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05.06.2013

09:58 Uhr

Börsenkenner im Gespräch

„Viele Leute haben viel Geld verloren“

Die meisten erinnern sich an das Platzen des Neuen Marktes mit Grauen. Börsenkenner Fidel Helmer hätte den Markt am liebsten viel früher beerdigt. Er erinnert sich an ein ungutes Gefühl und an fehlende Vernunft am Markt.

Fidel Helmer: „Zockermentalität wird es immer geben.“ dpa

Fidel Helmer: „Zockermentalität wird es immer geben.“

Frankfurt/MainDas Scheitern des Neuen Marktes vor zehn Jahren war nach Ansicht von Börsianer Fidel Helmer ein heilsamer Schock. „Die Hürden sind heute höher, Anleger sind wesentlich vorsichtiger. Und das ist auch gut so“, sagte Fidel Helmer, Leiter Wertpapierhandel der Privatbank Hauck & Aufhäuser, der Nachrichtenagentur dpa in Frankfurt.

Helmer, der seit mehr als 40 Jahren an der Frankfurter Börse tätig ist, weiß aber auch: Die Aktienkultur in Deutschland hat dauerhaft unter dem Platzen der Dotcom-Blase gelitten: „Diesen Schock kann man nicht innerhalb weniger Jahre überwinden, viele Leute haben viel Geld verloren.“ Die Zahl der Aktionäre in Deutschland erreichte den Höchststand des Jahres 2001 (fast 13 Millionen, Aktionärsquote 20 Prozent) seither nie mehr.

Viele Händler auf dem Frankfurter Parkett, erinnert sich Helmer, hätten schon zum Start des Neuen Marktes im März 1997 ein ungutes Gefühl gehabt: „Die ersten Aktien am Neuen Markt, Mobilcom und Bertrandt, waren ja noch sehr gute. Aber selbst da haben die Händler gesagt: Jetzt haben wir den Zockermarkt eröffnet. Das hat sich dann bewahrheitet.“

Die zehn wichtigsten Aktien-Regeln

Eigene Strategie festlegen

Gegen die größer werdenden Unwägbarkeiten sollte man sich zuallererst mit einer Strategie wappnen: Wer an kräftiges Wachstum in Deutschland glaubt, an einen anhaltenden Boom der Schwellenländer und hohen privaten Konsum, kann weiter am Aktienmarkt investieren. Wer skeptisch ist, sollte seine Bestände hingegen nicht aufstocken.

Widerstandskraft zeigen

Eng verbunden mit der ersten Regel: Immer wieder kommt es vor, dass sich Dinge anders entwickeln, als man erwartet hat. Es ist wichtig, sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht jeder Entwicklung hinterherzulaufen. Eine solche Reaktion zeugt nicht von einem geringen Vertrauen in die eigene Strategie. Es kostet meist auch Geld, weil die Masse schon vorher diese Richtung eingeschlagen und das Gros an Rendite eingefahren hat.

Richtig mischen

Groß oder klein, spekulativ oder konservativ, liquide oder illiquide, dividendenstark oder dividendenschwach, Substanz oder Wachstum: Bei Aktien ist die Auswahl riesig. Der richtige Mix aus spekulativen und konservativen Titeln hilft, Schwankungen zwischen guten und schlechten Zeiten auszugleichen. Nicht zu unterschätzen sind starke Dividendenzahler, die Jahr für Jahr den Grundstock für eine solide Rendite legen.

Barrieren einbauen

Keine Frage, die Börsen haben in den vergangenen zehn Jahren stärker geschwankt als in allen Dekaden zuvor. Das wird so bleiben, mit wachsendem Computerhandel sogar noch zunehmen. Wer sein Risiko minimieren will, baut Barrieren ein – sogenannte Stopps. Gerne werden Stopps bei 20 Prozent über und unterhalb des aktuellen Kurses gewählt. Dann wird automatisch verkauft, wenn diese Grenzen erreicht sind. Kommt eine Phase überraschend steigender Kurse mit anhaltendem Aufwärtstrend, lässt sich die Barriere leicht nach oben verschieben. Wichtig ist dann, auch die Barriere am unteren Ende nachzuziehen.

Herdentrieb beobachten

Wichtig in Phasen überraschender Kurssteigerungen oder -stürze ist es, das Verhalten der Masse zu beobachten. Ist es noch nachvollziehbar oder völlig irrational? Häufig ist es irrational. Dann hilft meist die zweite Regel: Widerstandskraft zeigen. Nach einigen Monaten kehrt die Rationalität von ganz allein zurück. Der Kurssturz aus dem vergangenen Jahr und die jüngste Entwicklung beweisen das gerade wieder.

Risiko rausnehmen

Sind Aktien wie seit Jahresbeginn schon um 30, 40 oder gar 50 Prozent gestiegen, dann sind Anschlussgewinne in der Regel nur noch schwer zu erzielen. Phrasenverdächtig ist zwar die alte Weisheit: „An Gewinnmitnahmen ist noch niemand zugrunde gegangen.“ Richtig ist sie trotzdem.

Insidern folgen

Firmenchefs haben einen gewaltigen Vorteil gegenüber normalen Aktionären. Sie wissen weit mehr als jeder Analyst oder Kommentator, wie es in ihrem Unternehmen aussieht. Insider nennt man sie deshalb. Sie melden ihre Orders innerhalb von fünf Handelstagen an die Börsenaufsicht Bafin. Das Handelsblatt veröffentlicht alle zwei Wochen das sogenannte Insider-Barometer, das aus der Summe aller Kauf- und Verkaufsorders Schlüsse für den weiteren Verlauf in Dax & Co. zieht. Jüngste Tendenz: Vorstände und Aufsichtsräte verkaufen mehr als sie kaufen. Vorsicht also!

Geopolitische Ereignisse beachten

Terroranschläge und Naturkatastrophen kommen unerwartet. Politische Konflikte wie zwischen Israel und dem Iran schwelen meist länger. Auch entscheidende Wahlen sind vorhersehbar und haben immer Einfluss auf die Börse. Dabei gilt generell: Wahljahre sind gute Börsenjahre.

Auf reale Werte setzen

Mit Optionsscheinen oder Bonus-Zertifikaten lässt sich zwar aus einem Aufwärtstrend ein noch größerer Profit schlagen. Dies sind jedoch in der Regel Wetten ohne realen Hintergrund. Aktien sind reale Werte.

Moden misstrauen

Vor allem Aktien einzelner Branchen unterliegen immer wieder gewissen Moden. Doch die wechseln wie im realen Leben, und manchmal geht das schneller, als man denkt. Das bekommt gerade die einst angesehene Solarenergie-Branche bitter zu spüren.

Nachdem die ersten Aktien in dem jungen Segment sehr gut gelaufen seien, habe sich der Hype verselbstständigt, sagt Helmer. „Schuld an der Misere waren alle Beteiligten: Die Kunden haben alles gezeichnet, was nicht niet- und nagelfest war. Die Deutsche Börse hat die Kriterien für die Aufnahme neuer Titel viel zu lasch gehandhabt. Die Banken haben sich Unternehmen, die sie an die Börse gebracht haben, oft nicht so genau angeschaut. Und die Medien kannten im Grunde nur noch ein Thema: Die New Economy.“

Rückblickend sagt der Börsenkenner: „Man hätte den Neuen Markt noch viel früher beerdigen müssen.“ Viele der Firmen hätten im Grunde am Aktienmarkt nichts zu suchen gehabt. „Manche Unternehmen, die nur aus ein paar Leuten, Computern und Büros bestanden, hatten auf einmal eine Bewertung wie Daimler. Das da etwas nicht stimmen kann, musste eigentlich jedem klar sein, der einigermaßen vernünftig denken kann.“

Gänzlich gefeit vor Auswüchsen sei die Börse auch heute nicht, meint Helmer: „Diese Zockermentalität gibt es immer. Wenn man überproportionale Gewinne erzielen kann, wird es immer wieder solche geben, die versuchen da mitzuschwimmen.“ Der Börsenboom der vergangenen Wochen macht Helmer allerdings keine Sorgen: „Die Gefahr einer Blase sehe ich derzeit nicht: Die Unternehmenszahlen sind gut, Liquidität ist vorhanden und es gibt viel zu wenig Anlagealternativen.“

Von

dpa

Kommentare (11)

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Account gelöscht!

05.06.2013, 10:10 Uhr

"Viele Leute haben viel Geld verloren"
Klar. Und viele Leute haben demzufolge viel gewonnen. Des einen Verlust ist des anderen Gewinn. Wer sich auf dieses Spiel einläßt, sollte das wissen und das Risiko kennen....

JayJay

05.06.2013, 10:32 Uhr

Börse ist dafür da um zu Zocken bis der Arzt kommt. ;-)

Heidi

05.06.2013, 10:36 Uhr

Fehlende Vernunft im Markt - oder mit anderen Worte: A fool and his money shall soon be parted.

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