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08.09.2016

17:19 Uhr

Börse Frankfurt

Die Ohrfeige des Herrn Draghi

VonIlias Stampoulis

Der Rat der EZB lässt alles beim Alten. Auf der Pressekonferenz rechtfertigt Mario Draghi das Stillhalten und stößt den Anlegern damit vor den Kopf. Der Dax verliert zeitweise überdeutlich, kann sich aber spät fangen.

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FrankfurtDie EZB hat unter den Anlegern für große Enttäuschung gesorgt. Die Vorfreude am Donnerstag war groß gewesen, dem Dax hatten am Mittag keine 30 Punkte zum Jahreshoch gefehlt. Doch die der Rat der Zentralbanker ließ entgegen der Markterwartungen alle Instrumente unverändert und schickte den Dax ins Minus. Den verbliebenen Hoffnung verpasste Mario Draghi auf der anschließenden Pressekonferenz einen ungewöhnlich deutlichen Watschen. Seine Ankündigung, die Ergebnisse der Maßnahmen erstmal abwarten zu wollen, stieß bei den Börsianern auf Unverständnis. Der Dax verlor zeitweise bis zu anderthalb Prozent, konnte sich im Späthandel aber fangen. Zuletzt notierte der Dax 0,6 Prozent leichter bei 10.690 Punkten.

Anleger hatten fest mit einer Lockerung der Geldpolitik gerechnet. Mindestens eine Verlängerung des Anleihekaufprogramms sahen sie als ausgemachte Sache. Der EZB-Präsident stellte eine solche zeitliche Ausweitung auch in Aussicht, jedoch nur, wenn dies notwendig sei. Damit erteilte der Italiener weitergehenden Wünschen eine Abfuhr. Die makroökonomischen Projektionen, so Draghi, gäben Hinweise auf ein Funktionieren des eingeschlagenen Kurses. Dementsprechend sei eine wie auch immer geartete Ausweitung zur Zeit nicht notwendig. Einlagen– und Leitzins blieben wie erwartet unverändert.

Was Ökonomen zur Draghi-Pressekonferenz sagen

Marcel Fratzscher, Präsident DIW

„Die Wahrscheinlichkeit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik der EZB ist deutlich gestiegen. Die Abschwächung der Wirtschaft und vor allem der Inflation in der Euro-Zone versetzen die EZB in die schwierige Lage, über weitere Optionen nachdenken zu müssen. Ich erwarte, dass die EZB noch im Dezember eine Verlängerung des Anleihen-Kaufprogramms über März 2017 hinaus bekanntgeben wird. Vor allem halte ich eine Ausweitung der Ankäufe von Unternehmensanleihen für immer wahrscheinlicher. Ich erwarte zudem, dass die EZB früher oder später auch wieder griechische Staatsanleihen als Teil des Anleihenkaufprogramm erwerben wird.“

Shilen Shah, Investec Wealth & Investec

„Trotz des Marktgetöses durch das Brexit-Votum geht die EZB davon aus, dass der Einfluss auf das Bruttoinlandsprodukt in der Euro-Zone wahrscheinlich nur moderat negativ sein wird. Auf jegliche Ausweitungen des EZB-Anleihekaufprogramms gab es nur Andeutungen. Denn Draghi signalisierte, dass es derzeit keinen Extra-Stimulus geben werde. Doch da die Anleihen knapp sind, die die Kriterien des Kaufprogramms erfüllen, könnte dies die Zentralbank zum Handeln bewegen, bevor das Programm wie geplant im März 2017 endet.“

Holger Sandte, Nordea Bank

„Dass die EZB heute nicht geldpolitisch nachgelegt hat, war keine Überraschung. Mario Draghi hat die Tür für eine weitere Lockerung offen gelassen, ohne aber ganz konkrete Hinweise darauf zu geben. Ich rechne damit, dass die Anleihekäufe noch einmal verlängert werden. Der EZB-Einlagensatz wird allenfalls noch einmal leicht gesenkt und dann wohl lange Zeit negativ bleiben.“

Ulrike Kastens, Sal. Oppenheim

„Die EZB sieht bei der Konjunktur eher Abwärtsrisiken. Gleichzeitig kündigt sie eine Neubewertung der Geldpolitik an. Dies kann bereits auf der nächsten Sitzung der Fall sein, aber spätestens Ende des Jahres wird sie unserer Meinung nach eine Verlängerung des Ankaufprogramms beschließen. EZB will weiter expansiv bleiben.“

Ulrich Wortberg, Helaba

„Die EZB hat die hohen Erwartungen des Marktes nicht erfüllen können. Allerdings hebt Präsident Draghi auf der Pressekonferenz die Handlungsbereitschaft der Zentralbank hervor. Die EZB werde die Entwicklungen genau beobachten und - falls erforderlich - alle Instrumente innerhalb ihres Mandats nutzen, um Unsicherheiten einzudämmen und die Ziele zu erreichen. Die wirtschaftliche Erholung setze sich fort, allerdings gebe es weiterhin Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum. Die Einsetzung des angesprochenen Ausschusses, der Optionen für eine reibungslose Umsetzung des QE-Programms prüfen soll, könnte als Hinweis auf bevorstehende Änderungen des Regelwerks verstanden werden.“

Alexander Krüger, Chefökonom Bankhaus Lampe

„Die EZB hat heute nicht weiter nachgeladen. Verglichen mit ihrer Ratssitzung im Juli bleibt geldpolitisch alles unverändert. Die vom Markt erhoffte Verlängerung des Wertpapier-Kaufprogramms über März 2017 hinaus und die Anpassung einiger seiner Stellschrauben sind damit ausgeblieben. Die EZB signalisierte aber Handlungsbereitschaft, die sie wegen der niedrig bleibenden Inflationsrate aus unserer Sicht spätestens im Dezember in die Tat umsetzen wird. Wir erwarten eine Leitzinssenkung und volumenmäßig unveränderte Wertpapierkäufe bis Ende 2017.“

Otmar Lang, Chefvolkswirt Targobank

„Die Europäische Zentralbank verschärft ihr Quantitative-Easing-Programm vorerst nicht. Doch das ist wahrscheinlich nur eine Atempause im geldpolitischen Harakiri - die Türen für weitere monetäre Lockerungen bleiben sperrangelweit geöffnet. Europas oberste Notenbank steht eigentlich vor der geldpolitischen Kapitulation. Doch das kann sie sich nicht leisten. Auch wenn ihre Medizin nicht wirkt, muss die EZB immer wieder die Dosis erhöhen, um nicht völlig an Glaubwürdigkeit zu verlieren. Nur der leiseste Verdacht, dass Mario Draghi von seinen Maßnahmen selbst nicht mehr überzeugt ist, würde die Marktzweifel anfachen und Spekulanten Tür und Tor öffnen. Die EZB ist Gefangene ihrer eigenen Politik.“

Mit dem massenweisen Aufkauf von Staatsanleihen – so der Plan der Währungshüter – sinkt die Rendite und damit die Attraktivität dieser Papiere für Geschäftsbanken. Diese sollen so zu einem größeren Engagement im Kreditgeschäft bewegt werden, das wiederum Konjunktur und Inflation ankurbelt. Der Druck auf die Zentralbanker ist deswegen so hoch, weil das Preisniveau im Euro-Raum trotz der Geldflut immer noch meilenweit entfernt ist von den gewünschten knapp zwei Prozent. Die EZB hatte das Kaufprogramm schon auf Schuldscheine für Unternehmen ausgeweitet, weil ihr die Staatsanleihen, die den formalen Ansprüchen genügen, ausgehen.

Neben einer Verlängerung des Programms hoffte das Parkett auf eine weitere Ausweitung. Die EZB muss sich Fragen nach einem neuen Kapitalschlüssel gefallen – gerade weil dieser eben unberührt blieb. Bisher zwingt dieser die Währungshüter, Staatsanleihen nur in dem anteiligen Umfang zu kaufen, wie die nationalen Zentralbanken an der EZB beteiligt sind. Unter anderem stellen die Bundesanleihen das Institut damit vor Probleme. Die als sicherer Hafen weltweit geschätzten deutschen Schuldtitel erleben einen solchen Ansturm, dass viele eine negative Rendite aufweisen.

Die Folge: Sie fallen für das Kaufprogramm vom Tisch. Dementsprechend sieht sich die EZB einer Knappheit deutscher Anleihen gegenüber, will und muss sie dem Kapitalschlüssel entsprechend handeln. Die Zusammensetzung ist auch in der Hinsicht spannend, dass etwa Portugal eine Herabstufung durch die Ratingagenturen droht, womit dessen Titel aus dem Programm fallen müssten.

Nach Bekanntgabe der Beschlüsse wertete der Euro weiter auf. Dieser hatte sich schon vorher verteuert, obwohl doch die Märkte von einer Lockerung der Geldpolitik ausgegangen waren. Der Grund für das nicht ganz passende Bild lag in Amerika. Von dort waren erneut schwache Konjunkturdaten gekommen. Spätestens mit dem aktuellen Konjunkturbericht der US-Notenbank Fed, dem Beige Book, scheint eine Zinserhöhung in den Staaten noch im September endgültig vom Tisch.

So herrschte auf beiden Seiten des Atlantiks Abwertungsdruck, dem sich der Greenback mehr beugte als die Gemeinschaftswährung. Mit der Absage der obersten Zentralbanker nahm der Druck auf den Dollar zu. Der Euro gewann ein ein halbes Prozent auf 1,1298 Dollar. Die stark Währung lastete damit zusätzlich auf dem europäischen Aktienhandel.

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