Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.08.2012

18:05 Uhr

Börse Frankfurt

„Super-Mario“ verschreckt die Anleger

Die EZB schickt Europas Börsen auf Talfahrt. Die Anleger sind enttäuscht, dass die Notenbank vorerst keine Anleihen kriselnder Eurostaaten aufkauft. Vor allem Banktitel verlieren.

Nach der EZB-Ankündigung schmierte der Dax ab. Reuters

Nach der EZB-Ankündigung schmierte der Dax ab.

FrankfurtTagelang hatten die Anleger an den Finanzmärkten auf ein stärkeres Eingreifen der EZB in der Euro-Krise spekuliert. Doch als EZB-Chef Mario Draghi am Donnerstag ankündigte, sich mit dem Kauf von Anleihen klammer Euro-Staaten zunächst zurückzuhalten, war die Enttäuschung groß. Der Dax beendete den Handel 2,2 Prozent im Minus bei 6606 Punkten. Auch der Euro ging auf Talfahrt, während die Renditen für zehnjährige spanische Anleihen wieder die kritische Sieben-Prozent-Marke übersprangen. "Die erhoffte Schützenhilfe der EZB ist ausgeblieben, statt dessen hat Draghi den Schwarzen Peter zurück an die Politik gegeben", sagte Ioan Smith, Stratege bei Knight Capital.
Draghi kündigte zwar weitere Maßnahmen der Notenbank zur Krisenbekämpfung an. Mit Anleihekäufen wolle die EZB Krisenstaaten aber erst dann unter die Arme greifen, wenn die Euro-Rettungsschirme am Bondmarkt aktiv werden, signalisierte der EZB-Chef. Seit Draghis Bekenntnis zur Währungsunion in der vergangenen Woche hatten die Anleger darauf gehofft, dass die EZB ihr Programm zum Ankauf von am Markt gehandelten Staatsanleihen sofort reaktivieren würde, um so die extrem hohen Zinskosten von Krisenstaaten wie Italien und Spanien zu drücken.

Stimmen zur EZB-Entscheidung

Peter Bofinger, Wirtschaftsweiser

„Ich kann die Vorbehalte der Bundesbank gegen neue Anleihenkäufe nicht nachvollziehen. Die Bundesbank hat das selbst vorexerziert. Während der Rezession 1975 hat sie für Milliarden deutsche Staatsanleihen gekauft mit dem Ziel, die langfristigen Zinsen zu senken. Auch die amerikanische Fed und die Bank of England zeigen, dass man Staatsanleihen in großem Stil kaufen und so niedrige Zinsen schaffen kann. Die EZB ist derzeit die einzige handlungsfähige Institution in der Euro-Zone.

Die EZB sollte ihren Leitzins bis auf 0,25 Prozent absenken. Das wäre ein Beitrag zur Stabilisierung schwächelnder Banken, die der EZB nichts kosten würde. Angesichts der Rekordarbeitslosigkeit wird es auf absehbare Zeit keine Inflation geben.“

Eugen Keller, Bankhaus Metzler

„Was enttäuscht, ist die mangelnde Konkretheit von EZB-Chef Mario Draghi. Die Märkte haben auf präzise Angaben gehofft, was die EZB nun künftig tun wird. Doch die hat die Zentralbank nicht geliefert.“

Jörg Krämer, Commerzbank

„Anders als von vielen an den Märkten erwartet, hat die EZB heute nicht bereits beschlossen, wieder mit Anleihenkäufen zu beginnen, sondern sie wird das nur dann tun, wenn auch die Regierungen an den Anleihenmärkten intervenieren. Und das geht nur, wenn zum Beispiel Spanien einen Hilfsantrag stellt und sich auf Bedingungen einlässt. Dann kann der EFSF erst Anleihen am Sekundärmarkt kaufen, und dann erst wird die EZB das machen. Das heißt: das wird kommen. Sie wird am Ende ihr Kaufprogramm wieder aufnehmen. Aber sie wird das eben nicht tun, bevor die Politik gehandelt hat. Etwas anderes blieb der EZB aus Gründen des Selbstschutzes auch gar nicht übrig.“

Kristian Tödtmann, Deka Bank

„Es verwundert mich nicht, wie es gekommen ist, nämlich dass Draghi nicht Staatsanleihekäufe der EZB als solche angekündigt hat. Die EZB würde sich sozusagen an die Rettungsschirme dranhängen, wenn diese Staatsanleihekäufe am Primärmarkt tätigen. Die Staaten, Spanien an erster Stelle, müssen sich an den EFSF wenden, Staatsanleihekäufe anfordern und Bedingungen akzeptieren. Das passt zu allem, was Draghi vorher gesagt hat. Konditionalität war ihm immer wichtig. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass er Staatsanleihe-Ankäufe mal so ankündigt.“

Rainer Sartoris, HSBC Trinkaus

„Die Enttäuschung ist groß, dass die EZB nun doch nicht direkt mit Staatsanleihen-Käufen in den Markt eingreift. Das heißt aber nicht, dass die EZB in der Euro-Krise keine aktivere Rolle einnehmen will. Voraussetzung für Draghi ist allerdings, dass auch die Politik ihren Teil dazu beiträgt. Und auch wenn das die Anleger kurzfristig enttäuscht, könnte sich ein solcher Fahrplan langfristig doch als sinnvoll im Kampf gegen die Euro-Krise erweisen.“

Christian Schulz, Berenberg Bank

„Das ist ein starkes Signal. Das bedeutet eine ernsthafte Intervention der EZB. Das ist vielleicht sogar eine sehr ernsthafte Intervention der EZB. Das ist insofern etwas stärker als vielleicht erwartet wurde. Die EZB sagt, dass sie mit den adäquaten Summen direkt in den Anleihenmärkten der betroffenen Staaten interveniert. Allerdings: die EZB wird wohl nur intervenieren, wenn ein Land ein ESM-Programm hat. Der ESM muss zunächst einmal um Hilfe gebeten werden. Das heißt, dass Bedingungen zu erfüllen sind von Ländern wie Italien und Spanien. Und das heißt auch, Deutschland, die Niederlanden oder Finnland werden möglicherweise ein Vetorecht haben. Ohne ESM-Programm wird die EZB offenbar nicht intervenieren.“

Christian Schulz, Analyst bei der Berenberg Bank, wertete die Äußerungen der Zentralbank dennoch als positiv: "Das ist ein starkes Signal. Das bedeutet eine ernsthafte Intervention der EZB." Sie werde allerdings wohl nur eingreifen, wenn ein Land ein ESM-Programm habe und der ESM müsse zunächst einmal um Hilfe gebeten werden. "Das heißt, dass Bedingungen zu erfüllen sind von Ländern wie Italien und Spanien. Und das heißt auch, Deutschland, die Niederlanden oder Finnland werden möglicherweise ein Vetorecht haben."

Anleger hätten gerne Konkreteres von der EZB gehört

Video: Anleger hätten gerne Konkreteres von der EZB gehört

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Am Markt überwog aber die Enttäuschung: Der Euro fiel in der Spitze auf 1,2132 Dollar zurück, nachdem er zuvor zeitweise auf einem Vier-Wochen-Hoch von 1,2404 Dollar notiert hatte. Der italienische und spanische Leitindex rutschten um bis zu 4,6 beziehungsweise 5,3 Prozent ab. Auch an den Rohstoffmärkten machte sich Enttäuschung breit.

Kupfer verbilligte sich um 1,4 Prozent auf 7319 Dollar je Tonne. Öl der US-Sorte WTI kostete mit 87,89 Dollar je Fass gut ein Prozent weniger. Hier sorgte neben der EZB aber auch der Verzicht der Fed auf weitere Geldspritzen für Verkäufe. Nur bei Bedarf will die US-Notenbank zusätzliche Maßnahmen zum Ankurbeln der Wirtschaft ergreifen, wie der Offenmarktausschuss am Mittwoch mitgeteilt hatte. Die Wall Street notierte am Donnerstag zu Handelsschluss in Europa im Minus. "Ähnlich wie in Europa könnte die Fed vermeiden wollen, dass sich die Politik zu sehr auf die Notenbank verlässt", urteilte Commerzbank-Analyst Lutz Karpowitz in einem Kommentar.

Kommentare (75)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

02.08.2012, 07:20 Uhr

Die Finanzmärkte werden Draghi und die verantwortlichen arroganten Politkasper mit fallenden kursen für ihr verantwortungsloses Verhalten in die Schranken weisen!

Account gelöscht!

02.08.2012, 07:26 Uhr

Moin zusammen!
Die FED hat wie vom Hamburger richtig prognostiziert nichts besonderes angekündigt. Nun sollen es also die EZB und der ESM richten. Was machen die Europhantasten eigentlich, wenn Karlsruhe "Nein" zum ESM sagt?
Wie dem auch sei, außer die Zinsen für die Mittelmeer-Euroländer kurzfristig etwas zu senken kann Draghi gar nichts machen. Deren Wirtschaft läuft dadurch auch nicht besser.
Meine Prognose für heute: Wie auch in den letzten beiden Tagen starten wir etwas im Plus und schließen im Minus.

Allen einen erfolgreichen Handelstag.

Account gelöscht!

02.08.2012, 07:41 Uhr

QE3 kommt nicht, Hoffnung auf QE3. Die Hoffnung "danach" ist ja fast schon obligatorisch. Man kann sich einfach nicht damit abfinden, dass es solch ein Programm gar nicht braucht. Allerdings ist die Strömung "Obama muss weg" nicht ganz unwichtig hinsichtlich der Entscheidungen von der FED.

Tja wie sieht's mit der EZB aus? Dort könnte tatsächlich "etwas" kommen. Nur ist das doch längst eingepreist. Es kann nur Enttäuschung folgen. Und das ständige Wiederholen des " Beliebe me, it will be enough" bringt doch nichts. Seit einer Woche geht das schon so. Armselig.

Eulen-Brille war sich seiner Worte wohl gar nicht so bewusst. Umso mehr wird er sich nun verantworten müssen. Wie sagt Ackermann? Looser

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×