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15.01.2015

15:42 Uhr

Börse Schweiz

Züricher Börse erlebt größten Kurssturz aller Zeiten

Die Schweizer Nationalbank sorgt für Tumulte an der Züricher Börse. Mit der Abkehr vom Mindestkurs hat die Notenbank die Schweizer Anleger tief schockiert. Zwischenzeitlich gab der SMI über 14 Prozent nach.

Franken-Mindestkurs

Rekord-Einbruch an Schweizer Börse

Franken-Mindestkurs: Rekord-Einbruch an Schweizer Börse

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ZürichDer seit Herbst 2011 von der SNB am Devisenmarkt verteidigte Mindestkurs des Euro gegenüber dem Franken von 1,20 Franken ist überraschend gekippt worden, und der Einlagenzins wurde auf minus 0,75 Prozent reduziert, womit insbesondere der Züricher SMI einen abrupten und umfassenden Kursverfall einleitete. Mit leichter Verspätung folgten die meisten Europabörsen dem Trend nach unten; die Verluste blieben allerdings wesentlich geringer als an der Schweizer Börse. Am Nachmittag konnten sich die meisten europäischen Aktienmärkte im Gegensatz zum SMI erholen.

In Zürich mussten die Händler mitansehen, wie der SMI Opfer der Schweizer Notenbankpolitik wurde. Der Leitindex erlebte mit einem Minus von unfassbaren 14 Prozent den größten Tagesverlust in Geschichte der Schweizer Börse. Zuletzt konnte sich der SMI leicht „erholen“. Am Nachmittag notierte er 10,3 Prozent tiefer auf 8252 Punkte.

Die starken Unterschiede in der Geldpolitik in den bedeutenden Währungsräumen, die Aufwertung des Dollars und die Abwertung des Euros haben die SNB zu diesem Schritt veranlasst. „Vor diesem Hintergrund ist die Nationalbank zum Schluss gekommen, dass die Durchsetzung und die Aufrechterhaltung des Euro-Franken-Mindestkurses nicht mehr gerechtfertigt sind“, so die SNB.

„Der Franken bleibt zwar hoch bewertet, aber die Überbewertung hat sich seit Einführung des Mindestkurses insgesamt reduziert. Die Wirtschaft konnte diese Phase nutzen, um sich auf die neue Situation einzustellen“, teilte die Schweizerische Nationalbank weiter mit.

Ökonomen sind mit dieser neuen Situation allerdings alles andere zufrieden. „Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte,“ monierte Helaba-Analyst Ulrich Wortberg. „Der Euro-Franken-Kurs wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen“, so der Experte.

Das sagten Experten am 15. Januar zum Schweizer Manöver

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW Berlin

„Die Entscheidung der Schweizer Notenbank war längst überfällig. Ihre Wechselkurspolitik hat zwar in den vergangenen Jahren Schweizer Exporteure geschützt und deren Wettbewerbsfähigkeit durch einen schwächeren Franken unterstützt. Diese Politik könnte sich jedoch als enorm teurer Fehler erweisen. Denn der Franken wird langfristig gegenüber dem Euro aufwerten. Die Wertverluste auf die Devisenreserven könnten deshalb enorm groß werden. Der Zeitpunkt der Entscheidung ist sicherlich nicht zufällig. Die Erwartung eines Anleihenkaufprogramms der EZB sollte den Euro mittelfristig weiter schwächen, und damit die sonst notwendigen Ankäufe und diese Verluste für die Schweizer Notenbank erhöhen.“

Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsverbands Economiesuisse

„Es war von Anfang an klar, dass die Wechselkursuntergrenze eine temporäre Maßnahme sein soll. Auch die Wirtschaft strebt im Prinzip eine Rückkehr zu flexiblen Wechselkursen an, aber nicht jetzt. Denn in der gegenwärtig angespannten Situation ist die Gefahr sehr groß, dass es zu einem Überschießen des Frankens kommt. Wir sind davon ausgegangen, dass die Wechselkursuntergrenze für die nächsten Monate noch halten wird.

Wir sind jetzt weit jenseits der Kaufkraftparität, die ich auf 1,29 Franken pro Euro schätze. Mit einer leichten kontinuierlichen Aufwertung kann die Wirtschaft leben. Aber bei einer schockartigen Aufwertung ist die Industrie überfordert. Das wird sehr große Probleme geben.

Es bricht eine schwierige Zeit für die Schweizer Unternehmen an. Dies gilt vor allem für die Export- und Zuliefer-Industrie sowie für den Tourismus. Die Planungssicherheit ist vorderhand weg. Entscheidend ist jetzt, wo sich der Euro einpendeln wird. Mit 1,15 Franken kann die Wirtschaft leben. Bei 1,05 würde es zu einem größeren Einbruch kommen.“

Schweizerischer Gewerkschaftsbund

„Der Entscheid der SNB, den Mindestkurs aufzuheben, gefährdet die Löhne und Arbeitsplätze in der Exportwirtschaft massiv und erhöht die Deflationsgefahren in der Schweiz. Auch zum Kurs von 1,20 gegenüber dem Euro war der Franken nach wie vor deutlich überbewertet. Mit der Aufhebung der Untergrenze ist der Devisenspekulation nun Tür und Tor geöffnet. Es ist mit einer unkontrollierten Aufwertung zu rechnen. Die bereits heute unter dem überbewerteten Franken leidende Exportwirtschaft (Industrie/Tourismus) wird zusätzlich belastet.“

Christian Lips von der NordLB

„Die SNB scheint nicht mehr an eine Durchsetzbarkeit für den Fall eines EZB-Staatsanleihenankaufprogramms zu glauben – und könnte sich doch mit der Panikreaktion in eine Sackgasse manövriert haben. Zumindest ist die Kommunikation der SNB – bei allem Wohlwollen – als missglückt zu bezeichnen.“

JP Morgan Research

„Die größte Überraschung der heutigen Entscheidung ist, dass die SNB sich gegen einen gelenkten Rückzug entschieden hat – sie hat dem Euro zum Franken komplett den Boden entzogen.

Das ist zwar die sauberste Option für die SNB – alle Verbindungen zur Geldpolitik der EZB können nun gekappt werden. Aber es ist auch die Option mit dem größten Risiko, den Euro-Franken-Kurs unter den fairen Wert zu drücken, den wir bei etwa 1,10 Franken sehen.“

Thomas Gitzel von der VP Bank

„Die SNB beugt sich dem Marktdruck, setzt aber ein Teil ihrer Glaubwürdigkeit aufs Spiel. Die Interventionen der vergangenen Wochen waren wohl für die eidgenössischen Währungshüter zu viel. Bei der Einführung des Mindestwechselkurses war an punktuelle Interventionen gedacht, nicht aber an permanente. Letztlich dürfte aber auch die Gold-Initiative eine gewisse Rolle bei der Entscheidung gespielt haben. (...) Da der Franken auf den aktuellen Kursniveaus deutlich gegenüber dem Euro überbewertet ist, sollten sich nach einer Übertreibungsphase wieder höhere Kursniveaus beim Währungspaar Euro-Franken einstellen.“

Jefferies-Stratege Jonathan Webb

„Die Entscheidung der SNB hat den Markt völlig überrascht. Die SNB geht vermutlich davon aus, dass die EZB in der kommenden Woche auf ihrer Ratssitzung ihre Geldpolitik weiter lockern wird. Angesichts der anstehenden Wahlen in Griechenland wäre es für die Schweizer ziemlich schwierig, den Mindestkurs aufrecht zu halten.“

Chris Beauchamp, Markt-Analyst bei IG

„Meine erste Reaktion war, dass das ein Signal für eine bevorstehende Aktion der EZB ist. Allerdings war die Reaktion an den Aktienmärkten dafür zu negativ. Aber es passiert ja nicht jeden Tag, dass eine Notenbank einfach einer Währung den Boden unter den Füßen wegzieht. Und die Leute haben eindeutig Angst, dass etwas Größeres bevorsteht. Für den Schweizer Markt und die Wirtschaft ist das sehr schlecht, wenn der Franken so rasant steigt und der Euro abstürzt. Die Stimmung ist seit Jahresbeginn ziemlich unruhig, und so eine Nachricht sorgt für Volatilität aus.“

Helaba-Analyst Ulrich Wortberg

„Die Aufhebung des Mindestkurses kommt sehr überraschend und die SNB dürfte an Glaubwürdigkeit verlieren, da sie in den vergangenen Monaten stets die vehemente Verteidigung der Untergrenze betonte. Einen neuen Mindestkurs dürfte es wohl nicht mehr geben, da Marktteilnehmer kein Vertrauen mehr haben, dass dieser langfristig gehalten wird. Der Euro-Franken wird nun den Marktkräften überlassen und es dürften sich Kurse im Bereich der Parität einstellen.“

Bei den Einzelwerten gab es auf breiter Front selten zu beobachtende Kursverluste, die in der Regel prozentual zweistellige Werte erreichten. Der Franken wertete mit der SNB-Mitteilung zu den wichtigsten Währungen der Welt stark auf. Exporteure waren entsprechend am stärksten betroffen, aber es brachen der breite Markt und sämtliche Aktien in Züricher Index ein.

Mit der Swatch Group, Richemont und Actelion gaben die schwächsten Titel zwischen knapp 14 und knapp 17 Prozent nach. Titel der UBS sanken um elf Prozent, die Aktien der Credit Suisse verloren 10,9 Prozent. Julius Bär musste ein Minus von 11,8 Prozent hinnehmen. Roche-Aktien sanken um 9,8 Prozent, Nestle um 8,6 und die Titel der Zürich-Versicherung um 6,7 Prozent.

Kommentare (2)

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Herr reiner tiroch

15.01.2015, 20:08 Uhr

ein gewaltiger kursturz wird bei uns doch schon längst erwartet den aber keiner sehen will.

Herr Edgar Cayce

16.01.2015, 08:16 Uhr

Die haben eben keinen Draghi, der "alles tun wird..."

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