Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.12.2011

17:53 Uhr

Börse Frankfurt

Spekulationen lassen Dax hoch im Plus schließen

Eine Handelstag im Zeichen der Schuldenkrise endete mit hohen Gewinnen. Spekulationen um chinesische Investitionen beflügelten heute den Dax. Gerüchte um bilaterale Kredite an den IWF machten zusätzlich die Runde.

Händler an der Börse Frankfurt: Die Woche endete für den Dax freundlich. dapd

Händler an der Börse Frankfurt: Die Woche endete für den Dax freundlich.

Düsseldorf„Während noch am Morgen die ersten Resultate vom EU Gipfel in Brüssel für Skepsis gesorgt hatten, profitierten die Aktienmärkte vor allem von Äußerungen der Bundesbank, wonach bilaterale Kredite an den Internationalen Währungsfonds (IWF) grundsätzlich als erwägenswert angesehen werden.“, fasste Gregor Kuhn von IG-Markets die Situation am Markt zusammen. „Über den IWF soll das Kapital dann wieder zur Stützung angeschlagener Euro-Staaten zur Verfügung gestellt werden.“

Die Beschlüsse des EU-Gipfels zur Bewältigung der Euro-Schuldenkrise konnten die trübe Grundstimmung an den Märkten nicht grundsätzlich vertreiben können. Nach deutlichen Vortagesverlusten sorgte die schnelle Einigung auf eine Schuldenbremse zwar für etwas Erleichterung. Viele Marktteilnehmer hätten sich im Kampf gegen die Krise aber eine stärkere Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) gewünscht.

„Die Ergebnisse sind keine Enttäuschung, aber sie reichen auch noch nicht aus, um Ruhe in den Markt zu bringen“, sagte Analyst Heino Ruland von Ruland Research. Dass die EZB Kreisen zufolge weiterhin Staatsanleihen von Problemländern für bis zu 20 Milliarden Euro pro Woche kaufen will, besänftigte viele Investoren aber vorerst.

Für steigende Kurse sorgte zudem die Nachricht, dass China mit zwei neuen Fonds im Gesamtvolumen von 300 Milliarden Dollar in Europa und den USA investieren will. Vor allem Bankenwerte konnten von diesen Meldungen profitieren. Die US-Börsen öffneten mit steigenden Kursen, was dem Dax einen kräftigen Schub verlieh.

Der Dax legte nach Eröffnung der Wallstreet nochmal kräftig zu und schloss 1,9 Prozent höher bei 5.986 Punkten. Der EuroStoxx50, der Leitindex der Eurozone, gewann 2,4 Prozent. Der Euro erholte sich wie die europäischen Aktienmärkte von seinen frühen Verlusten und kostete mit 1,3387 Dollar fast einen halben US-Cent mehr als am Vorabend in New York. Der Bund-Future fiel um 72 Ticks auf 136,10 Punkte.

Reaktionen auf die Ergebnisse des EU-Gipfels

Ralf Umlauf, Marktanalyst der Helaba

„Es wäre schön gewesen, wenn sich Großbritannien den Reformen nicht verweigert hätte. Die positive Nachricht ist aber, dass Europa auch ohne Großbritannien voranschreiten kann. Es bleibt abzuwarten, ob die Renditen bald zurückgehen.

Mittelfristig dürften die Beschlüsse die Stabilität der Staatsfinanzen und das Vertrauen in die Staatsanleihen wiederherstellen. Ab Mitte 2012 könnte ein Umdenken einsetzen.“

Folker Hellmeyer, Chef-Volkswirt der Bremer Landesbank

„Europa befindet sich unbeirrt auf dem Stabilitätspfad. Hier wird Strukturpolitik gemacht. Hier werden Geschäftsmodelle geändert. Hier entsteht Zukunftsfähigkeit. Der Unterschied zu den USA ist grotesk groß. Die von den Finanzplätzen New York und London dominierten Finanzmärkte goutieren die Politik Europas bisher nicht. Sie blenden die Reformerfolge erfolgreich aus. Sie fokussieren sich auf einige wenige Reformverfehlungen. Für den Finanzmarkt zählt nur das Motto der USA. Schnelle Lösungen kosmetischer Art sind gefragt. Werden diese Maßnahmen nicht geliefert, werden die betreffenden Märkte abgestraft. Damit wird die Krise verschärft.“

Gustav Horn, Direktor des Gewerkschaftsnahen IMK Instituts

„Der Gipfel ist hinter den Erwartungen zurückgeblieben, die ohnehin nicht allzu hoch waren. Die Vereinbarung von nationalen Schuldenbremsen überzeugt mich nicht. Ob es funktioniert, ist zweifelhaft. So etwas geht nicht von heute auf morgen. Es kommt noch ein weiteres hinzu: Wenn alle eine restriktive Finanzpolitik betreiben ist klar, dass sich die abzeichnende Rezession in der Euro-Zone noch vertiefen wird.

Ich bin sehr skeptisch, dass es gelingen wird, den Euro auf dieser Basis zu retten. Es sei denn, die EZB springt ein. Eine Ankündigung der EZB, ihre Anleihekäufe bei Bedarf massiv auszuweiten würde genügen, die Märkte zu beeindrucken. Ohne die EZB als Retter in der Not wird es für die Problemländer immer schwieriger: Die Renditen steigen dann weiter, und der Bedarf an Hilfen wächst.“

Werner Bader, Investmentanalyst LBBW

„Hoffnungen der Börsianer auf verfrühte Weihnachtsgeschenke erfüllte die EZB auf ihrer gestrigen Sitzung nicht. Zwar senkte sie den Leitzins wie erwartet um 0,25 Prozent auf nun 1,00 Prozent und stützte den Finanzsektor mit zusätzlicher Liquidität. Einer von vielen Marktteilnehmern erhofften Ausweitung von Anleihenkäufen trug die EZB aber nicht Rechnung. (...) Ob die Ergebnisse aus Brüssel dem entgegen wirken können, erscheint eher fraglich. Positiv zu beurteilen ist, dass die Staaten der Euro-Zone auf dem Weg zu einer Fiskalunion ein gutes Stück vorangekommen sind. (...) Insgesamt hatten sich die Börsianer vom gestrigen Donnerstag mehr erhofft, so dass der Aktienmarkt heute wohl eher weiter zur Schwäche neigen wird.“

Ulrich Leuchtmann, Analyst bei der Commerzbank

„Der EU Gipfel brachte keine Lösung hinsichtlich eines Schutzschirms für Italien und Spanien. Auch EZB-Präsident Mario Draghi hat gestern auf der EZB-Pressekonferenz klargestellt, dass die EZB zur Finanzierung nicht in die Bresche springen wird. Momentan ist dabei für den Markt völlig irrelevant, welche ordnungspolitischen Beschlüsse darüber hinaus auf dem Gipfel beschlossen wurden. Schuldenbremsen sind langfristig gut, helfen Italien und Spanien in der aktuellen Situation aber nicht. Für die Euro-Wechselkurse kann das nur bedeuten: Die Gemeinschaftswährung bleibt weiter unter Druck. Das Risiko eines Absturzes des Euros ist durch den Gipfel nicht geringer geworden.“

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank

„Die gute Nachricht: Man hat sich frühzeitig geeinigt. Die schlechte Nachricht: Es gibt keine positiven Überraschungen. Wenn die EZB nicht mehr macht als bisher angekündigt, dann ist das Risiko sehr groß, dass das Gipfelergebnis nicht ausreicht, um die Krise zu beenden. Die Politiker haben alles gemacht, was sie ohne EZB tun können. Nun sind die Währungshüter am Zug. Wenn sie sich verweigern, könnte die Konjunktur Anfang 2012 richtig in die Knie gehen. Sie muss ankündigen, ab einem gewissen Risikoaufschlag - beispielsweise 5,5 Prozentpunke - notfalls unbegrenzt Anleihen von Staaten zu kaufen, die ihre Haushaltsauflagen erfüllt haben. Sie muss im äußersten Notfall eingreifen.“

Junya Tanase, Chef-Währungsstratege bei JP Morgan Chase

„Sich allein auf eine verstärkte Haushaltsdisziplin zu einigen, sorgt an den Märkten nicht für die große Erleichterung. Die Stimmung wird erst dann besser, wenn die EZB bereit ist, als ultimativer Retter in das Geschehen einzugreifen.“

Rob Ryan, Devisenstratege bei BNP Paribas in Singapur

„Es sieht nach etwas mehr Substanz aus. Es wird einen Vertrag geben und er wird von der gesamten Eurozone unterzeichnet werden. Und es sieht so aus, als gebe es mehr Geld für den IWF. Es bleiben viele Fragen, vor allem bleibt das Risiko der Umsetzung.“

Roger Peeters, Analyst bei Close Brothers Seydler

„Es scheint immer noch schwierig, in ganz Europa einen Konsens zu erreichen, um die Strukturprobleme des Finanzsystems zu lösen. Die Diskussion zwischen Großbritannien und den Eurozonen-Staaten hat gezeigt, wo die Gemeinsamkeiten enden. Es war indes keine Überraschung, dass Großbritannien eine andere Meinung zur nötigen Regulierung der Kapitalmärkte hat, aber das Signal an die Märkte blieb negativ. (...) Jetzt hoffen die Anleger, dass der zweite Verhandlungstag bessere Ergebnisse bringen wird.“

Treasury Research von HSBC

„Grundsätzlich halten wir eine Stärkung des Stabilitäts- und Wachstumspaktes und verbindlichere Regeln bei der Haushaltsdisziplin ebenso für erforderlich wie eine ordnungspolitisch orientierte Wirtschaftsregierung mit ausreichenden Überwachungskompetenzen. (...) Ob eine „17+6-Lösung“ jedoch zu einer Beruhigung an den Finanzmärkten - auch über den kurzen Zeithorizont hinaus - führt, bleibt zumindest fraglich. So dürften die Details der ausgehandelten Lösung in den kommenden Wochen ebenso kritisch von den Finanzmarktteilnehmern begleitet werden wie die praktische Umsetzung der Beschlüsse.

Kai Carstensen, Konjunkturchef Ifo-Institut

„Ich bin nicht gerade positiv überrascht von den Gipfelergebnissen. Was dabei herausgekommen ist, sind Absichtserklärungen. Es soll zwar einen verbindlichen Pakt geben, der binnen drei bis vier Monaten ratifiziert werden könnte. Bis dahin kann aber noch einiges schiefgehen. Das Gipfelergebnis ist ein Signal, mehr aber auch nicht. Übrigens auch ein Signal, dass es mit Großbritannien noch große Uneinigkeit gibt.“

Wir wissen nicht, wie die Hebelung des EFSF funktionieren wird. Und ob all diese Finanzmittel auch gebraucht werden. Dennoch wurden auf dem Gipfel Beschlüsse zur Aufstockung der Rettungshilfen über den IWF gefasst. Wir haben jetzt eine Lage, in der Regeln für mehr Stabilität in der Fiskalunion angestrebt werden, aber keineswegs in trockenen Tüchern sind. Zugleich wurden die Ressourcen deutlich erhöht. Auch die EZB ist bei den Maßnahmen zur Milderung der Krise in Vorleistung gegangen, ohne etwas Festes in der Hand zu haben.“

Angela Merkel

„Es ging darum, die Stabilitäts- und Fiskalunion zu beginnen (...) Ich bin sehr zufrieden mit dem Ergebnis. (...) Jeder in der Welt wird sehen, dass wir aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt haben“.

David Cameron, britischer Premierminister

„Wenn wir keine Schutzklauseln bekommen, ist es besser, draußen zu bleiben“

Zweifel an Gipfelbeschlüssen hoch

Von Euphorie war bei den Börsianern allerdings nichts zu spüren, da viele weiter Zweifel hatten, ob die beschlossenen Maßnahmen ausreichen, um die Euro-Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. In der Nacht waren die EU-Staaten einer Fiskalunion zwar nähergekommen, allerdings stellte sich vor allem Großbritannien gegen eine Änderung des EU-Vertrages der 27 Mitgliedsstaaten. Dafür vereinbarten die Euro-Länder, dass sie strengere Spar- und Kontrollauflagen in einem Vertrag festlegen wollen.

Außerdem einigten sich die EU-Regierungen auf einen schnelleren Einsatz des dauerhaften Euro-Rettungsschirms ESM und die stärkere Einbindung des Internationalen Währungsfonds (IWF) bei der Stabilisierung der Euro Zone.

Gewinner der Woche (HDax)

Celesio

+ 5,70 Prozent

BB Biotech

+ 2,78 Prozent

EADS

+ 2,45 Prozent

Morphosys

+ 1,96 Prozent

Gerresheimer

+ 1,75 Prozent

Am Freitag schlossen sich neun EU-Länder, und damit drei mehr als zunächst angenommen, den Euro-Ländern an - nur Großbritannien steht abseits. Einige Staaten wollen in ihren Parlamenten über die Beschlüsse abstimmen lassen.

Positiv bewerteten Analysten, dass es nach wochenlangem Hickhack überhaupt eine Lösung gab. Enttäuschend ist aus ihrer Sicht dagegen, dass kein stärkeres Eingreifen der EZB vorgesehen ist und noch viele Details der Hebelung des Rettungsschirms EFSF offen sind. „Die gute Nachricht: Man hat sich frühzeitig geeinigt. Die schlechte Nachricht: Es gibt keine positiven Überraschungen“, fasste Volkswirt Holger Schmieding von der Berenberg Bank zusammen. „Wenn die EZB nicht mehr macht als bisher angekündigt, dann ist das Risiko sehr groß, dass das Gipfelergebnis nicht ausreicht, um die Krise zu beenden.“

Verlierer der Woche (HDax)

Metro

- 17,70 Prozent

Commerzbank

- 11,61 Prozent

SMA Solar

- 9,69 Prozent

Heidelberger Druck

- 9,56 Prozent

Boss

- 9,30 Prozent

Kommentare (78)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

09.12.2011, 08:31 Uhr

noch von einem "gipfel" zu sprechen ist ja wohl eine farce...seit monaten ließt man woche für woche von gipfeltreffen.
das sind keine gipfeltreffen, sondern mitlerweile alltägliche meetings oder wie auch immer man das nennen mag.

und meistens haben sie auch noch eine soo absehbare auswirkung auf den markt - das läd ja gerade zum spekulieren ein...

Keine_Panik

09.12.2011, 08:34 Uhr

Mundfaule Daytrader heute. Was los? Sprache verschlagen? Out-Geknockt?
Aber kein Grund für Panik unter den Daytradern. Es ist doch nichts Überraschendes passiert, gestern. Im Gegenteil. Das Absehbare trat ein.

KeeptCool, es kommen noch bessere Tage um mit Mann und Maus, mit Hof und Heim, mit Kind und Kegel short zu sein.

Rainer_Leser

09.12.2011, 09:04 Uhr

Herzlichen Dank für diesen erfrischenden und sehr sachlichen Beitrag zum Marktgeschehen.
YMMD!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×