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26.07.2012

17:41 Uhr

Börse Frankfurt

EZB-Chef Draghi lässt die Börsen jubeln

Die Hoffnung auf ein stärkeres Engagement der EZB im Kampf gegen die Eurokrise hat dem Dax einen kräftigen Schub gegeben. Mit dem Rückenwind guter US-Daten kletterte der Leitindex wieder über die wichtige 6500-Punkte-Marke.

"Super-Mario": EZB-Chef Draghi lässt Aktien und Euro steigen

Video: "Super-Mario": EZB-Chef Draghi lässt Aktien und Euro steigen

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FrankfurtDank klarer Worte von EZB-Chef Mario Draghi hat der Dax am Donnerstag kräftig zulegen können. Starke US-Auftragseingänge und überraschend deutlich gesunkene wöchentliche Erstanträge auf US-Arbeitslosenhilfe gaben zusätzliche Schützenhilfe. Schwache deutsche Unternehmenszahlen und die anhaltende Euro-Schuldenkrise, die zunächst noch belastet hatten, traten in den Hintergrund. Der deutsche Leitindex ging mit einem Plus von 2,75 Prozent auf 6582 Punkte aus dem Handel. Damit knüpfte er an die Vortagsentwicklung an, als er ein knappes Plus ins Ziel gerettet und so eine dreitägige Verlustserie beendet hatte. Der MDax stieg am Donnerstag um 2,1 Prozent auf 10 693 Punkte, und für den TecDax ging es um 1,90 Prozent auf 770 Punkte hoch.

EZB-Präsident Mario Draghi sagte in London, dass die Europäische Zentralbank innerhalb ihres Mandats bereit sei, alles Erforderliche zu tun, um den Euro zu erhalten. "Und glauben Sie mir, das wird reichen", fügte er hinzu. Ein Frankfurter Händler sagte dazu: "Wenn die EZB sich hinstellt und sagt, sie ist bereit, alles zu tun, um den Euro zu verteidigen, beruhigt das die Anleger ungemein. Das heißt wohl, dass die EZB ein Maßnahmenpaket in der Hinterhand hat, um das Schlimmste abzuwenden. Denn alle Investoren hoffen vor allem auf eines: ein Ende der Unsicherheit."

Der Tag an den Märkten (Stand 17:35 Uhr)

Dax

- 0,19 Prozent (Schlusskurs vom Freitag)

Euro Stoxx 50

+ 0,1 Prozent

Dow Jones

- 0,3 Prozent

Nikkei

+ 0,1 Prozent

Euro

1,2302 Dollar (+/- 0 Prozent)

Gold

1.602 Dollar (- 0,7 Prozent)

Öl (Brent)

106,40 Dollar (+ 1,2 Prozent)

Zudem brachte der französische Finanzminister Pierre Moscovici wieder die Option ins Spiel, dass der Euro-Rettungsschirm EFSF Staatsanleihen kaufen könnte. Diese Möglichkeit solle nicht ignoriert werden. Die Bundesregierung hat sich gegen diese Variante ausgesprochen.

Der Euro verteuerte sich auf 1,2277 Dollar und notierte damit mehr als einen US-Cent über dem New Yorker Vortagesschluss. Auch am Rentenmarkt war Entspannung zu spüren. Die Rendite der zehnjährigen spanischen Anleihen rutschte auf 7,091 Prozent ab und lag damit mehr als einen halben Prozentpunkt unter ihrem Rekordhoch vom Vortag. Die Rendite der italienischen Titel fiel auf 6,108 Prozent. Im Gegenzug trennten sich Investoren von deutschen Papieren. Der Bund-Future rutschte um 66 Ticks auf 144,03 Stellen ab.

Vor allem Finanzwerte konnten nach den Aussagen von Draghi zulegen. Der europäische Bankenindex stieg um 2,9 Prozent, der Pendant der Euro-Zone sogar um 5,2 Prozent. Im Dax lagen die Anteilsscheine der Commerzbank mit einem Plus von 6,41 Prozent an der Spitze.

Fragen und Antworten zur Kreditwürdigkeit

Warum sind Bonitätsnoten für ein Land wichtig?

Die Noten der drei führenden Agenturen S&P, Moody's und Fitch sind maßgeblich für die Finanzierungskosten der Staaten am Kapitalmarkt. Die Faustregel: Je besser die Bonitätsnote, desto günstiger das Zinsniveau, zu dem ein Land Geld aufnehmen kann.

Gilt diese Faustregel immer?

Es gibt Ausnahmen: So haben die USA trotz immenser Verschuldung und einer Herabstufung durch S&P im vergangenen Sommer nach wie vor keine Probleme, günstig Mittel einzusammeln. Die weltgrößte Volkswirtschaft gilt weiter als „sicherer Hafen“, weil der US-Dollar die globale Leitwährung ist und die Notenbank Fed bereit ist, ihn in unbegrenzten Mengen zu drucken. Diese Quasi-Versicherung gegen einen Zahlungsausfall für US-Staatsschulden überzeugt internationale Gläubiger bislang noch - zumal die Alternativen rar sind.

Welche Konsequenzen hat die S&P-Drohung für die „AAA“-Euroländer?

Die Wahrscheinlichkeit liegt nun laut S&P bei 50 Prozent, dass die verbleibenden Euro-Staaten mit Spitzenbonität ihre Bestnote in den kommenden 90 Tagen verlieren. Das sind neben Deutschland Frankreich,Österreich, Luxemburg, die Niederlande und Finnland. Frankreich, das bereits seit längerem unter Abwertungsdruck steht, könnte sogar gleich um zwei Bonitätsstufen abgesenkt werden. Zudem hat in Moody's auch die zweite große Ratingagentur das Land auf dem Kieker. Für die Euro-Rettung ist dies äußerst brisant: Mit Frankreich wackelt die zweitwichtigste Finanzierungssäule des Krisenfonds EFSF.

Was wird ohne Top-Rating aus dem Euro-Rettungsschirm?

Für den EFSF hätte ein Verlust der Spitzenbonität weitreichende Folgen. Die Topnoten der Ratingagenturen sind Voraussetzung, damit der Krisenfonds mit maximaler Schlagkraft agieren kann. Eine Herabstufung der wichtigsten Garantiegeber Deutschland und Frankreich würde auch die Note des EFSF gefährden und damit das Aus des Rettungsschirms in seiner bisherigen Konstruktion bedeuten.

Wie begründet S&P seine Entscheidung?

Der Ratingagentur zufolge haben die Probleme im Euroraum ein Maß erreicht, das die Währungszone als Ganzes unter Druck setzt. S&P kritisiert auch unkoordiniertes und unentschlossenes Handeln der Politiker. Es gebe zudem das Risiko, dass die Eurozone im kommenden Jahr in die Rezession rutsche. Auch Deutschland könnte nach Einschätzung der Agentur in den Abwärtssog geraten.

Ist der Rundumschlag der Ratingagentur angebracht?

Experten sind sich uneins: Die Commerzbank-Analysten bezeichnen den Vorstoß als „aggressiv“, aber vertretbar. Er unterstreiche, „dass es in dieser Krise kein Entrinnen gibt - nicht einmal für die absoluten Top-Credits in der Eurozone“. Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, hat dagegen kein Verständnis. Angesichts der jüngsten Entspannung in der Schuldenkrise liefere S&P in seiner Begründung „schlichtweg und ergreifend Unwahrheiten“.

Warum droht S&P direkt vor dem nächsten EU-Gipfel mit Abstufungen?

Damit setzt die Ratingagentur die Euro-Retter unter Handlungsdruck. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Gipfel-Ergebnisse entscheidend für die weitere Bewertung der Länder der Eurozone seien. Kanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsident Nicolas Sarkozy könnte die Drohung zur Unzeit sogar in die Karten spielen. Merkel liefert sie Argumente dafür, die europäischen Verträge zugunsten von mehr Haushaltsdisziplin und automatischen Schuldenbremsen zu ändern. Sarkozy stärkt sie innenpolitisch den Rücken, um die Sparanstrengungen zu forcieren.

Welche Länder haben überhaupt noch Top-Bonitätsnoten?

Weltweit verfügen noch nicht einmal 20 Staaten über ein „AAA“-Rating von S&P, dazu zählen aber auch einige Steueroasen und Zwergstaaten. In Europa verfügen - noch - zwölf Länder über ein Top-Rating. Von den großen Industrie- und Schwellenländern (G20) sind es fünf. Dazu gehören Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien und Großbritannien. Industriegiganten wie die USA („AA+“), China („AA-“) oder Japan („AA-“) sind nicht darunter. Investoren reagieren jedoch häufig erst auf Herabstufungen, wenn mindestens zwei Agenturen sie vornehmen. Die USA beispielsweise werden von Fitch und Moody's bislang noch mit „Triple A“ bewertet.

Worauf gründen Ratingagenturen eigentlich ihre Entscheidungen?

Grundsätzlich legen die großen Agenturen ihre Methodik nicht im Detail offen. Kritiker bemängeln besonders im Zusammenhang mit der Schuldenkrise im Euroraum, dass die Ratingunternehmen lediglich den Marktentwicklungen folgen und auf neue Zuspitzungen reagieren, auch wenn diese fundamental nicht immer gerechtfertigt seien. Experten sehen den harten Kurs allerdings auch im Zusammenhang mit den laschen Bewertungsstandards während der US-Hypothekenkrise waren. Damals mussten sich die Bonitätsprüfer häufig den Vorwurf gefallen lassen, riskante Papiere tendenziell zu positiv zu bewerten.

Das Schlusslicht im Dax bildeten die Aktien von MAN mit einem Abschlag von 5,7 Prozent. Der LKW-Bauer hatte am Vorabend einen Gewinneinbruch gemeldet und seine Ergebnisprognose für 2012 gekippt. "Es ist klar, dass derzeit ein Nachfrageproblem besteht. Aber der Gewinneinbruch in dem Ausmaß hat einige offenbar doch überrascht", sagte ein Händler.

Ein Minus von 1,2 Prozent verzeichneten die Aktien von Siemens. Konzern-Chef Peter Löscher hatte gesagt, angesichts des verschlechterten Umfelds sei es schwieriger geworden, die Prognose für das Geschäftsjahr zu erreichen.

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Dass die Ansprüche der Anleger hoch sind, zeigten auch die Quartalszahlen von VW. Obwohl der Autokonzern den Gewinn im zweiten Quartal wie von Analysten erwartet gesteigert hatte, fielen die Aktien um 0,1 Prozent. Es fehle eine positive Überraschung, begründete Macquarie-Analyst Christian Breitsprecher die Kursverluste.

Im MDax verteuerten sich die Puma -Aktien mit 5,7 Prozent am deutlichsten. Nach den schwachen Geschäftszahlen im zweiten Quartal soll ein neues Modell helfen, die Struktur des fränkischen Konzerns zu vereinfachen, indem Verwaltungsaufgaben zentralisiert würden, teilte Puma mit. "Dies zusammen mit der Tatsache, dass es keine neuen negativen Überraschungen gab, dürfte der Aktie helfen", sagte ein Händler.

Auch die Papiere von Aixtron waren gefragt und legten im TecDax um 8,1 Prozent zu. Der Chipanlagenbauer sieht sich auf dem Weg der Besserung und rechnet für das zweite Halbjahr mit einem Gewinn.


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