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10.03.2016

17:05 Uhr

Börse Frankfurt

Dax verliert irres Rodeo

VonIlias Stampoulis

Die EZB flutet die Märkte – und schüttelt diese dabei gehörig durch. Erst schießt der Dax in einem Kursfeuerwerk nach oben. Doch dann stürzt er mit Blick in die USA unter 9.500 Punkte.

Börse am Abend

Dieser Börsentag wird in die Geschichte eingehen

Börse am Abend: Dieser Börsentag wird in die Geschichte eingehen

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Frankfurt/DüsseldorfWas für ein Handelstag! Einem Frankfurter Feuerwerk folgte ein später, aber um so krachenderer Absturz. „Mach's noch einmal, Mario!“, hatten die Märkte skandiert – und er hat es getan. Nach dem EZB-Zinsentscheid feierten die Anleger erst Mario Draghi. Die Europäische Zentralbank hält durch die heutige Ratssitzung ein ganzes Bündel an Maßnahmen bereit, in einem solchen Ausmaß, dass die Anleger es gar nicht erwartet hatten. Der Dax schoss zeitweise knapp drei Prozent in die Höhe und kam bis auf vier Punkte an die so wichtige 10.000-Punkte-Marke ran.

Damit erreichte der Dax den höchsten Stand seit dem 13. Januar. Vor gut drei Wochen hatte der Leitindex noch rund 13 Prozent oder 1300 Punkte tiefer notiert. Doch dann verließen den Dax nicht nur die Kräfte, sondern der Blick in die USA sorgte gar für Kopfschmerzen. Der Dax schloss 2,3 Prozent tiefer bei 9.498 Punkten. Der Eurostoxx 50 gab 1,2 Prozent nach auf 2.980 Punkte.

Den Anlegern stieß im Nachhinein auf, dass EZB-Präsident Mario Draghi auf Anfrage betont hatte, dass er keine weitere Notwendigkeit sehe, die Zinsen noch weiter zu senken, nachdem der EZB-Rat den Leitzins in der heutigen Sitzung abgeschafft hat.

Der vorher massiv abgewertete Euro dreht plötzlich von einem 1,5-Prozent-Abschlag auf ein Plus von bis zu 1,5 Prozent. Dazu leisteten auch gute US-Arbeitsmarktdaten ihren Beitrag, die nun die Sorgen schüren, dass die Fed nächste Woche die Leitzinsen weiter raufsetzen könnte.

Die Erwartungen an die EZB

Was die EZB bisher getan hat

Die Zinsen im Euroraum wurden unter EZB-Chef Mario Draghi quasi abgeschafft, der Leitzins liegt seit September 2014 mit 0,05 Prozent nur noch knapp im positiven Bereich. Zusätzlich kauft die Notenbank seit dem 9. März 2015 in großem Stil Staatsanleihen und andere Wertpapiere. 60 Milliarden Euro nimmt die EZB dafür in die Hand - Monat für Monat. Im Dezember verlängerte der EZB-Rat dieses Programm („Quantitative Easing“/QE) um ein halbes Jahr bis mindestens März 2017. Das viele billige Geld soll über Geschäftsbanken in Form von Krediten bei Verbrauchern und Unternehmen ankommen und die Wirtschaft ankurbeln.

Warum die EZB nachlegen will

Oberstes Ziel der EZB sind stabile Preise - und die definieren Europas Währungshüter bei einer Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent. Doch davon ist die Inflation trotz der Geldflut der Notenbank weiterhin meilenweit entfernt. In Deutschland drückte der erneute Absturz der Ölpreise die jährliche Teuerungsrate im Februar nach vorläufigen Zahlen auf Null. Im Euroraum fielen die Verbraucherpreise erstmals seit einem halben Jahr sogar wieder: Die Inflationsrate ging auf minus 0,2 Prozent zurück. Das dürfte die EZB nach Einschätzung von Commerzbank-Analyst Christoph Weil bestärken, ihre eigenen Inflationsprognosen zu senken: „Dies macht den Weg frei für weitere expansive Maßnahmen.“

Was die EZB noch tun kann

Viele Ökonomen gehen davon aus, dass die Währungshüter den Strafzins nochmals verschärfen, den Banken bezahlen müssen, wenn sie kurzfristig Geld bei der Notenbank parken. Seit Dezember liegt er bei 0,3 Prozent. Möglich wäre auch eine Staffelung dieses Zinses je nach Höhe der Einlagen. Müssen Banken mehr für das Bunkern von Liquidität zahlen - so die Theorie - bringt sie das eher dazu, das Geld als Kredit an Verbraucher und Unternehmen weiterzureichen. Theoretisch könnte die EZB auch das Volumen ihrer monatlichen Wertpapierkäufe aufstocken oder Grenzen aufweichen, die im Rahmen ihres QE-Programms eingezogen wurden - wie die, dass die Zentralbank nicht mehr als 33 Prozent der Anleihen eines Staates kaufen darf. Solche Schritte sind im EZB-Rat aber wesentlich umstrittener als das Thema Strafzinsen.

Was die Maßnahmen bringen - und was nicht

Ökonomen raten zu mehr Besonnenheit: Hauptgrund für die niedrige Inflation sei der Absturz der Ölpreise - und der sei zugleich ein Konjunkturprogramm. „Der niedrige Ölpreis lässt der Inflation keinen Raum zum Atmen. Doch die Lage ist nicht so gravierend, wie die Gesamtrate glauben macht“, kommentierte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner die jüngsten Inflationszahlen. Und da die Finanzmärkte eine Erholung der Rohölpreise erwarteten, sei für 2017 im Durchschnitt eine Inflationsrate von rund zwei Prozent wieder realistisch. „Deshalb sollte die EZB über die aktuelle Flaute hinwegsehen“, riet Zeuner. „Vor allem eine weitere Absenkung des bereits negativen Einlagensatzes erscheint mir per Saldo wenig wirksam.“

Die Frage war nicht ob, sondern welche Ausweitung Mario Draghi präsentieren könnte. Denn dass die obersten Geldpolitiker der Währungsunion die Zügel weiter lockern werden, galt als ausgemachte Sache auf den Märkten und war dementsprechend auch schon eingepreist. Genau darin bestand dann auch die Sorge der Experten: Erfüllen die Maßnahmen nicht die Erwartungen, fällt das Rückschlagpotenzial umso größer aus. Anlageprofi Jochen Stanzl von CMC Markets sprach bildhaft von möglichen Entzugserscheinungen nach den „vielen geldpolitischen Drogen“.

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