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26.09.2016

14:14 Uhr

Börse Istanbul

Moody‘s sorgt für Kursrutsch am Bosporus

Die Bonitätssenkung der Türkei durch die Ratingagentur Moody's hat einen Ausverkauf an der Istanbuler Börse ausgelöst. Der Leitindex sackt ab, die Währung gerät unter Druck – und das Klima verschlechtert sich weiter.

Händler straften die Herabstufung der Türkei durch die Ratingagentur Moody's mit einem Kursrutsch. dpa

Volle Konzentration

Händler straften die Herabstufung der Türkei durch die Ratingagentur Moody's mit einem Kursrutsch.

FrankfurtDie Einstufung türkischer Anleihen als „Ramsch“ hat die Istanbuler Börse am Montag in Aufruhr versetzt. Investoren warfen Schuldtitel des Landes in hohem Bogen aus ihren Depots. Dies trieb die Rendite der zehnjährigen Titel um einen knappen Prozentpunkt auf bis zu 10,01 Prozent.

Gleichzeitig rutschte der Leitindex der Istanbuler Aktienbörse um bis zu 4,5 Prozent ab. Das ist der größte Kursrutsch seit dem gescheiterten Putsch von Mitte Juli. Auch die türkische Währung geriet unter Druck. Euro und Dollar verteuerten sich um jeweils mehr als ein Prozent auf 3,3658 und 2,9981 Lira.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

Die Herabstufung der türkischen Bonität durch die Ratingagentur Moody's werde einen Abfluss ausländischen Kapitals auslösen, schrieb Gökce Celik, Chef-Volkswirtin der Finansbank, in einem Kommentar. Das Land ist zur Finanzierung seines Leistungsbilanzdefizits auf Fremdkapital angewiesen. Die Experten der US-Bank JPMorgan hatten im Juli vorhergesagt, dass ausländische Investoren bis zu zehn Milliarden Dollar aus der Türkei abziehen könnten, sollte deren Bonität auf Ramschniveau gesenkt werden.

Moody's benotet die Kreditwürdigkeit des Mittelmeeranrainers aktuell nur noch mit „Ba1“. Damit verlieren türkische Bonds das Gütesiegel „Investment Grade“. Dadurch sind einige Institutionelle Anleger wie Pensionsfonds oder Lebensversicherer gezwungen, sich von diesen Papiere zu trennen.

Die Moody's-Experte begründeten ihren Schritt mit den verschlechterten Wachstumsaussichten. Außerdem belaste nach dem gescheiterten Militärputsch das Vorgehen der Regierung gegen Kritiker das Investitionsklima.

Von

rtr

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