Kaufrausch

Am deutschen Aktienmarkt herrscht heute Euphorie. Die EZB-Enttäuschung wurde schnell weggesteckt - neuer Mut wurde gefasst. Starke Unternehmensdaten waren offenbar ein gutes Argument für die Anleger.

Börse Frankfurt am Abend

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FrankfurtDeutsche Anleger haben die Enttäuschung vom Donnerstag durch die Europäische Zentralbank schnell vergessen. Anstatt abzuwarten, verfielen die deutschen Investoren in einen Kaufrausch und griffen bei Aktien zu. Der Dax schloss daraufhin 3,93 Prozent höher bei 6.865 Punkten. Ganz vorne waren die Bankenwerte mit von der Party. Der europäische Branchenindex legte sogar 5,1 Prozent zu. Grund für den Anstieg war die neu aufgekeimte Hoffnung auf Hilfen der EZB.

Die Volatilitätsindizes VDax und VStoxx, die die Nervosität der Anleger messen, fielen in der Spitze um jeweils knapp elf Prozent auf 21,16 beziehungsweise 23,52 Punkten. Damit notierten sie so niedrig wie zuletzt vor zwei Wochen.

"Die EZB hat nicht - wie von einigen erwartet - die 'Bazooka' herausgeholt", sagte ein Börsianer. "Aber manchmal ist bereits die Androhung einer Aktion bereits sehr effektiv." Ein anderer betonte: "Draghi war sehr clever. Innerhalb der Grenzen der europäischen Verträge hat er es geschafft, ein Veto der Bundesbank zu umgehen und die EZB - über den EFSF und den ESM - für Staaten als Kreditgeber der letzten Instanz zu positionieren."

EZB-Chef Mario Draghi hatte Anleihekäufe seiner Notenbank an die Bedingung geknüpft, das zunächst die Rettungsschirme aktiviert werden und die hilfsbedürftigen Staaten die damit verbundenen Auflagen erfüllen. Das Volumen möglicher EZB-Käufe werde eine angemessene Größe haben, um den Zielen gerecht zu werden, betonte Draghi. "Die Leute verstehen die Message: 'Lege Dich nicht mit der EZB an'", sagte ein Händler.

Von Reuters befragte Experten gehen davon aus, dass die EZB im September mit Käufen italienischer und spanischer Bonds beginnen wird. Sie rechnen zudem mit einer Senkung des Leitzinses auf 0,5 Prozent von derzeit 0,75 Prozent.

Andere Börsianer sprachen von einer technischen Gegenbewegung und bezeichneten die Verluste des Vortages als überzogen. Es gab auch Spekulationen über Umschichtungen in Portfolien - raus aus Bonds und rein in Aktien. Die Nervosität blieb aber hoch. "Es ist zu viel Angst im Markt, und alle warten nur aufs Verkaufen", sagte ein anderer Händler. Es sei kein Investor aktiv, der mit Überzeugung auf eine langfristige Markterholung setze.

Stimmen zur EZB-Entscheidung

Peter Bofinger, Wirtschaftsweiser

„Ich kann die Vorbehalte der Bundesbank gegen neue Anleihenkäufe nicht nachvollziehen. Die Bundesbank hat das selbst vorexerziert. Während der Rezession 1975 hat sie für Milliarden deutsche Staatsanleihen gekauft mit dem Ziel, die langfristigen Zinsen zu senken. Auch die amerikanische Fed und die Bank of England zeigen, dass man Staatsanleihen in großem Stil kaufen und so niedrige Zinsen schaffen kann. Die EZB ist derzeit die einzige handlungsfähige Institution in der Euro-Zone.

Die EZB sollte ihren Leitzins bis auf 0,25 Prozent absenken. Das wäre ein Beitrag zur Stabilisierung schwächelnder Banken, die der EZB nichts kosten würde. Angesichts der Rekordarbeitslosigkeit wird es auf absehbare Zeit keine Inflation geben.“

Eugen Keller, Bankhaus Metzler

„Was enttäuscht, ist die mangelnde Konkretheit von EZB-Chef Mario Draghi. Die Märkte haben auf präzise Angaben gehofft, was die EZB nun künftig tun wird. Doch die hat die Zentralbank nicht geliefert.“

Jörg Krämer, Commerzbank

„Anders als von vielen an den Märkten erwartet, hat die EZB heute nicht bereits beschlossen, wieder mit Anleihenkäufen zu beginnen, sondern sie wird das nur dann tun, wenn auch die Regierungen an den Anleihenmärkten intervenieren. Und das geht nur, wenn zum Beispiel Spanien einen Hilfsantrag stellt und sich auf Bedingungen einlässt. Dann kann der EFSF erst Anleihen am Sekundärmarkt kaufen, und dann erst wird die EZB das machen. Das heißt: das wird kommen. Sie wird am Ende ihr Kaufprogramm wieder aufnehmen. Aber sie wird das eben nicht tun, bevor die Politik gehandelt hat. Etwas anderes blieb der EZB aus Gründen des Selbstschutzes auch gar nicht übrig.“

Kristian Tödtmann, Deka Bank

„Es verwundert mich nicht, wie es gekommen ist, nämlich dass Draghi nicht Staatsanleihekäufe der EZB als solche angekündigt hat. Die EZB würde sich sozusagen an die Rettungsschirme dranhängen, wenn diese Staatsanleihekäufe am Primärmarkt tätigen. Die Staaten, Spanien an erster Stelle, müssen sich an den EFSF wenden, Staatsanleihekäufe anfordern und Bedingungen akzeptieren. Das passt zu allem, was Draghi vorher gesagt hat. Konditionalität war ihm immer wichtig. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass er Staatsanleihe-Ankäufe mal so ankündigt.“

Rainer Sartoris, HSBC Trinkaus

„Die Enttäuschung ist groß, dass die EZB nun doch nicht direkt mit Staatsanleihen-Käufen in den Markt eingreift. Das heißt aber nicht, dass die EZB in der Euro-Krise keine aktivere Rolle einnehmen will. Voraussetzung für Draghi ist allerdings, dass auch die Politik ihren Teil dazu beiträgt. Und auch wenn das die Anleger kurzfristig enttäuscht, könnte sich ein solcher Fahrplan langfristig doch als sinnvoll im Kampf gegen die Euro-Krise erweisen.“

Christian Schulz, Berenberg Bank

„Das ist ein starkes Signal. Das bedeutet eine ernsthafte Intervention der EZB. Das ist vielleicht sogar eine sehr ernsthafte Intervention der EZB. Das ist insofern etwas stärker als vielleicht erwartet wurde. Die EZB sagt, dass sie mit den adäquaten Summen direkt in den Anleihenmärkten der betroffenen Staaten interveniert. Allerdings: die EZB wird wohl nur intervenieren, wenn ein Land ein ESM-Programm hat. Der ESM muss zunächst einmal um Hilfe gebeten werden. Das heißt, dass Bedingungen zu erfüllen sind von Ländern wie Italien und Spanien. Und das heißt auch, Deutschland, die Niederlanden oder Finnland werden möglicherweise ein Vetorecht haben. Ohne ESM-Programm wird die EZB offenbar nicht intervenieren.“

Zum Wochenschluss richteten die Anleger ihre Aufmerksamkeit auch auf den Arbeitsmarkt in den USA. Die große Kursbewegung blieb aus, verbesserte aber zusätzlich die Stimmung. Die Arbeitslosenquote in den USA ist erneut gestiegen. Sie habe im Juli bei 8,3 Prozent gelegen und damit 0,1 Prozentpunkte gegenüber dem Vormonat zuleget, teilte das US-Arbeitsministerium am Freitag in Washington mit. Die Beschäftigtenzahl habe zwar um 163 000 zugenommen, deutlich mehr als in den vergangenen Monaten. Gleichzeitig haben sich aber mehr Menschen für den Arbeitsmarkt zurückgemeldet, wodurch die Quote anstieg.

Die US-Wirtschaft war im zweiten Quartal nur noch um 1,5 Prozent gewachsen. Um neue Jobs zu schaffen, ist ein Wachstum von mehr als 2,5 Prozent notwendig.

Kommentare (82)

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Account gelöscht!

03.08.2012, 08:22 Uhr

Eine Stabilisierung ist bereits wieder erkennbar.

Schlickgesicht

03.08.2012, 08:28 Uhr

Würde ich nichts drauf geben.

Account gelöscht!

03.08.2012, 08:39 Uhr

"Die wichtigsten Indizes schlossen am Donnerstag klar im Minus. „Draghi hat nichts gesagt, was aufregend war, und uns vorgeführt wie einen Haufen Trottel beim Poker“, zeigte sich Todd Schoenberger von der Blackbay Group in New York verärgert."
Sich über die eigene Dummheit zu ärgern ist immer noch der beste Weg :)
Geld und Gewinn muß man sich eben erarbeiten, und nicht erspekulieren.

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