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06.12.2011

15:37 Uhr

Börse Frankfurt

S&P-Drohung trübt Dax-Stimmung

Neben dem negativen Ausblick der Ratingagentur S&P für beinahe die ganze Euro-Zone sind es vor allem Unternehmensnachrichten die für Unruhe sorgen. Allerdings werden diesmal nicht die Bankentitel massiv abgestraft.

Händler in Frankfurt schauen gebannt auf die Entwicklung der Kurse. dapd

Händler in Frankfurt schauen gebannt auf die Entwicklung der Kurse.

DüsseldorfDie drohende Herabstufung der Kreditwürdigkeit Deutschlands und praktisch aller anderen Euro-Länder hat am Dienstag zu deutlichen Verlusten im Dax geführt. Der deutsche Leitindex schloss am späten Nachmittag mit Minus 1,3 Prozent bei 6.029 Punkte. Gestern war er noch mit einem leichten Plus von 0,4 Prozent auf 6.106 Zähler aus dem Handel gegangen. Der MDax büßte 1,1 Prozent ein auf 8.944 Punkte und der TecDax gab um 1,2 Prozent nach auf 694 Punkte.

„Aus Sicht des Marktes erhöht die Warnung von S&P den Druck auf die Politik, die Bekämpfung der Euro-Krise ernsthaft anzugehen“, sagte Joe Rundle von ETX Capital. Die Ratingagentur hatte am späten Montagabend zu einem Rundumschlag in Europa ausgeholt. Sie warnte die bisher mit der Top-Bonitätsnote „AAA“ bewertete Bundesrepublik, sie könnte wegen der Schuldenkrise in der Euro-Zone um eine Stufe abgewertet werden. Am Dienstagnachmittag weitete Standard & Poor's ihre Warnung auf den Euro-Rettungsfonds EFSF aus. Auch dieser könnte seine bisherige Topbonität verlieren, falls ein bisher mit Bestnote versehenes Mitgliedsstaat der Eurozone herabgestuft werden sollte. Dabei könnte die Kreditbewertung des EFSF um ein bis zwei Stufen gesenkt werden, hieß es in einer Mitteilung.

Jim O'Neill, Chef der Vermögensverwaltung bei Goldman Sachs, bezeichnete den Zeitpunkt der S&P-Warnung kurz vor dem EU-Gipfel als „lächerlich“: „Ich zweifle an der Relevanz der Entscheidung.“ Ähnlich äußerten sich auch andere Analysten und Volkswirte. Mit der S&P-Drohung dürfte der EU-Gipfel am Donnerstag und Freitag dennoch stärker in den Fokus der Anleger rücken. „Jeder Fehlschlag der europäischen Politik, eine Einigung zu erzielen, oder jeder ungenügende Plan könnte eine unmittelbare Reaktion der Rating-Agentur auslösen“, sagte Jonathan Sudaria vom Brokerhaus LCG.

Börse Frankfurt am Mittag

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Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Nicolas Sarkozy hatten am Montag erste Ideen präsentiert, wie sie für eine verbindlichere Einhaltung der Schuldengrenzen sorgen wollen. Auf dem EU-Gipfel soll entschieden werden, ob die Neuregelungen Teil des EU-Vertrages werden oder ob die Euro-Zone alleine voranmarschiert. Am Rentenmarkt nahmen die Anleger den S&P-Warnschuss unaufgeregt zur Kenntnis.

Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen lag mit 2,184 Prozent nur leicht höher als im Vortagesgeschäft mit 2,162 Prozent. Die Reformanstrengungen Italiens drückten die Rendite der zehnjährigen Papiere des Landes erstmals seit Ende Oktober wieder unter die Sechs-Prozent-Marke. Der Zins ging bis auf 5,871 Prozent zurück, nachdem der neue italienische Ministerpräsident Mario Monti am Wochenende ein 30 Milliarden Euro schweres Sparpaket vorgestellt hatte, um das Vertrauen der Märkte zurückzugewinnen.

Experten zum S&P-Warnschuss für die Euro-Zone

Johannes Müller, Chefvolkswirt DWS

„Selbst wenn Deutschland seine Top-Bonitätsnote AAA verliert, ist das nicht der Untergang des Abendlandes. Bundesanleihen werden auch weiterhin der sichere Hafen bleiben. Eine Herunterstufung mussten auch Länder wie die USA und Japan hinnehmen und sie leben immer noch. Für mich ist die Drohung von S&P ganz klar ein Warnschuss an die Adresse der Politik, dass es endlich zu einer Entscheidung kommen muss, wie es mit der Währungsunion weitergehen soll. Denn klar ist, so wie jetzt kann es nicht weitergehen. Wir sind weit über das Level hinaus, wo sich das System noch selbst stabilisieren kann.“

Ralf Umlauf, Analyst Helaba

„Sollte Deutschland seine Top-Bonitätsnote verlieren, wird es für Bundesanleihen im internationalen Wettbewerb sicherlich schwieriger. In der Euro-Zone dürften sie aber weiterhin Stabilitätsanker bleiben und als liquider sicherer Hafen gefragt sein. Insgesamt ist der Vorstoß von S&P zu diesem Zeitpunkt aber sehr fragwürdig, schließlich bemühen sich die Staaten gerade um eine stärkere Integration in der Euro-Zone. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass die Eckdaten der Euro-Zone im Vergleich zu den USA oder Großbritannien gar nicht so schlecht aussehen. Europa hat ein deutlich kleineres Haushaltsdefizit und kein strukturelles Außenhandelsdefizit.“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt Dekabank

„Man macht an den internationalen Kapitalmärkten zurzeit generell einen Bogen um europäische Staatsanleihen. Die Mitteilung von S&P reflektiert nur die Tatsache, dass Europa mit 80 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an der Grenze der Staatsschuld für Industrieländer angekommen ist. Aber das Timing ist ein bisschen seltsam, weil sich die Märkte diese Frage schon lange gestellt haben. Europa muss deutlich machen, dass Griechenland ein Einzelfall gewesen ist - eine absolute Ausnahme. Wir meinen, dass eine große Lösung nötig ist. Wir erwarten vom Gipfel, dass die von Merkel und Sarkozy vorgeschlagenen Maßnahmen nicht verwässert werden.“

Jörg Zeuner, Chefökonom VP Bank Liechtenstein

„Die Rating-Agenturen betreiben Gläubigerschutz. Mit steigenden Renditen gerät auch die Schuldentragfähigkeit der Länder stärker in Gefahr. Natürlich muss man sich fragen, ob das Timing von S&P so kurz vor dem EU-Gipfel glücklich ist. Es kann eine gefährliche Spirale in Gang setzen. Das Vertrauen in den Euro-Rettungsschirm EFSF, genügend Feuerkraft zur Bewältigung der Krise aufzubringen, hat ja bereits gelitten.“

Kai Carstensen, Konjunkturchef Ifo-Institut

„Sollte es zu einer Herabstufung der AAA-Länder kommen, wäre dies unangenehm, weil die Konstruktion des Euro-Rettungsschirms an der Topbonität führender Länder hängt. Man könnte den Schirm aber anders aufspannen, die Hebel würden dann kleiner ausfallen. Es ist allerdings alles andere als ausgemacht, dass es zu einer Herabstufung kommt. Es ist ein Warnschuss für die Bundesregierung, darauf zu achten, dass die deutschen Garantien im Rahmen der Euro-Rettung nicht zu hoch ausfallen. Wenn sich Deutschland hierbei übernimmt, ist seine Bonität in Gefahr. Die S&P-Drohung könnte Merkel und Sarkozy bei den Verhandlungen auf dem EU-Gipfel sogar Rückenwind geben. Die Erfahrung zeigt: Wenn der Druck steigt, bewegt sich Europa eher.“

Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank

„Wenn man über ein Triple-A redet und das ginge runter auf AA+ wäre das nicht der Untergang des Abendlandes. Aber es ist natürlich ein Signal und deswegen ist es auch wichtig, dass man daran arbeitet, dass es nicht dazu kommt.“

Gernot Mayer, Fondsmanager im Anleihe-Team von Raiffeisen Capital Management

„Ich gehe nicht davon aus, dass alle Staaten, denen S&P eine Herabstufung angedroht hat, ihr „AAA'-Rating auch verlieren. Sollte es dennoch dazu kommen, müssten viele Fonds ihre 'AAA'-Klauseln ändern. Wenn nur einzelne Staaten herabgestuft werden, werden die Fonds-Bestimmungen voraussichtlich nicht geändert. Dann werden die entsprechenden Anleihen verkauft und Investoren schichten ihr Kapital in „AAA'-Bonds um. Sollte Deutschland sein Top-Rating verlieren, erwarte ich keinen Ausverkauf, denn in der Euro-Zone fehlt es an Alternativen.“ „Bei Frankreich ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass das Land sein „AAA'-Rating verliert. Allerdings wurde bei der Spread-Entwicklung bereits einiges vorweggenommen.“ „Ich halte es für möglich, dass der EFSF sein „AAA'-Rating behält. Es wäre aber auch kein Problem, wenn er mit „AA+' eingestuft würde. Auch hier sind die Spreads bereits gestiegen und haben einiges vorweggenommen.“

Uwe Angenendt, BHF Bank

„Das bringt den Gipfel unter Druck. Das Timing von S&P ist erstaunlich. Man hätte bis nach den Beschlüssen warten können, die Erwartungshaltung an den Gipfel an den Finanzmärkten ist hoch. Die Märkte haben auf die S&P-Warnung aber bislang recht ruhig reagiert. Auch der Euro hat kaum reagiert. Sollte es zu einer Herabstufung der AAA-Länder kommen, wäre jedoch die auf Top-Bonität basierende Konstruktion des Euro-Rettungsschirms infrage gestellt. Aber die Anleihen des Rettungsschirm haben ja bereits deutliche Kursverluste hinnehmen müssen. Man sieht daran, dass diese Befürchtungen in den Preisen schon eingearbeitet sind. Die Märkte trauen dem Rettungsschirm nicht mehr alleine zu, die Krise abzumildern. Es ist notwendig, dass die EZB eine größere Rolle spielt. Ich könnte mir vorstellen, dass sie ihr Engagement auch bei den Staatsanleihekäufen ausweitet.“

Folker Hellmeyer, Chefanalyst Bremer Landesbank

„Das ist skandalös und hat mit fairer Bewertung nichts zu tun. Europa ist das Paradepferd der Reformpolitik. Wir gehen in Richtung einer Stabilitätsunion. Die bisherigen Reformen - etwa in Griechenland und Italien - sind ohne Beispiel und verdienen Respekt. In den USA sehen wir dagegen null Reformfähigkeit.“

Heino Ruland, Marktanalyst von Ruland Research

„Zusätzliche Erwartungen an den EU-Gipfel gibt es nicht. Viel mehr als das, was Merkel und Sarkozy vorgeschlagen haben, ist nicht durchzusetzen. Ich sehe den Schritt von S&P eher als Rückendeckung für Deutschland und Frankreich. Der Druck, den Plänen zuzustimmen, wächst.“

Die Prognosesenkung der Metro sorgte für einen Kurseinbruch von fast 14 Prozent. Der Handelsriese Metro hat wegen eines schwach angelaufenen Weihnachtsgeschäfts und negativer Währungseffekte seine Jahresziele eingedampft. Statt Zuwächsen erwarte der Vorstand nunmehr Einbußen bei Umsatz und Gewinn, teilte Metro am Dienstag mit. Sollte sich der schwache Verlauf im wichtigen Weihnachtsgeschäft fortsetzen, werde der Umsatz 2011 unter dem Vorjahreswert von 67,3 Milliarden Euro liegen.

Zu den größten Verlierern im Dax zählte auch RWE, die eine milliardenschwere Kapitalerhöhung auf den Weg gebracht haben. Die Titel des Energiekonzern gaben 7,2 Prozent nach. „Die Kapitalerhöhung kommt alles andere als überraschend“, sagte ein Börsianer. Indes hat das Unternehmen sein ursprüngliches Einnahmeziel von 2,5 Milliarden Euro verfehlt. Aus der Kapitalmaßnahme erhalte der Konzern einen Bruttoemissionserlös von 2,1 Milliarden Euro, teilte der Versorger am Dienstag mit. Das Unternehmen hatte bis zu 2,5 Milliarden einnehmen wollen. Die Differenz werde der Konzern durch zusätzliche Effizienzmaßnahmen ausgleichen, sagte eine Sprecherin. RWE setzte Angebotspreis und den Bezugspreis für die 52,3 Millionen neuen Aktien und die 28,1 Millionen eigenen Aktien auf 26 Euro je Anteilsschein fest.

Der Tag an den Märkten (Stand: 17:45 Uhr)

Dax

- 1,3 Prozent

Euro Stoxx 50

- 0,3 Prozent

Dow Jones

+ 0,2 Prozent

Nikkei

- 1,39 Prozent

CSI 300

- 0,2 Prozent

Euro

1,3381 Dollar (- 0,1 Prozent)

Gold

1.710 Dollar (- 0,7 Prozent)

Öl (Brent)

110,27 Dollar (- 0,6 Prozent)

Trotz der Schuldenkrise hat die deutsche Industrie im Oktober das größte Auftragsplus seit anderthalb Jahren eingefahren. Die Unternehmen zogen wegen der starken Auslandsnachfrage 5,2 Prozent mehr Bestellungen an Land als im Vormonat, teilte das Bundeswirtschaftsministerium am Dienstag mit. Ein stärkeres Plus gab es zuletzt im März 2010 mit 5,6 Prozent. Von Reuters befragte Analysten hatten nur einen Zuwachs von 0,8 Prozent erwartet. Zuvor waren die Aufträge drei Monate in Folge geschrumpft, im September mit 4,6 Prozent besonders stark. „In der Tendenz bleibt die Nachfrage zurückhaltend“, warnte das Ministerium vor Euphorie. „Die Industrieproduktion dürfte daher ihre derzeit ruhigere Entwicklung vorerst beibehalten.“

Die Wirtschaft in den Euro-Ländern ist im dritten Quartal kaum noch gewachsen. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg zwischen Juli und September wie von Experten erwartet um 0,2 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistikamt Eurostat am Dienstag mitteilte und damit eine erste Schätzung bestätigte. Binnen Jahresfrist legte die Wirtschaftsleistung um 1,4 Prozent zu.

Gold als sicherer Hafen bleibt gefragt

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Der Handelskonzern Douglas blickt anders als der Konkurrent Metro mit Zuversicht auf das Weihnachtsgeschäft 2011. „Wir sind mit dem bisherigen Verlauf des Weihnachtsgeschäftes in Deutschland recht zufrieden“, erklärte Douglas-Chef Henning Kreke am Dienstag gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. „Die Kunden zeigen sich durchaus in Kauflaune - sowohl in unseren Fachgeschäften als auch in unseren Online-Shops“, unterstrich er. Insgesamt lägen die Umsätze bislang „im Rahmen unserer Erwartungen“. Douglas sei deshalb für die verbleibenden Wochen bis Heiligabend „weiter zuversichtlich, denn die allerwichtigsten Tage liegen ja noch vor uns“. Trotz der optimistischen Töne ging es für die Aktien 2,7 Prozent abwärts.

Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin hat in den ersten elf Monaten des Jahres mehr Passagiere befördert als im Vorjahreszeitraum und auch die Kapazitätsauslastung verbessert. An Bord gingen mit 33,281 Millionen Passagieren rund 680 000 oder 2,1 Prozent mehr, teilte Air Berlin am Dienstag in Berlin mit. Die Kapazitätsauslastung verbesserte sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 1,9 Prozentpunkte auf 78,4 Prozent. Im November 2011 registrierte die Airline allerdings gegenüber dem Vorjahresmonat ein Passagierminus von knapp 10 Prozent auf 2,259 Millionen. Auch die Auslastung der Flotte ging bei einer Verringerung des Angebots um 9 Prozent auf 74,2 Prozent (November 2010: 74,9) zurück. Die Aktie verlor 3,3 Prozent.

S+P holt zum Rundumschlag aus

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Kommentare (82)

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Account gelöscht!

06.12.2011, 07:24 Uhr

Man sollte diesen Ratingagenturen das Handwerk verbieten, durch deren Spekulationen und ²Bewertungen² werden ganze Volkswirtschaften und Wirtschaftsräume kaputt geredet. (und das nur damit mit den damit verbundenen Auf und Abwertungen dieser Währungen und Volkswirtschaften Kasse gemacht werden kann)

Rene

06.12.2011, 07:25 Uhr

Wenn der Ausblick für Deutschland negativ ist, was ist er denn für die USA?
Die "3 Großen" kann man spätetens dann in die Tonne drücken, wenn trotz Downgrade die Renditen der dt. Anleihen weiter niedrig bleiben oder sinken.
Die Käufer werden das schon richtig einschätzen können...

Account gelöscht!

06.12.2011, 07:27 Uhr

Deutschland haftet inzwischen mit über 700 Milliarden Euro! Selbstverständlich wird und muss sich das bei der Bewertung der Bonität widerspiegeln.

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