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24.01.2010

10:00 Uhr

Börsengänge

Schwellenländer sind in, London out

VonChristian Schnell

Das lukrative Geschäft der Börsengänge verlagert sich zunehmend in die aufstrebenden Märkte Asiens. Europas Börsen hinken hinterher und auch die Wall Street in New York ist längst abgehängt. Nur Deutschlands Börsenkandidaten halten sich noch zurück.

Die Börse in Hongkong ist unter Börsenkandidaten besonders beliebt. Reuters

Die Börse in Hongkong ist unter Börsenkandidaten besonders beliebt.

FRANKFURT. Gleich der erste große Börsengang (IPO) des Jahres untermauert die neue Vormachtstellung der Schwellenländer im lukrativen Geschäft mit Börsengängen. Rusal, der größte Aluminium-Produzent der Welt unter der Führung des Milliardärs Oleg Deripaska, dürfte bei seinem Börsendebüt am Mittwoch umgerechnet bis zu 1,8 Mrd. Euro einnehmen. Die speziell wegen der hohen Verschuldung des Unternehmens lange Zeit umstrittene Emission ist nach Aussagen aus Finanzkrisen signifikant überzeichnet.

Die Börse in Hongkong, wo die Erstnotiz geplant ist, untermauert damit ihre weltweite Vormachtstellung bei Neuemissionen. Im vergangenen Jahr hatte sie erstmals die Spitze mit einem Emissionsvolumen von 17,7 Mrd. US-Dollar erklommen und damit die New Yorker Börse auf Platz zwei verwiesen (16,9 Mrd. Dollar). Das ergeben Berechnungen des Beratungshauses Ernst & Young. Rusal wäre nach Abschluss des Börsengangs das erste russische Unternehmen, das dort gelistet sein würde. In der Vergangenheit haben Gesellschaften aus Russland meist den Börsenplatz London für Emissionen genutzt. Hongkong punktet nun sogar, obwohl die Börsenregeln dort streng sind. Weil die Verschuldung von bis zu 17 Mrd. Dollar als Problem angesehen wurde, dürfen Privatanleger Rusal-Aktien dort nicht zeichnen.

„Im IPO-Geschäft spielt die Musik zunehmend in den Schwellenländern, die sich überraschend schnell von der Wirtschaftskrise erholen und wo die Investoren noch echte Wachstumsstorys sehen“, sagt Heinrich Lind, Partner bei Ernst & Young. Weit zurück bleiben dabei die Märkte in Europa und speziell in Deutschland. Mit den chinesischen Telekom-Dienstleister Vtion Wireless gab es hier im vergangenen Jahr nur einen Börsengang mit einem bescheidenen Volumen von 55 Mio. Euro. Im Dezember scheiterten kurz hintereinander die Börsenpläne der Hochtief-Tochter Concessions und des dänischen Wind- und Solarpark-Projektierers Scan Energy.

Das soll im laufenden Jahr deutlich besser werden. „Sofern sich die Rahmenbedingungen an den Finanzmärkten weiterhin positiv entwickeln und neuerliche Schocks ausbleiben, dürfte sich der europäische IPO–Markt bis Mitte des laufenden Jahres erholen“, sagt Christoph Gruss, Partner beim Beratungshaus Pricewaterhouse Coopers (PwC). Erste vielversprechende Tendenzen dazu gibt es bereits. So will der irische Reisereservierungs-Spezialist Travelport mit seinem Börsengang in London rund 1,4 Mrd. Euro einspielen. Das wäre die größte Emission dort seit zwei Jahren und ein Gradmesser für den gesamten Markt.

Die Vorzeichen bei Travelport sind aber ähnlich wie bei Rusal. Das Unternehmen ist mit knapp drei Mrd. Euro hochverschuldet, durch die Einnahmen aus dem Börsengang würde sich die Summe auf etwa die Hälfte reduzieren. Travelport gehört unter anderem der Beteiligungsgesellschaft Blackstone.

Auch in Deutschland ist seit geraumer Zeit bekannt, dass sich Beteiligungsgesellschaften via Börsengang von ihren Töchtern trennen wollen. Namen wie die des Chemikalienhändlers Brenntag, des Druckdienstleisters Flint Group oder des Kabelnetzbetreibers Kabel Deutschland kursieren hier seit längerem, ohne dass es einen neuen Stand gibt. In der Regel warten die Unternehmen mit ihren Börsenplänen ab, bis der Jahresabschluss erstellt ist, um bei potenziellen Investoren konkrete Zahlen präsentieren zu können. Da dies gewöhnlich erst im Februar der Fall ist, dürfte es noch etwas dauern.

Der größte Markt für Börsengänge in Europa bleibt ohnehin Polen. Nachdem man dort im vergangenen Jahr mit 38 Börsengängen und einem Gesamtvolumen von vier Mrd. Euro bereits deutlich vor allen anderen Ländern in Führung lag, sind jetzt schon Emissionen durch den polnischen Staat und durch Privatunternehmen in einer Größenordnung von mindestens 7,5 Mrd. Euro angekündigt. Eine weitere Aktientranche des Stromriesen PGE steht dabei ebenso im Mittelpunkt wie die neuen Aktien des größten Versicherers PZU.

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