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16.01.2012

17:54 Uhr

Börse Frankfurt

Wie ein wilder Stier – Dax schließt deutlich im Plus

Aus dem Westen nichts neues: So könnte die Stimmung zusammengefasst werden. Die Anleger ignorierten die Warnschüsse der US-Ratingagentur S&P. Anleihe-Auktionen im Laufe der Woche könnten die Stimmung aber kippen.

Heute zeigte der Dax eine einwandfreie Leistung. Die Händler sind zufrieden. Reuters

Heute zeigte der Dax eine einwandfreie Leistung. Die Händler sind zufrieden.

FrankfurtViele Anleger befürchteten das Schlimmste, nachdem bekannt wurde, dass die Ratingagentur Standard & Poor’s neun Euro-Staaten herabgestuft hat. Europas Politiker liefen Sturm gegen die Abstufungen und arbeiten daran, die Macht der Agenturen einzugrenzen. Die Anleger hielten sich aus solchen Diskussionen heraus und trotzen den Ratingagenturen mit Aktienzukäufen.

Der Deutsche Aktienindex zeigte sich bis zum Vormittag unbeständig. Zum Nachmittag verstärkte sich sein Aufwärtsdrang und zu Handelsschluss verzeichnete der Dax ein Plus von 1,3 Prozent auf 6.220 Punkte. Die zweite Reihe machte es dem Dax nach. Schwach gestartet beendete der MDax den Montag 0,9 Prozent im Plus auf 9.574 Punkte und der TecDax stieg um ein Prozent auf 725 Zähler.

Anleger lassen S&P-Drohung links liegen

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Schon am Freitag sorgten Gerüchte über die Abstufungen für Kurseinbrüche an Europas Börsen. Später wurden die Gerüchte bestätig. Standard & Poor's hat neun Staaten aus der Euro-Zone herabgestuft. Frankreich und Österreich zählen künftig nicht mehr zum Kreis der Staaten mit der Top-Bonitätsnote “AAA“. Slowenien, die Slowakei und Malta wurden ebenfalls um eine Stufe zurückgesetzt. Die südeuropäischen Staaten traf es noch härter. Italien, Spanien, Portugal und Zypern wurden sogar um zwei Noten schlechter bewertet. Moody's bestätigte heute die Einschätzung von S&P. Sie stellten Frankreichs Top-Bonitätsnote in Frage.

Stimmen zum Rating-Rundumschlag

Wolfgang Schäuble, Bundesfinanzminister

„Ich glaube auch nicht, dass Standard & Poor's wirklich begriffen hat, was wir in Europa schon auf den Weg gebracht haben.“

Moritz Kraemer, S&P-Chefanalyst für Europa

„Wir erfüllen unsere Aufgabe“

Max Otte, Crash-Prophet

„Die Ratingagenturen arbeiten zu langsam und in der Tendenz auch parteiisch, nämlich gegen Kontinental-Europa.“

Francois Baroin, französischer Finanzminister

„Es ist keine Katrastrophe.“ „Es ist wie ein Schüler der eine sehr lange Zeit 20 von 20 Punkten erzielt und nun 19 Punkte erreicht hat. Es ist weiterhin eine exzellente Note.“

Andrew Wells, Global Chief Investment Officer Fixed Income bei Fidelity

„Deutschland geht aus dieser Welle von Herabstufungen eindeutig als Sieger hervor.“ Er rechne mit einer anhaltenden Flucht in den „sicheren Hafen“ Bundesanleihen. „Die Herabstufung Frankreichs war allgemein erwartet worden und ist sicherlich nicht so schlimm wie weitreichendere Herabstufungen von „AAA'-Nationen inklusive Deutschland gewesen wären.(...) Das Augenmerk des Marktes wird sich sicher schnell den EU-Stützungsmechanismen - vor allem dem EFSF - zuwenden.“

Jacques Cailloux, Royal Bank of Scotland (RBS)

„Die Auswirkungen der Herabstufungen auf den Markt werden kurzfristig zwar begrenzt bleiben, sie rufen aber deutlich in Erinnerung, dass die europäische Schuldenkrise noch einige Zeit andauern wird. Entscheidender ist, dass die Herabstufungen die Erwartungen zementieren, dass weder der EFSF noch der ESM ihr 'AAA'-Rating halten können. Dies macht eine Stärkung der Finanzkraft jeder dieser beiden Institutionen schwieriger. Wir rechnen mit einer Verschärfung der Krise und einer Ausweitung der Spreads im Vergleich zu Deutschland. (...)“

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank

Der Druck der Ratingagenturen verschärfe generell „die Notwendigkeit zu Strukturreformen für mehr Leistungsfähigkeit, die nicht zuletzt die EZB in Europa immer wieder anmahnt.“ Die Auswirkungen der Rating-Abstufung einiger Länder seien aber überschaubar, weil sie an den Kapitalmärkten in den vergangenen Wochen „mehr und mehr erwartet worden ist und bereits langsam Eingang in die Preise gefunden hat“. Der Drei-Jahres-Tender der Europäischen Zentralbank (EZB) habe überdies „Stabilität in den Markt gebracht, die die Effekte einer Ratingveränderung kompensieren würde.“

Jörg Asmussen, EZB-Direktoriumsmitglied

„Ich glaube nicht an die Verschwörungstheorie, dass die bösen USA Europa ruinieren wollen.“

Ewald Nowotny, EZB-Direktoriumsmitglieds

„Was die EZB angeht, werden wir alles, was in unseren Möglichkeiten steht unternehmen, um eine Entspannung herbeizuführen“

Rolf Schneider, stellvertretender Chefvolkswirt bei der Allianz

„Angesichts der weitreichenden Reformen in vielen Krisenländern der Eurozone sind sie nicht nachvollziehbar“

Sigmar Gabriel, SPD-Chef

„Die Ratingagenturen sind doch in diesem Fall nur die Überbringer der schlechten Botschaft und nicht der Verursacher.“

Wolfgang Gerke, Präsident des Bayerischen Finanzzentrums

"Mich hat die Herabstufung nicht sehr erschüttert. Es war zu erwarten, dass Standard & Poor's sehr kritisch auf einige Länder schaut. Die Schelte, die Standard & Poor's momentan bekommt, ist die völlig falsche Reaktion. Die Rating-Agenturen haben in der Vergangenheit versagt. Aber sie sind im Moment so wichtig wie noch nie. Denn sie sind ein Regulativ der Politik, ein Regulativ des Schuldenmachens."

Heiko Müller, Deutschlandchef des Devisenbrokers Alpari

„Die Abwertung bedeutet, dass nun die Kapitalaufnahme nicht nur für die Peripherieländer der Eurozone, die sich eh schon als sehr problematisch gestaltet, sondern auch für Schwergewichte wie Frankreich  teurer wird.“

Thomas Mayer, Chefvolkswirt Deutsche Bank

„Damit dürfte der EFSF selbst auch seine AAA-Bewertung verlieren“

Dominic Rossi, Global Chief Investment Officer Aktien bei Fidelity

„Auch wenn die Herabstufung Frankreichs die Märkte nicht überrascht hat, so sind es doch enttäuschende Nachrichten, die den Euro und die Aktienmärkte nach unten ziehen werden. (...) Problematisch ist, dass nun die Spekulationen über eine Herabstufung des EFSF wieder angeheizt werden. Das wird es dem Rettungsschirm erschweren, das nötige Kapital aufzubringen und den Anleihenaufkauf der Europäischen Zentralbank zu ersetzen.“

Clemens Fuest, Wirtschaftsprofessor und Berater der deutschen Regierung

„Die Chancen (einer Herabstufung Deutschlands) stehen 50 zu 50. Wenn sich die anderen Länder rasch erholen, gibt es eine Chance, dass Deutschland noch einmal drum herum kommt. Man muss aber auch sehen, so ein fürchterliches Drama wäre das auch nicht. Die USA sind ja auch herabgestuft worden. Deutschland würde dann etwas weniger als der ganz sichere Hafen angesehen werden."

Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland

„Die Schultern der vermeintlichen finanzstarken Länder sind zu schwach, als dass sie die Lasten der maroden Länder übernehmen könnten.“

Der Rundumschlag von Standard & Poor’s zeigte am Rentenmarkt keine Wirkung. Die Renditen auf zehnjährige französische, österreichische, spanische sowie italienische Anleihen blieben unverändert. Auch die heutige Auktion kurzfristiger französischer Anleihen verlief zufriedenstellend.

Allerdings ist das gleichgebliebene Zinsniveau spanischer und italienischer Bonds nur mit der aggressiven Vorgehensweise der Europäischen Zentralbank zu erklären. Sie kaufte in der vorigen Woche wieder vermehrt italienische und spanische Staatspapiere.

Die Ausfallversicherungen (CDS) auf die Staatsanleihen der abgestuften Länder reagierten etwas empfindlicher. Fünfjährige Ausfallversicherungen auf italienische Staatsanleihen verteuerten sich am Montag um 27 auf 531 Basispunkte. Das bedeutet, dass es 531.000 Euro kostet, Schulden des Mittelmeerlandes in Höhe von zehn Millionen Euro abzusichern. Die CDS für spanische Papiere zogen um elf auf 419 Basispunkte an, französische um fünf auf 222 Basispunkte.

Der Tag an den Märkten (Stand 17:58 Uhr)

Dax

+ 1,8 Prozent

Euro Stoxx

+ 1,5 Prozent

Dow Jones

+ 1 Prozent

Nikkei

+ 1,1 Prozent (8.466 Punkte)

Euro

+ 0,6 Prozent (1,2738 Dollar)

Gold

+ 0,9 Prozent (1.659 Dollar)

Öl (Brent)

+ 0,2 Prozent (110,54 Dollar)

Insgesamt konnten sich die Ratingagenturen jedoch kaum auf den heutigen Kursverlauf der Börsen auswirken. „Die Rating-Agenturen haben ihren Schrecken verloren“, fasste ein Aktienhändler die Stimmung an Märkten zusammen. Das Kursplus an der Börse erinnere ihn an eine Trotzreaktion. „Da außerdem die amerikanischen Aktienmärkte heute geschlossen bleiben, kann von dort kein Abgabedruck kommen. Also halten wir uns bei dünnen Umsätzen im Plus.“

Dennoch bleiben die Abstufungen in weiteren Verlauf der Woche im Fokus. Denn in den kommenden Tagen wird sich neben Frankreich und Spanien auch der EFSF-Rettungsschirm am Kapitalmarkt versuchen. Dann wird sich herausstellen wie stark sich die Abstufungen auf die Stimmung der Anleger niedergelegt hat. Sollte die Anleihe-Auktion des Rettungsschirms problematische verlaufen, käme ein Bonitätsrücksetzer auf den EFSF- sowie dem ESM-Rettungsschirm in Betracht.

„Entscheidender ist, dass die Herabstufungen die Erwartungen zementieren, dass weder der EFSF noch der ESM ihr „AAA'-Rating halten können.“, sagte Analysten Jacques Cailloux von der Royal Bank of Scotland (RBS). Um dies zu erreichen, müssten die europäischen Staaten ihre finanziellen Zusagen für die Rettungsfonds deutlich ausweiten, oder eine geringere finanzielle Schlagkraft akzeptieren.

Kommentare (26)

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Account gelöscht!

16.01.2012, 07:46 Uhr

Auch diese Waffe wird langsam stumpf.

Jeder, der einen Taschenrechner bedienen kann sollte doch schon länger klar sein, daß Staatsanleihen (von wenigen Ausnahmen abgesehen) allesamt ramsch Papiere sind.
Das ausgerechnet diese Anlageklasse z.Zt. so beliebt ist muss wohl darauf zurückzuführen sein, daß die Leute nicht rechnen können.

Machiavelli

16.01.2012, 07:51 Uhr

Die Eurorettung wird scheitern weil, wenn Berlin derzeit noch bereit scheint, sich für ein Überleben der Eurozone in ihrer aktuellen Form einzusetzen, dann deshalb, weil es durch die Schwäche der anderen Länder seine eigenen Standpunkte durchsetzen kann. Die höhere Bankenbeteiligung beim griechischen Zahlungsausfall, die Weigerung, der EFSF eine Bankenzulassung zu erteilen, die verstärkte Überwachung der Haushalte angeschlagener Länder sowie die Weigerung, der EZB eine wichtigere Rolle bei der Finanzierung der Staaten zuzubilligen – in all diesen Punkten hat Deutschland sich gegen andere Länder und insbesondere gegen Frankreich durchgesetzt. Außerdem: Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen ist seit Anfang 2010 von 3,4% auf 1,8% gesunken. Durch die Krise konnte Deutschland (und Nordeuropa generell) seine Finanzierungskosten maßgeblich reduzieren, während sie in Südeuropa explodierten – was die Wettbewerbskluft zwischen Nord und Süd zusätzlich ausweitet und eine Lösung zur Eurokrise stark erschwert.

AdamRies

16.01.2012, 07:53 Uhr

Eine echte Fiskalunion "Steuerhoheit mit anderen Ländern teilen" hätte gleichzeitig mit der Euroeinführung und nur zwischen den Gründerländer eingeführt werden sollen.
Die Weichen wurden damals falsch gestellt, eine Korrektur ist heute schwer vorstellbar.
Europa wäre durch eine Zweiteilung enorm geschwächt und das Risiko eines Interessen-Konflikts wieder bedrohlicher.

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