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29.06.2012

17:46 Uhr

Börseneuphorie

Finanzmärkte feiern Gipfel mit Kursfeuerwerken

Europaweit sind Finanzwerte am Freitag durch die Decke gegangen. Anleger griffen kräftig bei Aktien zu und europäische Indizes schossen nach oben. Auch der Euro verteuerte sich deutlich. Doch schon werden Warnungen laut.

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Die internationalen Finanzmärkte hatten wenig vom EU-Gipfel erwartet; umso größer war die Euphorie nach den bekanntgegebenen, überraschend substanziellen, Beschlüssen. Der Dax schloss 4,3 Prozent höher bei 6.416 Punkten und hat damit das erste Halbjahr mit einem Plus von 8,8 Prozent beendet. Auch der Euro verteuerte sich um um mehr als zwei US-Cent auf 1,2671 Dollar. Der Euro-Stoxx stieg sogar um 4,7 Prozent.

Vor allem der Plan, angeschlagene Banken künftig direkt mit Kapital aus dem Rettungsfonds zu versorgen, weckte unter den Investoren Hoffnung auf eine baldige Eindämmung der Schuldenkrise. "Die Euro-Zone ist nicht tot, die Leute sind erleichtert", sagte David Thebault, Chef-Händler von Global Equities.

"Die Banken können sich nun leichter in der Krise rekapitalisieren als das bisher der Fall war", urteilte Oliver Roth, Kapitalmarktstratege bei Close Brothers. "Bislang waren ja hauptsächlich die Nationalstaaten dafür verantwortlich. Diese Last ist den Staaten nun von den Schultern genommen, und damit wird zum Beispiel der Staatshaushalt von Spanien wesentlich entspannter."

Finanzwerte im Höhenflug

Vor diesem Hintergrund hoben vor allem Finanzwerte ab. Der europäische Branchenindex legte mehr als acht Prozent zu, die Aktien der italienischen Unicredit gewannen mehr als 13 Prozent, die der spanischen Santander 6,4 Prozent. Auch die deutschen Bankenwerte der Commerzbank und der Deutschen Bank profitierten von den Gipfelbeschlüssen und gehörten mit einem Plus von 6,2 bzw. 5,9 Prozent zu den stärksten Werten im Dax.

Dass die Nervosität am Finanzmarkt nachließ, zeigten auch die Volatilitätsindizes VDax und VStoxx, die die Nervosität der Anleger messen. Diese fielen in der Spitze um jeweils etwa zehn Prozent.

Kursfeuerwerk: Die unheimliche Rally der Bankaktien

Kursfeuerwerk

Die unheimliche Rally der Bankaktien

Die Anleger reißen sich um Bankaktien. Der Grund: Banken sollen bald Zugang zum Rettungsfonds haben. Ausgerechnet die schwächsten Institute legen am meisten zu - auch Commerzbank und Deutsche Bank profitieren.

"Die Einigung auf eine direkte Rekapitalisierung der Banken ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung", sagte Koen De Leus, Anlagestratege bei KBC Securities. "Es durchbricht die teuflische Spirale zwischen insolventen Banken und ihren Regierungen. Das ist zwar nicht die Wende im Spiel, aber eine Wende der Stimmung."

Um eine Eskalation der Euro-Krise zu verhindern, soll der Rettungsfonds nach Einführung einer zentralen Bankenaufsicht angeschlagene Banken künftig direkt mit Kapital versorgen können. Zudem ist der Weg für einen EU-Wachstumspakt frei, mit dem 120 Milliarden Euro an Investitionen mobilisiert werden sollen. Damit würden die Hilfsmaßnahmen für Euro-Sorgenkinder Italien und Spanien verstärkt, urteilte Dariusz Kowalczyk, Volkswirt der Credit Agricole CIB.

Börsianer zum EU-Gipfel

Oliver Roth, Kapitalmarktstratege bei Close Brothers

„Die Banken können sich nun leichter in der Krise rekapitalisieren als das bisher der Fall war. Bislang waren ja hauptsächlich die Nationalstaaten dafür verantwortlich. Diese Last ist den Staaten nun von den Schultern genommen, und damit wird zum Beispiel der Staatshaushalt von Spanien wesentlich entspannter.
Auch die nordeuropäischen Staaten werden dadurch entlastet, weil die Zinsen auf italienische oder spanische Staatsanleihen deutlich sinken dürften, und das ist gut für die gesamten Geschäftsbeziehungen.“

Citigroup

„Die Kursentwicklung geht über das hinaus, was gerechtfertigt ist. Erstens bedarf es Klarheit darüber, wie und in welchen Fällen Regierungen den ESM in Anspruch nehmen können. Wenn es nur zur Rekapitalisierung von Banken ist, wäre es nicht weitgehend genug, um die zugrundeliegenden Belastungen zu lindern. Zweitens bleiben beträchtliche Umsetzungsrisiken.
Die Regierungen müssen der EZB für ihre neuen Aufsichtsaufgaben Rechte übertragen. Dies könnte sich als umstrittener herausstellen als es die unmittelbare Marktreaktion vermuten lässt. Nach derartigen Ankündigungen ist der anfängliche Optimismus verpufft, sobald sich die Politiker an die Details machen. Wir würden uns nicht wundern, wenn sich dieses Muster wiederholt.“

Jörg Krämer & Christoph Weil, Volkswirte der Commerzbank

„In einer turbulenten Nachtsitzung haben sich die Regierungschefs überraschend grundsätzlich darauf geeinigt, den Banken der hochverschuldeten Krisenländern künftig direkt Hilfen zu gewähren und damit deren Staatshaushalte zu entlasten. (...)
Gemeinsame Anleihen tauchen nach Merkels klarem Nein nicht im Kommuniqué des Gipfels auf. Wir bleiben allerdings bei unserer Prognose, dass Deutschland solchen Anleihen am Ende zustimmen dürfte, wenn die Existenz der Währungsunion gefährdet wäre.“

Tim Waterer, Händler bei CMC Global Markets

„Der Markt ist ein bisschen überrascht, dass etwas substanzielles bei dem Gipfel herausgekommen ist. Die Details zum Zeitrahmen der Umsetzung dieses Plan wird darüber entscheiden, ob die aktuellen Kursgewinne nachhaltig sind.“

Holger Schmiedung, Berenberg-Chefvolkswirt

„Um den Markt zu beeindrucken, sind Eingriffe der EZB notwendig - etwa Interventionen am Anleihenmarkt oder erhebliche Liquiditätsspritzen für die Banken. Ohne EZB geht es nicht.“

Anleihemarkt atmete auf

Am Rentenmarkt war die Freude über die Beschlüsse ebenfalls deutlich zu spüren: Die Renditen der spanischen und italienischen Anleihen gingen zurück. Spanische Bonds wurden mit 6,558 Prozent verzinst nach 6,915 Prozent im Vortagesgeschäft. Die Renditen ihrer italienischer Pendants fielen unter die Sechs-Prozent-Marke. Auch die Kosten der Kreditausfallversicherungen (CDS) für die beiden klammen Euro-Länder verringerten sich.

Im Gegenzug legte allerdings die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe kräftig auf 1,61 Prozent zu. „Innerhalb der Eurozone muss ja das verteilte Geld auch aufgebracht werden, und dabei fällt in letzter Konsequenz die Kugel wieder auf die Nordstaaten“, sagte Dietmar Blum von der Hellwig Wertpapierhandelsbank. „Des einen Freud, des anderen Leid.“

Kommentare (125)

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Account gelöscht!

29.06.2012, 06:59 Uhr

Wie bei allen Crashs - der letzte rasante Aufstieg vor dem total Ausfall.

Der berechenbare, systembedingte Absturz wird nur noch kurzzeitig verschoben. Wieder auf Kosten der Allgemeinheit.

Account gelöscht!

29.06.2012, 07:07 Uhr

Eben!

KasperletheaterEuro

29.06.2012, 07:09 Uhr

Tja,
auch ich hatte kurz überlegt, ob ich mich vom Dollar löse und die zu erwartende kurze Euphorie nach dem Gipfel mitnehme, indem ich kurz im Euro bin.
Dann dachte ich mir aber: es wird nur kurz währen, denn diese Kaiser hat schon keine Schamhaare mehr, von Kleidern ist lange nichts mehr zu erahnen.
Da man ja immer etwas Wechselverlsut hat, habe ich also lieber nicht getauscht ... und anderthalb Cent Plus - danach Plateau - das wird nix, Freunde.

Spätestens Ende nächster Woche kommt doch wieder der Kater.

Ein totes Pferd kann man nicht reiten.

Wenn sich nun immer mehr Euroländer durch immer weniger Euroländer stützen lassen -

... ach, da lohnt ja das Geschreibe nicht. Ist doch lächerlich.

Deutschland: Deine Verantwortung liegt darin, der Eurozone durch Deinen Austritt die Genesung zu erleichtern.
Gern eine Freihandelszone aber unterschiedliche Volkswirtschaften MÜSSEN unterschiedliche Währungen haben.

Wie doof ist denn die andere Variante Herr Dr. Kohl?

Schönes heißes Wochenende und schwimmt nicht weg in Norddeutschland!

Pfiatti

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