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16.05.2013

10:39 Uhr

Börse Inside

Broker-Branche rottet sich selbst aus

In den 80er-Jahren galt der Broker-Job als lukrativ und war heiß begehrt. Doch heutzutage ticken die Uhren anders. Längst haben Computer das Brokergeschäft übernommen. Nachwuchshändler suchen nach anderen Jobs.

Eine Brokerin umgeben von Computerbildschirmen. In Zukunft dürfte der überwiegende Teil des Geschäfts von den Rechenmaschinen übernommen werden. ap

Eine Brokerin umgeben von Computerbildschirmen. In Zukunft dürfte der überwiegende Teil des Geschäfts von den Rechenmaschinen übernommen werden.

Ins Broker-Geschäft einzusteigen wird immer schwerer. Die ersten Jahre bringen manchmal nur wenig ein. Der Rückgang der Gebühren und zahlreiche Einsparungen setzen der Branche zu und machen den Broker-Job immer unbeliebter.

Alex Freemon beispielsweise war nach seinem Uni-Abschluss so sehr entschlossen, Aktienhändler zu werden, dass er mit Kusshand das Angebot des amerikanischen Finanzdienstleisters Edward Jones & Co. annahm, als ein Verkäufer von Investmentfonds von Tür zu Tür zu tingeln.

Die Firma flog ihn nach St. Louis. Dort übte er mit einer Gruppe von anderen potenziell künftigen Brokern an einer Modell- Haustür, wie sie ihre Produkte erfolgsversprechend an den Mann bringen können. Nach der Schulung ging es zurück nach Atlanta, wo er für 10 Stunden am Tag die Wohnungen von möglichen Kunden abklapperte. Das alles tat er für rund 30.000 Dollar (23.000 Euro) pro Jahr, plus Provision.

Vor ein paar Monaten hat er den Job hingeschmissen. Damals realisiert er nach eigenen Worten, dass er sich wohl durch fünf schwere Jahre kämpfen muss, in denen er Absatzziele zu erfüllen hat, bevor er sich ernsthaft darauf konzentrieren kann, Kunden bei ihren Finanzplänen zu helfen.

Die Titanen der Hedge-Fonds

Alfred Winslow Jones

Das New York Magazin kürte Winslow 1968 zum „Big Daddy“ der Branche. 1949 hatte er den „abgesicherten Fonds“ erfunden und große Gewinne eingefahren. Er veränderte wie viele Hedge-Fonds-Titanen die Finanzbranche. Kapital wurde nicht mehr nur von Treuhändern verwaltet, sondern aktiv verwaltet.

Michael Steinhardt

Die erste Ära der Hedge-Fonds wurde von der Baisse Anfang der 70er-Jahre jäh beendet. Mchael Steinhardt war einer der Ersten, die danach wieder aufstanden und wurde zur Legende. Dank einer harten Kindheit in Brooklyn unter der Knute eines spielsüchtigen Vaters entwickelte er sich zum „heißesten Analysten der Wall Street“. 1994 verlor er Steinhardt aber sehr viel Geld bei einem „Blutbad“, das auf das Wirken vom damaligen Fed-Chef Alan Greenspan zurückging.

Jerold Fine und Howard Berkowitz

An Steinhardts Seite standen Jerold Fine und Howard Berkowitz. Das Trio gründete 1967 ihren Hedge-Fongs – vorher waren sie Broker gewesen. Die Drei stellten einen Poolbillard-Tisch in ihr Büro und verkündeten die „Überlegenheit der Jugend“. Ihr Erfolg demonstrierte eindrucksvoll die Möglichkeit der antizyklischen Vorgehensweise.

F. Helmut Weymar

Weymars Karriere begann mit seiner Doktorarbeit, in der er eine Methode entwickelte, Kakaopreise zu antizipieren. Er galt als äußerst ehrgeizig, aber auch ein wenig größenwahnsinnig. Doch der Mangel an Selbstzweifel hat ihm viel Geld eingebracht. Er gründete rasch seine eigene Firma – gemeinsam mit Frank Vannersen. Außerdem inspirierte Weymar den Nobelpreisträger Paul Samuelson.

Michael Marcus

Marcus hatte eine denkbar schlechte Eignung für einen Hedge-Fonds-Manager: Er hatte keine Ahnung von Computern und noch weniger von Mathematik. Aber als er in Weymars Firma kam, hatte er großen Erfolg. Marcus zeigte eine furchtsame Selbstkontrolle. Und setzte Weymars ursprüngliches Konzept außer Kraft. Er perfektionierte die Kunst des Tradings nach Chartsignalen.

George Soros

Der berühmteste, aber auch berüchtigste Hedge-Fonds-Manager aller Zeiten: Als der junge Ungar 1949 an der London School of Economics ankam, hatte er schon viel durchgemacht.: Der Jude entkam den Nazis nur mit Mühe und hatte die Grauen des Krieges intensiv mitbekommen. In London verschmolz er sein eigenes Wissen mit Karl Poppers Ideen. Erst 1973, nach vielen Jahren, wurde der Wirtschaftswissenschaftler zum Hedge-Fonds-Manager. 1978 wurde der Soros Fund in Quantum Funds umbenannt, der Rest ist Geschichte. Berühmt wurde Soros im Jahr 1992 mit seiner Spekulation gegen das britische Pfund.

Louis Bacon

Bacon war ein besonders stiller Vertreter der Hedge-Fonds-Branche, die ohnehin nicht mit Exzentrikern überfrachtet ist. Journalisten beschrieben ihn stets als „skurrile Figur hinter einer Wand aus Monitoren“. Am Ende seiner Karriere kaufte er sich eine Insel und hatte dann das geschafft, was vorher eigentlich auch schon galt: Er war maximal isoliert.

Julian Hart Robinson

Robinson war ein spezieller Typ: Er hatte den Charme eines Südstaatlers, aber auch das Netzwerk eines New-Yorkers. Voller Selbstvertrauen, extrovertiert und athletisch. Inspiriert von Steinhardt und Soros gründete er 1980 im fortgeschrittenen Alter von 48 Jahren den Hedge-Fonds „Tiger“. Bis zum Höhepunkt 1998 verdiente „Tiger“ nach Abzug der Gebühren 31,7 Prozent jährlich.

Paul Tudor Jones II

Die späten 80er-Jahre markierten einen Wendepunkt für die Hedge-Fonds. Die Branche war beinahe ausgelöscht, es gab nur noch wenige Fonds mit unbedeutenden Mengen an Kapital. Doch dann entstanden neue Titanen, einer von ihnen war Paul Tudor James II., Sohn eines Baumwollhändlers. Er hatte gelernt, Trading als psychologisches Spiel und als Bluff in hoher Geschwindigkeit zu begreifen.

Stan Druckenmiller

Im Herbst 1988 konnte Druckenmiller den Angeboten von George Soros nicht mehr wiederstehen und heuerte bei ihm an. Die beiden waren sehr unterschiedliche Persönlichkeiten, passten als Investoren aber perfekt zusammen. Neben einem guten Gespür für Aktien brachte der gelernte Analyst ein starkes Verständnis für Währungen und Zinsen mit.

John Meriwether

Meriwether ist neben George Soros der bekannte Gründer eines Hedge-Fonds – nämlich des Long-Term Capital Management (LTCM). Er war in jungen Jahren einer der ersten Manager an der Wall Street, der das Potenzial neuartiger Finanzprodukte erkannte. Sein Rüstzeug lernte er als Star bei der Bank Solomon Brothers. 1994 gründete Meriwether dann seinen Fonds. Das spezielle Vorgehen – LTCM wette vor allem auf die Entwicklung der Renditeunterschiede zwischen verschiedenen Anleihen – war zunächst äußerst lukrativ. Im Jahr 1998 kam jedoch die Wende, da sich LTCM in der Russland-Krise massiv verspekulierte. LTCM kollabierte und erschütterte die Kapitalmärkte. Der Fonds musste schließlich aufgefangen werden, um eine Finanzkrise zu verhindern. Meriwether wurde danach Selbstüberschätzung vorgeworfen.

David Swensen

Swensen war der Pionier des Ansatzes, Hedge-Fonds mit Stiftungen zu kombinieren. Der asketische Mann aus dem Mittleren Westen war besessen von seinem Sinn für Moral – und hatte eine große Leidenschaft für das Finanzwesen. Als Swensen die Yale-Stiftung übernahm, war diese zu über 80 Prozent in US-Aktien und –Anleihen investiert. Swensen war von der Gestaltung der Hedge-Fonds beeindruckt, wollte den Managern aber nicht dabei helfen, noch reicher zu werden. Er fand in Tom Steyer den richtigen Mann, um im Sinne der Stiftung viel Geld zu verdienen.

James Simons

Es mag an seinem Allerweltsnamen liegen: Simons war Mitte der 2000er-Jahre sicher nicht der berühmteste Milliardär der Welt, aber wohl der klügste von ihnen. Sein Hedge-Fonds Renaissance Technologies ist der wahrscheinlich erfolgreichste aller Zeiten. Der Vorzeigefonds Medaillon verdiente zwischen 1989 und 2006 eine jährliche Rendite von 39 Prozent.

James Chanos

Chanos leitete den Hedge-Fonds Kynikos Associates, dessen Spezialität es war, nach finanziellen Leichen im Keller von Unternehmen zu suchen und auf Leerverkäufe zu setzen. Der schwache Markt der 2000er-Jahre war für Chanos ein Paradies. Und natürlich boten auch die Jahre 2007 und folgende für ihn so manche Chance.

“Das wird einem nicht bewusst, solange man nicht wirklich auf den Straßen unterwegs ist”, sagt der 23-Jährige, der jetzt als ein Analyst für ein Software-Unternehmen tätig ist. “Es ist nicht unmöglich. Aber es ist definitiv nicht aufrechtzuerhalten, von Tür zu Tür zu gehen, wenn Du nebenbei auch eine Familie oder andere Verpflichtungen hast.”

Ins Broker-Geschäft einzusteigen ist nicht einfach. Rückläufige Gebühren machen Kunden, die nur wenig Geld investieren wollen, weniger profitabel. Und Gesetze in den USA, die so genannte Kaltanrufe zum Tabu machen, verschlimmern die Lage. Vor diesem Hintergrund haben die großen Branchenvertreter Probleme dabei, die alternde Generation von Beratern - die über Jahr hinweg beim Einsammeln von Billionen von Dollar half und damit für einen konstanten Strom an Gewinnen sorgte - durch Nachwuchs zu ersetzen.

“Der einzige Weg, in den Job zu kommen, ist, wenn Dein Vater reich ist und er Country-Club-Freunde hat, die er zu Dir schicken kann. Oder wenn man selbst ein Psychopath ist, der 20 Stunden am Tag arbeiten kann”, sagt Vermögensverwalter Josh Brown von Fusion Analytics Investment Partners in New York in einem Interview mit Bloomberg News.

Kommentare (1)

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abc

16.05.2013, 11:19 Uhr

Es ist nicht die Branche die sich selbst ausrottet, sondern der technische Fortschritt. Einen Broker braucht heute kein Mensch mehr. Dank Internet gibt es Informations- und Handelsmöglichkeiten wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

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