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26.06.2015

17:46 Uhr

Börse Frankfurt

Dax schließt dank neuer Hoffnung fester

Showdown in Brüssel: Noch bis Sonntag wird in Sachen Hellas verhandelt. Die Anleger hielten sich am Freitag lange Zeit merklich zurück. Doch dann keimte eine neue Hoffnung. Eine Einigung soll in greifbarer Nähe sein.

Börse am Abend

Griechenland: Chancen auf Einigung stehen 50:50

Börse am Abend: Griechenland: Chancen auf Einigung stehen 50:50

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FrankfurtNeue Hoffnungen auf eine Lösung im griechischen Schuldenstreit haben den Dax nach langem Zögern wenden lassen. Zwischen leichten und moderaten Verlusten schwankend gelang dem Leitindex am Freitagnachmittag der Sprung ins Plus. Wie Handelsblatt zuerst berichtete sollen die Brüsseler Verhandlungen vor einer möglichen Einigung stehen. So haben die Gläubiger-Institutionen der Tsipras-Regierung ein neues Angebot unterbreitet. Bundeskanzlerin Angela Merkel selbst sprach von einem „außerordentlich großzügiges Angebot“ gemacht. Mit dem Glauben an eine mögliche Einigung verabschiedete sich der Dax zaghaft fester ins Wochenende. Er schloss letztlich 0,2 Prozent fester bei 11.492 Punkten.

Im Freitagshandel lugte der Leitindex ab und zu ins Plus, lief größtenteils aber in der Verlustzone. Kein Anleger wollte mit breiten Marktpositionen am Freitag schließen und am Montag mit einem möglichen Staatsinsolvenz in Europa aufwachen. Dementsprechend blieben die Börsianer in Alarmbereitschaft vor diesem wichtigsten Wochenende der Hellas-Krise. Bisher waren die Fortschritte - zumindest die öffentlichen - in dieser Woche der Entscheidung eher vage geblieben. Doch die Nachricht von der möglichen Einigung sorgte für vorsichtigen Optimismus an der Aktienmärkten.

Krisenglossar Griechenland

Bankenrun

Aus Angst vor der Staatspleite haben die Griechen längst Milliarden Euro von ihren Konten geholt oder ins Ausland geschafft. Steigt die Gefahr weiter, kommt es zum akuten Bankenrun: Die Kunden versuchen massenweise, ihre Konten leer zu räumen. Die Banken würden ausbluten, sie könnten den Firmen kein Geld mehr leihen, die Wirtschaftsaktivität erliegt.

Kapitalverkehrskontrollen

Um den Bankenrun zu verhindern, müssten die Banken vorübergehend ganz geschlossen und Onlinetransfers unterbrochen werden. Wenn sie wieder aufmachen, würden Auslandsüberweisungen verhindert und Abhebungen an den Automaten auf kleinere Beträge begrenzt werden. So wurde es vor drei Jahren in Zypern gemacht. Die letzten Kapitalverkehrskontrollen wurden dort erst in diesem Frühjahr wieder aufgehoben. Den massiven Eingriff müsste die Regierung in Athen praktisch über Nacht mit einem Dringlichkeitsgesetz beschließen - gezwungen werden kann sie von den Euro-Partnerländern nicht. "Die Griechen haben noch nichts vorbereitet", konstatiert ein EU-Diplomat.

Zahlungsunfähigkeit

Ob ein Staat pleite ist, bestimmen üblicherweise Ratingagenturen, indem sie einen sogenannten Credit Event feststellen. Dazu müsse es aber selbst dann noch nicht kommen, wenn Athen seine beim Internationalen Währungsfonds (IWF) fällige Rate am 30. Juni nicht begleicht, meint der Chefvolkswirt der ING-Diba, Carsten Brzeski. Denn dabei gehe es nicht um Marktpapiere. Entscheidend sei nicht der Markt, heißt es hingegen in Euro-Kreisen: Zahlt Athen nicht an den IWF zurück, könnte die EZB griechische Anleihen eigentlich nicht länger als Pfand akzeptieren und müsste den Tropf für das griechische Finanzsystem zudrehen. Die Banken müssten praktisch über Nacht abgewickelt werden.


Grexit

Eine Pleite Athens hätte nicht automatisch das Euro-Aus für Griechenland - also den Grexit - zur Folge. Tatsächlich ist ein Rauswurf aus dem Euro-Club durch die übrigen Mitglieder nur möglich, wenn die griechische Regierung am Ende selbst zustimmt: Es müsste ein neuer Vertrag geschlossen werden - mit der Unterschrift Athens. Eine große Mehrheit der Griechen will den Euro aber behalten. Bei einem Verbleib im Euro ohne weiteren finanziellen Beistand von EZB und Euro-Ländern trocknen Banken und Wirtschaft aber aus. Die Regierung wäre also zum Grexit und der Rückkehr zur Drachme gezwungen. Eine chaotische Übergangsphase von mindestens einem halben Jahr wäre die Folge, schätzt Ökonom Carsten Hefeker von der Universität Siegen.

Parallelwährung

Eine Art Mittelweg zwischen Euro und Grexit wäre die Einführung einer Parallelwährung: Weil dem Staat Barmittel fehlen, zahlt er Beamte und Rentner zumindest zum Teil mit Schuldscheinen aus. Um überhaupt noch Geschäfte zu machen, würden Händler und Dienstleister die Schuldscheine als Zahlungsmittel akzeptieren, erläutert der französische Finanzwissenschaftler Eric Dor. Wegen des Risikos wären die Schuldscheine allerdings weniger Wert als Euro. Die Schuldscheine werden in der Finanzwelt "IOU" genannt, nach dem Englischen "I Owe You" (Ich schulde Dir). Kalifornien griff im Sommer 2009 erfolgreich auf das Hilfsmittel zurück, um eine Pleitephase zu überbrücken.

Geuro

Den Begriff hat Ex-Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Thomas Mayer erfunden, im Mai erläuterte er sein Konzept Griechenlands Finanzminister Giannis Varoufakis. "Geuro"-Schuldscheine würden Athen finanziellen Spielraum verschaffen und durch die Abwertung die Wettbewerbsfähigkeit des Landes stärken, so seine Theorie. Die Rechnung ginge aber nur auf, wenn die internationalen Gläubiger ihre Forderungen zurückstellen und das griechische Bankensystem weiter durch den Euro-Rettungsschirm gestützt würde, was unter Experten als ausgeschlossen gilt. Ein Rückweg vom Geuro zur Euro-Vollmitgliedschaft gelänge nur, wenn Athen durch Wirtschaftsreformen ein Haushaltsplus erwirtschaftet und die Schuldscheine allmählich auslösen kann.

Primärüberschuss

Die Erwirtschaftung eines Primärüberschusses - also ein Plus im Haushalt vor Abzug der Schuldentilgung - ist der entscheidende Faktor für die Gesundung der Staatsfinanzen: Wenn Athen durch Steuern und Privatisierungen mehr einnimmt als es ausgibt, kann es seine Schulden schrittweise abtragen. Die Vorgängerregierung hat durch drastische Kürzungen einen Überschuss erreicht. Stattdessen durch höhere Staatseinnahmen ein Plus zu erzielen, kann nur gelingen, wenn das Vertrauen zurückkehrt. "Dafür gibt es keinen Hinweis", sagt ING-Experte Brzeski.

Schuldenschnitt

Sowohl Athen als auch der IWF wollen die Euroländer bewegen, zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, um dem überschuldeten Land einen Neustart zu ermöglichen. Die griechische Regierung hat signalisiert, bei einem Schuldenschnitt die verlangten Reformen umsetzen zu wollen. Neben dem IWF halten auch viele Experten einen Verzicht für den einzigen gangbaren Weg. Allerdings liefe das auf ein drittes Rettungspaket hinaus. Der geplante Sondergipfel der Euro-Staaten müsste sich dafür eine Erklärung abringen, bei einem Antrag Athens ein neues Programm zu entwerfen und die Schuldentragfähigkeit zu sichern. Dafür bräuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) die Rückendeckung des Bundestages.

Die internationalen Geldgeber haben eine Verlängerung des griechischen Rettungsprogramms um fünf Monate bis Ende November vorgeschlagen. Das erklärten Diplomaten in Brüssel am Randes des EU-Gipfels. Insgesamt sollten Athen in diesem Zeitraum 15,5 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt werden. Diese Gelder stammen aus dem bisherigen Programm. Das Angebot stoße aber auf Widerstand im Kreise der Euro-Finanzminister, auch von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble, so die Diplomaten.

Die Ressortchefs kommen am Samstag erneut zusammen, um über die Griechenland-Rettung zu beraten. „Die Finanzmärkte erfreut der Verbleib Griechenlands in der Euro-Familie zunächst“, erklärte Börsenexperte Robert Halver von der Baader Bank. „Doch die Wiedervorlage der Griechenland-Krise ist schon fest terminiert“, befürchtet er. „Im November geht der Polit-Zirkus weiter.“ Die Zeit drängt, denn am Dienstag läuft das aktuelle europäische Hilfsprogramm für Griechenland aus - ohne neue Finanzhilfen, welche die Geldgeber von Einsparungen und Reformen abhängig machen, droht die Staatspleite.

Durch die Bank weg drehten Europas Börsen mit der Aussicht auf Einsicht in den grünen Bereich. Der Athener Leitindex lief zuletzt über zwei Prozent fester. Auf Wochensicht steht folglich ein Plus von 15,4 Prozent. Doch nicht nur griechische Anleger scheinen von einer Einigung weiterhin überzeugt. Auch die anderen Euro-Benchmarks führen im Siebentagestrend trotz der Brüsseler Hängepartie deutliche Aufschläge: Der Dax kommt auf 4,1 Prozent, der Euro-Stoxx-50 fünf, der französische CAC40 auf 5,3 Hundertstel.

Die zweite Frankfurter Reihe legte zum Wochenausklang ebenfalls zu. Der Mittelwerte-Index MDax lief 0,4 Prozent fester bei 20.376 Zählern. Der Technologieliste TecDax schloss nahezu unverändert, leicht fester bei 1697 Zähler. In New York zeigten sich die Anleger ob der möglichen Einigung in der innereuropäischen Dauerkrise erleichtert. Zusätzlich half ein starkes Verbrauchervertrauen den US-Börsen. Der Dow-Jones-Index rückte zum Frankfurter Handelsschluss 0,6 Prozent vor auf 17.996 Punkte.

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