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23.10.2014

07:32 Uhr

Börse und Notenbanken

Geldflut rettet Märkte vor dem Austrocknen

Die Investoren zählen immer noch darauf, dass die Zentralbanker mit einer Geldflut zur Seite stehen, wenn Aktienkurse abstürzen. Eine Analyse zeigt nun: Die Märkte brauchen pro Quartal 200 Milliarden Dollar.

Damit die Märkte nicht einbrechen, müssen die EZB und andere Zentralbanken Milliarden zuschießen. dpa

Damit die Märkte nicht einbrechen, müssen die EZB und andere Zentralbanken Milliarden zuschießen.

Eine Put-Option gibt Investoren das Recht, einen Vermögenswert zu einem festgesetzten Preis zu verkaufen. Darauf basiert die Vorstellung, dass Notenbanken einen Boden für fallende Märkte einziehen und auf diese Weise dafür sorgen werden, dass nicht ganze Volkswirtschaften mit in den Abgrund gerissen werden.

Vorige Woche hatten die Märkte wieder einen Schwächeanfall und bei dieser Gelegenheit waren es James Bullard, der Präsident der St. Louis Fed, sowie Andrew Haldane, der Chefvolkswirt der Bank von England, die auf den Plan traten. Bullard sagte, die Fed solle überlegen, ob sie das Ende ihres Programms zum Ankauf von Anleihen nicht hinauszögere, um den Abwärtstrend bei den Inflationserwartungen zu stoppen. Haldane meinte, er sei weniger geneigt, für eine Zinserhöhung zu stimmen als vor drei Monaten.

Wo liegen die Grenzen der Krisenpolitik

Worum dreht sich das Luxemburger Verfahren?

Verhandelt wird über die Ankündigung der Europäischen Zentralbank (EZB) aus dem Sommer 2012, notfalls unbegrenzt Anleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Das Bundesverfassungsgericht war im Februar 2014 zu dem Schluss gekommen, die EZB habe mit diesem sogenannten OMT-Programm („Outright Monetary Transactions“) ihre Kompetenzen überschritten: Die EZB dürfe nach den Europäischen Verträgen keine eigenständige Wirtschaftspolitik betreiben. Außerdem war das Verfassungsgericht der Meinung, der OMT-Beschluss verstoße gegen das Verbot einer Mitfinanzierung von Staatshaushalten. Die endgültige Entscheidung überließ Karlsruhe den Luxemburger Richtern.

Was genau ist das OMT-Programm?

Anfang September 2012 beschloss der EZB-Rat gegen den Widerstand von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, Euro-Krisenländern notfalls mit dem unbegrenzten Kauf von Staatsanleihen unter die Arme zu greifen. Die Bedingungen: Die jeweiligen Staaten stellen zuvor einen Hilfsantrag beim Euro-Rettungsfonds und unterwerfen sich politischen Reformvorgaben. Erwerben wollte die EZB die Bonds auf dem Sekundärmarkt, also etwa von Banken, nicht direkt von den Staaten. Spanien, Italien, Portugal hätten von sinkenden Zinsen profitiert.

Warum sind Staatsanleihenkäufe durch die EZB so umstritten?

Kritiker meinen, die EZB finanziere so letztlich Staatsschulden mit der Notenpresse. Das mache die Notenbank abhängig von den jeweiligen Staaten und gefährde ihre Unabhängigkeit gegenüber den Regierungen. Zudem lähme es die Reformbereitschaft, wenn sich Staaten darauf verlassen, dass es notfalls die EZB richten wird.

Wie hoch ist das Risiko von Verlusten?

Bei sämtlichen Sondermaßnahmen der EZB im Kampf gegen die Dauerkrise hält sich die Sorge, dass mögliche Verluste letztlich die Steuerzahler tragen müssen. Denn: Verluste könnte die EZB auf die nationalen Zentralbanken abwälzen und Deutschland ist über die Bundesbank mit rund 26 Prozent größter EZB-Anteilseigner. Das erste Kaufprogramm für Staatsanleihen („Securities Markets Programme“/SMP) jedoch, das die Notenbank im Mai 2010 aufgelegt hatte, brachte der EZB 2012 und 2013 insgesamt gut zwei Milliarden Euro Zinseinnahmen.

Wann fällt in Luxemburg eine Entscheidung?

Bei der mündlichen Verhandlung in Luxemburg werden erst einmal alle Seiten - von den Klägern über die EZB bis zu politischen Akteuren wie Bundesregierung, EU-Parlament und EU-Kommission - angehört. Das Urteil wird voraussichtlich in etwa einem Jahr fallen.

Was droht der EZB?

Die meisten Experten gehen davon aus, dass die Richter das Programm durchwinken werden. „Wir erwarten, dass der EuGH die Zulässigkeit der OMT-Käufe im Sommer 2015 erklären wird“, schreibt UniCredit-Volkswirt Andreas Rees. Dies entspreche dem Trend: „In der Vergangenheit hatte der EuGH die Tendenz, den Einfluss der EU-Entscheidungsträger auszudehnen.“ Kommen die Richter zu dem Schluss, dass das Kaufprogramm gegen europäisches Recht verstößt, wären der EZB in Zukunft die Hände gebunden. Allerdings könnte der EuGH auch nur bestimmte Vorgaben für Anleihekäufe machen, etwa zum Umfang oder zur Dauer. Solange der Prozess in Luxemburg läuft, hat die Notenbank weiter alle Möglichkeiten. Nach Angaben des Gerichts hat das Verfahren keine aufschiebende Wirkung, es liege kein Antrag auf Aussetzung der Maßnahmen vor.

„Diese Kommentare hinterließen an den Märkten den Eindruck, dass der 'Notenbank-Put' nach wie vor wirksam ist”, schrieben Londoner Devisenstrategen von Morgan Stanley unter Leitung von Hans Redeker am Montag in einer Studie.

Matt King, Leiter Kreditstrategie weltweit bei der Citigroup, hat mit seinen Kollegen ermittelt, wieviel Liquidität die Zentralbanken jedes Quartal bereitstellen müssen, um ein Abrutschen der Märkte zu verhindern.

Sie schätzen, dass die Abwesenheit jeglicher Stimuli mit einem zehnprozentigen Rückgang der Aktienmärkte im Quartal vereinbar ist und kommen auf dieser Basis zu dem Ergebnis, dass die Zentralbanken alle drei Monate rund 200 Milliarden Dollar bereitstellen müssen, um einen Ausverkauf an den Märkten zu verhindern.

Kommentare (7)

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Herr Josef Schmidt

23.10.2014, 08:33 Uhr

1 Billiarde sind 1000 Billionen.

Da hat sich einer beim Copy and Paste um einige Nullen verschätzt.

Herr wulff baer

23.10.2014, 09:08 Uhr

National-Ökonomie in Hochkultur.
Nur das billionenfache Drucken von ungedecktem Falschgeld zum Ankauf von Schrottanleihen und zur Stützung des weithin überbewerteten Aktienmarktes angesichts von Schuldencrash, Rezession, Kriegen und Pandemie - ist es das, was uns weiterhilft?
Natürlich, sagen die "Fachleute", der Finanzmarkt hat doch mit der Wirklichkeit nichts zu tun!

Herr J� Jacob

23.10.2014, 09:52 Uhr

Nur die Druckerpresse hält das gesamte System noch am laufen aber irgendwann kippt alles. Dann Gnade dem Bürger, den der muss es ausbaden, nicht die korrupte Lobby aus Finanz/Wirtschaft & Politik. Die haben ihr Schäfchen im Trocknen und das schon lange.

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