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18.09.2015

17:45 Uhr

Börse Frankfurt

Zinsgespenst verprügelt Dax

Dass die US-Zinswende immer noch nicht eingeläutet ist, sorgte am Freitag für einen Ausverkauf beim deutschen Leitindex. Drei ganze Prozent tiefer schloss der Dax, der damit deutlich unter die 10.000er Marke rutschte.

Börse am Abend

Keine Zinswende - Dax im Minus

Börse am Abend: Keine Zinswende - Dax im Minus

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FrankfurtDie ausgebliebene US-Zinswende hat den Dax die Fünfstelligkeit gekostet. Der Offenmarktausschuss der amerikanischen Notenbank Fed konnte sich in seiner gestrigen Septembersitzung noch nicht zu einer Erhöhung der Leitzinsen durchringen. Doch anstelle von Freude über die weiterhin offenen Geldschleusen in den USA, herrschte an Europas Marktplätzen große Verunsicherung. Mit der Rückkehr des Konjunkturpessimismus brach der Dax ein. Das Minus in Frankfurt schwoll im Handelsverlauf immer weiter an. Am Ende schloss das wichtigste Börsenbarometer der Bundesrepublik ganze 3,1 Prozent tiefer bei 9916 Punkten.

Damit verpasste das Zinsgespenst den europäischen Börsen zum zwischenzeitlichen Abschied – bis zur nächsten, mal wieder entscheidenden Monatssitzung des obersten Fed-Gremiums ist es ja nicht mehr lang – eine ordentliche Tracht Prügel. Der Trend setzte sich auch an der Wall Street fort. Ihren Freitag bestritten die US-Börsen mit Abschlägen von jeweils etwa einem Prozent. Der Dow-Jones-Index kam zum Frankfurter Handelsschluss mit 16.503 Punkten auf ein Minus von 1,1 Hundertstel.

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Der Grund für die roten Anzeigetafeln dies- und jenseits des Pazifiks: Mit der verschobenen Zinswende rückt ein gewisser Konjunkturpessimismus wieder mehr in den Blick der Börsianer. Auch wenn der amerikanische Arbeitsmarkt brummt und die US-Konjunktur weiter an Fahrt aufnimmt, gibt es laut Yellen derzeit globale Faktoren, die für weiterhin lockerere Zügel in der Geldpolitik sprechen.

Doch nicht nur in diesem Punkt herrscht Unklarheit. So sehen Experten beim Kurs der Federal Reserve selbst ein großes Fragezeichen. „Damit ist es noch nicht einmal klar, dass die Zinsen bei der nächsten Sitzung wirklich angehoben werden.“, sagte etwa Aktienhändler Andreas Lipkow vom Vermögensverwalter Kliegel & Hafner. Dem Aktienmarkt habe sie damit mittelfristig keinen Gefallen erwiesen.

Wie es nach dem Fed-Entscheid weitergeht

Zinswende bleibt vorerst aus

Noch scheuen sich die Geldpolitiker um Fed-Chefin Janet Yellen, erstmals seit Jahren wieder am Geldhahn zu drehen. Allerdings könnte die US-Notenbank noch in diesem Jahr handeln – und damit auch die Konjunktur im Euroraum anschieben. Seit Ende 2008 liegen die Zinsen in den USA, zu dem Banken Zentralbankgeld leihen können, auf dem Tief zwischen null und 0,25 Prozent.

Warum hat die Fed die Zinsen diesmal nicht angehoben?

Ein Hauptgrund sind die jüngsten Turbulenzen an den Finanzmärkten. Im August hatte ein Kurssturz in China Europas Börsen in einen Abwärtsstrudel gezogen und an der Wall Street für massive Verluste gesorgt. „Wir achten insbesondere auf China und aufstrebende Märkte“, sagt Yellen. Die Fed spricht von „globalen wirtschaftlichen und finanziellen Entwicklungen“, die den Aufschwung gefährden könnten.

Spielt das die Hauptrolle für die Entscheidung der Notenbanker?

Nein. Am wichtigsten sind hohe Beschäftigung und ein stabiles Preisniveau. Die Inflation liegt aber noch deutlich unter dem Zielwert von zwei Prozent, und vom Arbeitsmarkt kommen trotz hoffnungsvoller Zeichen zwiespältige Signale. Aus Sicht von Ökonomen wie Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau ist eine Zinserhöhung angesichts der US-Konjunktur aber schon lange überfällig: „Die US-Wirtschaft dürfte weiter kräftig wachsen, es herrscht praktisch Vollbeschäftigung und die Inflation, obwohl auf niedrigem Niveau, sollte sich in Richtung Zielwert der Fed von zwei Prozent bewegen.“ Die aktuelle US-Konjunkturlage verlange eine Bewegung hin zu Leitzinsen zwischen 2 und 3 Prozent.

Also geht die Spekulation um die Zinswende weiter?

Die Mehrzahl der Notenbanker ist nach wie vor der Meinung, dass die Fed das Ende ihre Nullzinspolitik noch dieses Jahr einläuten sollte. Der Offenmarktausschuss tagt bis Jahresende nur noch zweimal: Ende Oktober und am 16. Dezember. Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank, erwartet spätestens im Dezember die Zinswende: „Reagieren Janet Yellen und ihre Kollegen auch nicht zum Jahresende, verspielen die Notenbanker ihre Glaubwürdigkeit.“

Ist die Fed zu zaghaft?

Nach Einschätzung vieler Beobachter schon. „Einen Zeitpunkt, zu dem eine Zinserhöhung in einer völlig stabilen weltwirtschaftlichen Situation erfolgt und keine Risiken birgt, wird es kaum geben“, warnt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Das Problem ist, dass der Druck mit jedem Aufschub zunimmt. Schließlich soll beim ersten Zinsschritt nicht der Eindruck entstehen, dass die Ära des ultrabilligen Geldes schlagartig vorüber ist. „Die Haltung der Geldpolitik wird vermutlich noch für einige Zeit nach der anfänglichen Erhöhung der Leitzinsrate hochexpansiv bleiben“, versichert Yellen deshalb.

Warum sind die Zinsen überhaupt auf dem Rekordtief?

Mit den Mini-Zinsen hatte die Fed auf die Finanzkrise von 2008 und die folgende Rezession reagiert. Bei niedrigen Zinsen investieren Unternehmen tendenziell mehr, Verbraucher geben mehr Geld aus. Das schiebt die Konjunktur an.

Welche Folgen hätte eine Zinserhöhung?

Höhere Zinsen verhindern Blasen etwa an Immobilien- und Aktienmärkten sowie eine zu hohe Inflation. Banken verleihen mehr Geld, statt es zu parken. Für viele Sparer sind Zinserträge auch eine wichtige Einnahmequelle. Allerdings würde der Dollar an Wert gewinnen, wenn gleichzeitig andere Notenbanken auf Null-Zins-Kurs bleiben. Das hätte zwei Konsequenzen, betont Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang: „Zum einen brächen die US-Exporte weg, zum anderen würden aus den Schwellenländern sehr hohe Geldbeträge abfließen und dort einen dramatischen konjunkturellen Einbruch herbeiführen. Und das könnte die gesamte Weltwirtschaft schwer in Mitleidenschaft ziehen.“

Wird die EZB die Zügel im Euroraum bald anziehen?

Nein. Die Europäische Zentralbank (EZB) wird die Geldschleusen noch lange weit geöffnet und den Zins nahe der Nulllinie lassen. EZB-Präsident Mario Draghi hat sogar weitere Lockerungen in Aussicht gestellt. Liane Buchholz vom Bundesverband Öffentlicher Banken (VÖB) rechnet frühestens 2017 mit einem ersten Zinsschritt: „Die extreme Niedrigzinsphase in Europa wird uns noch länger begleiten.“ Das ist gut für Häuslebauer, die ihre Immobilie extrem günstig finanzieren können. Aber es ist schlecht für Sparer, weil vermeintlich sichere Anlagen kaum Geld abwerfen.

Was würde eine frühere Zinserhöhung in den USA für Europa bedeuten?

Steigen die Zinsen in den USA, aber nicht in Europa, gewinnt der Dollar gegenüber dem Euro an Wert. In Dollar gehandelte Importe wie Rohstoffe werden so im Euroraum teurer. Das stärkt den mickrigen Preisauftrieb. Gleichzeitig werden hiesige Produkte auf dem Weltmarkt günstiger. Das befeuert den Export und die Konjunktur im Euroraum.

Auch in der zweiten Frankfurter Reihe verbüßten die Kurse deutliche Abschläge. Die Nebenwerte des MDax, Deutschland Nummer Zwei, verloren ein Prozent bei 19.445 Punkten. Der TexDax gab mit 0,4 Prozent geringer nach. Dessen Tech-Titel kamen damit auf 1762 Zähler. Der Leitindex der europäischen Währungsunion, der Euro-Stoxx-50 notierte 3,1 Prozent tiefer bei 3155 Punkten.

Mit der Entscheidung der US-Währungshüter bleiben Aktien zwar als Anlageklasse gegenüber festverzinslichen Wertpapieren attraktiv. Doch am Freitag lockte dieses Argument erst mal keinen Anleger aus der Reserve. „Der Schritt der Fed suggeriert, dass man trotz der sich weiter erholenden US-Wirtschaft und nahezu Vollbeschäftigung Respekt vor einer zu restriktiven Geldpolitik und erneuten Turbulenzen in China hat“, schrieb Marktanalyst Jens Klatt vom Broker Daily FX. Immerhin bleibe aber die Tür für eine Zinserhöhung im Dezember offen. Der Offenmarktausschuss der Federal Reserve tagt im laufenden Jahr noch zwei Mal, am 27. und 28. Oktober, sowie vom 15. bis zum 16. Dezember.

Die Börsianer haben heute aber nicht nur die Geldpolitik der Vereinigten Staaten zu verarbeiten. Auch das Geschehen auf den Terminmärkten rückt ins Blickfeld, denn es toben mal wieder die Hexen. Am sogenannten Hexensabbat, der alle drei Monate stattfindet, verfallen die Futures und Optionen sowohl auf Indizes als auch einzelne Aktien. Da kurz vor Ablauf der Frist die Anleger versuchen, die Kurse der Titel, auf die sie Derivate halten, in eine für sie günstige Richtung zu lenken, kann es zu überraschenden Kursbewegungen kommen, die in jüngerer Vergangenheit auch schon mal für Höchststände gesorgt hatte. Mit über 2000 Punkten Abstand zum Dax-Gipfelkreuz dürfte das im September 2015 aber kein Thema sein. Der neue Settlement -Kurs für Dax-Optionen belief sich am Ende auf 9.948,61 Punkte.

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