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24.08.2016

23:14 Uhr

Börse New York

US-Anleger zittern vor dem Zinsgespenst

Blockade an der Wall Street: Vor dem Auftritt von Fed-Chefin Janet Yellen wird mehr über Zinsen spekuliert als gehandelt. Zum Schluss sacken die Indizes ab. Gewinne verdanken Anleger unter anderem gewissen Mücken.

Auf dem Parkett der New Yorker Börse stehen die Zeichen am Mittwoch zunächst auf Abwarten. Zum Börsenschluss sacken die Indizes ab. Reuters

Händler an der Wall Street

Auf dem Parkett der New Yorker Börse stehen die Zeichen am Mittwoch zunächst auf Abwarten. Zum Börsenschluss sacken die Indizes ab.

New YorkZunehmende politische Spannungen, die unklare Richtung der US-Geldpolitik sowie schwache Ölpreise haben die US-Aktien am Mittwoch unter Druck gesetzt. Als politische Risikofaktoren nannten Händler die Militäroffensive der Türkei auf syrischem Territorium sowie die angespannte Lage in Ostasien nach einem erneuten Raketentest Nordkoreas.

Marktteilnehmer hielten sich zudem vor dem Treffen internationaler Notenbanker im amerikanischen Jackson Hole zurück, bei dem Fed-Chefin Janet Yellen am Freitag eine Rede hält. Von ihr werden Hinweise darauf erwartet, wann die US-Notenbank die Zinsen anheben wird. Zu den Verlierern zählten insbesondere Rohstoffwerte und Aktien aus dem Medizinsektor.

Die US-Börsen notieren derzeit nahe von Rekordständen. Mit dem Abebben der Bilanzsaison sind die Handelsvolumina zuletzt aber deutlich zurückgegangen.

Der Dow-Jones-Index der Standardwerte schloss 0,4 Prozent niedriger bei knapp 18.481 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 sank 0,5 Prozent auf 2175 Stellen. Der Index der Technologiebörse Nasdaq fiel um 0,8 Prozent auf rund 5218 Zähler. In Frankfurt ging der Dax 0,3 Prozent höher bei nahezu 10.623 Punkten aus dem Handel.

"Vor Yellens Rede ist sicherlich Vorsicht geboten", sagte Anlagestratege Matthew Tuttle vom Finanzberater Tuttle Tactical Management. "Wir wissen, dass dies den Markt bewegen wird, wir wissen aber nicht, in welche Richtung." An den Terminmärkten wird die Wahrscheinlichkeit einer US-Zinserhöhung bereits im September aktuell auf lediglich 21 Prozent taxiert.

Die Folgen des Billigöls

1. Billiges Erdöl treibt die Wirtschaft an

Tatsache ist: Europas Verbrauchern nutzen die Niedrigpreise sehr. Im Februar war Energie im Euroraum dem Statistikamt Eurostat zufolge 8,0 Prozent günstiger als vor einem Jahr, bei Haushaltsenergie und Sprit in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts 8,5 Prozent. Von Mitte 2014 bis Ende 2015 verbilligte sich das „schwarze Gold“ um zwei Drittel, das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut meldete beim Rohstoffpreis-Index den tiefsten Stand seit 2004. Die Deutschen gaben 2015 laut Mineralölverband 13,5 Milliarden Euro weniger für Sprit und Heizöl aus. Auch große Teile der Industrie freuen sich: Je billiger der Schmierstoff der Weltwirtschaft, umso mehr Entlastung im Einkauf.

Wahr ist aber auch: Die Chemie zum Beispiel muss bessere Konditionen oft mit niedrigeren Preisen für Kunst- oder Farbstoffe an ihre Kunden weitergeben. Beim Branchenriesen BASF etwa sank der Überschuss 2015 auch deshalb um fast ein Viertel auf rund 4 Milliarden Euro.

2. Bald steigen die Ölpreise stark, dann kommt das böse Erwachen

„Langfristig dürfte ein steigender (Öl-)Preis die Geldentwertung anheizen“, glaubt Eugen Weinberg von der Commerzbank. Die Gefahr: Wenn es mächtigen Förderländern gelingt, das Fracking in den USA aus dem Markt zu drängen, könnte das Angebot knapp werden und die Kosten hochkatapultieren. Für Flüssigtreibstoffe ermittelte die französische Bank Société Générale von 2005 bis 2015 einen Rückgang der Preise um fast 30 Prozent. Die Internationale Energieagentur (IEA) sieht aber allerspätestens 2021 deutliche Erhöhungen. „Für Verbraucher ist es einfach, sich durch niedrige Preise einlullen zu lassen, aber sie sollten die Signale nicht überhören“, warnte IEA-Chef Fatih Birol.

Zwar ist vor allem die kühlere Konjunktur in China ein Grund; dort gab es 2015 mit 6,9 Prozent das schwächste Wachstum seit 25 Jahren. Aber auch unklare Ziele des Opec-Kartells spielen eine Rolle. Der Iran will nach dem Ende der Sanktionen Öl exportieren, die Saudis und das Nicht-Opec-Mitglied Russland peilen eine Deckelung der Produktion an. Wenn mehr US-Quellen dicht machen, könnten am Ende Engpässe - so fürchtet Birol - zu „nach oben schießenden Ölpreisen“ führen.

3. Das Billigöl würgt den Börsen-Boom endgültig ab

Weltweit haben Aktienbesitzer nach dem Jahreswechsel herbe Verluste einstecken müssen. Ein Grund, der neben der befürchteten schwächeren Weltkonjunktur oft genannt wird: das Ölpreis-Tief. Dauerhaft billige Rohstoffe werten die Märkte als Zeichen schrumpfender Nachfrage.

Chinas Schwäche sorgt weiter für Zweifel - zusammen mit den dortigen Finanzmarkt-Turbulenzen und Exporten, die im Februar um ein Fünftel einbrachen. Und wie lange können Förderer Kredite voll bedienen? „Wir erwarten, dass Banken in ölexportierenden Regionen ein höheres Gläubiger-Risiko haben“, warnt die Ratingagentur Moody's. Sie prüft eine Abstufung von zwölf Förderländern, darunter Russland und Saudi-Arabien. Das Preistief werde wohl noch „mehrere Jahre“ dauern.

4. Das Klima verliert, denn günstiges Öl blockiert die Energiewende

Beim Pariser Klimagipfel Ende 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft auf einen Verzicht auf fossile Brennstoffe bis Ende des Jahrhunderts. Solange die Abkehr von Öl, Gas und Kohle nicht klappt, verschleppt das Ölpreis-Tief die Energiewende zusätzlich, sagte Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung im Deutschlandfunk: „Ein niedriger Ölpreis behindert den Umstieg Richtung Energiesparen.“ Prognosen zum Welt-Energiebedarf gibt es viele. So erwartet BP, dass die Fossilen auch 2035 den Löwenanteil (60 Prozent) zur globalen Versorgung beitragen, obwohl erneuerbare Quellen parallel zulegen.

Die Schwellenländer wollen jedoch mehr Wohlstand - und brauchen dafür mehr Energie. Andererseits entlasten niedrige Ölpreise sie nur dann, wenn rückläufige Verkäufe sie nicht treffen. IWF-Chefin Christine Lagarde bot Hilfe an: „Der IWF steht offen für alle Mitglieder.“

5. „Die Elektroauto-Industrie wird unter niedrigen Ölpreisen leiden“

Dies sagt nicht irgendwer - sondern der schillernde Gründer des US-Elektroautobauers Tesla, Elon Musk. Über seine bei CNN geäußerte Einschätzung kann man streiten: Es gibt viele Faktoren, die eine „Verkehrswende“ erschweren. Elektroautos sind gegenüber Benzinern meist teuer, die Reichweite ist gering. Laut Kraftfahrt-Bundesamt kamen 2015 in Deutschland gerade 12 363 reine E-Autos zusätzlich auf die Straße, verglichen mit der Gesamtzahl von 3,2 Millionen Pkw. Die Bundesregierung hat zu möglichen Subventionen noch keine klare Linie.

In der Auto-Nation USA jedenfalls schiebt das billige Öl den Absatz von Spritschluckern an. Nach Zahlen der Deutschen Bank stieg der Verkaufsanteil leichter Trucks dort zwischen 2000 und 2015 von 50 auf über 60 Prozent, während normale Pkw zuletzt 40 Prozent erzielten. Ursache: „das enorme Abrutschen der Öl- und damit der Benzinpreise“.

Frische Daten vom US-Immobilienmarkt hatten keinen nennenswerten Einfluss auf die Notierungen. So waren die Verkäufe bestehender Häuser im Juli überraschend deutlich gefallen. Im Vergleich zum Vormonat waren sie um 3,2 Prozent gesunken, während Volkswirte im Mittel ein Minus von 1,1 Prozent erwartet hatten. Der Anstieg der Hauspreise hatte sich im Juni mit 0,2 Prozent weniger stark fortgesetzt als erwartet.

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