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11.08.2011

15:56 Uhr

Börsenpsychologie

Die Stunde des jüngsten Gerüchts

VonAnnika Williamson

Zuerst regierte Vorsicht, dann Angst - und jetzt? An die Stelle von Tatsachen treten Übertreibungen. Die Börse handelt nicht mehr mit Fakten, ja nicht einmal mit Erwartungen, sondern nur noch nach dem jüngsten Gerücht.

Romeo und Julia: Ohne ein tragisches Gerücht wäre aus der Tragödie eine Komödie geworden. Quelle: dpa

Romeo und Julia: Ohne ein tragisches Gerücht wäre aus der Tragödie eine Komödie geworden.

DüsseldorfDie wohl berühmteste Tragödie, „Romeo und Julia“, wäre ohne ein böses Gerücht wahrscheinlich glücklich ausgegangen. Um der Tyrannei der Eltern zu entkommen, nimmt Julia einen starken Schlaftrunk, der sie wie tot erscheinen lässt. Sie wird in der Familiengruft bestattet, wo Romeo sie befreien soll. Doch stattdessen wacht sie neben dem toten Liebhaber wieder auf. Denn anstatt der Nachricht zum Fluchtplan erreichte ihn das Gerücht, Julia sei tot. Vor Gram tötet er sich selbst. Als sie erwacht, tut Julia es ihm gleich. 

Ein Gerücht, zwei Tote. Auch hinter dem, was der Société Générale gestern passierte, steckt eine gewisse Tragik: Obwohl die französische Großbank – wie gemunkelt wurde – gar nicht vor dem Ruin steht, kostete sie das Gerücht zwischenzeitlich über zwanzig Prozent ihres Börsenwertes. Und es geht noch weiter: Heute tauchen ähnliche Gerüchte über die BNP Paribas auf, ihr Kurs bricht ebenfalls ein. Dann hieß es in Finanzkreisen, der steile Kursverfall habe eine asiatische Bank dazu veranlasst, ihre Kreditlinien für französische Institute zu kappen, fünf andere erwögen einen ähnlichen Schritt. „Wir haben sie gekappt. Wir haben die Limits aus dem System gelöscht. Jetzt müssen sie fallweise um Genehmigung nachfragen“, zitierte die Nachrichtenagentur Reuters einen Risikomanager. Ob da etwas dran ist, weiß keiner; nicht einmal um welche asiatische Bank es sich handelt. Aber danach fragt in diesen Stunden keiner mehr.

Der Tag an den Märkten (Stand: 18:00 Uhr)

Dax

+3,3 Prozent

SMI (Schweiz)

+5,0 Prozent

CAC 40 (Frankreich)

+2,9 Prozent

FTSE 100 (Großbritannien)

+/- 0 Prozent

ASE (Griechenland)

+0,3 Prozent

Ibex 35 (Spanien)

+3,6 Prozent

MIB (Italien)

-1,0 Prozent

Eurostoxx 50

+2,9 Prozent

Dow Jones

+2,6 Prozent

Nasdaq

+3,3 Prozent

S&P 500

+2,9 Prozent

Nikkei

-0,6 Prozent

CSI 300 (China)

+1,5 Prozent

Gold

-1,9 Prozent

Silber

-0,6 Prozent

Öl (Brent)

+1,5 Prozent

Dollar

1 Euro = 1,422 Dollar / +0,5 Prozent

CDS Deutschland

+85 Basispunkte

CDS USA

+54 Basispunkte

CDS Frankreich

+ 174 Basispunkte

Bundesanleihen (10 Jahre)

+/- 0 Basispunkte

US-Staatsanleihen (10 Jahre)

+5 Basispunkte

Griechische Staatsanleihen (10 Jahre)

+8 Basispunkte

Spanische Staatsanleihen (10 Jahre)

-5 Basispunkte

Italienische Staatsanleihen (10 Jahre)

-6 Basispunkte

Nach der mittlerweile elftägigen Verlustserie an den Börsen sind die Anleger so verschreckt, dass sie sich lieber auf Gerüchte als Fakten verlassen – und machen alles damit noch viel schlimmer. „Wir haben überhaupt keine Zeit mehr, nachzudenken - geschweige denn selbst zu recherchieren“, sagt ein Frankfurter Händler. An jedem anderen Tag hätte ein rationaler Händler das Gerücht erst überprüft. Doch gestern hätte er nach solcher Sorgfalt auf der Kurstafel längst eine scharfe Abwärtskurve gesehen. Es ist ein Teufelskreis: Wer nachdenkt, verliert.

An den Märkten herrscht gerade eine eigenartige Stimmung. In den vergangenen elf Tagen hat der Dax über 20 Prozent an Wert verloren. Und kaum ein anderer Markt ist von diesem Kollaps ausgenommen. In den Indizes in Asien und den USA sieht es genauso trüb aus. An jeder Ecke wittern Anleger jetzt neue Gefahren für die Märkte, selbst Unwahrheiten können einen Ausverkauf anstoßen. Doch die Gegenbewegung funktioniert nicht mehr. Wenn Großkonzerne wie VW, Unicredit, Lloyds und Allianz hervorragende Bilanzen vorlegen, geht es an der Börse trotzdem abwärts, bestenfalls ignoriert sie das Ereignis.

Kommentare (12)

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GS1

11.08.2011, 16:14 Uhr

Volle Zustimmung. Die Informations-Überflutung hat nicht zu mehr Weisheit, sondern zum Aussetzen von Nachdenken geführt. Kollektive Idiotie. "Der Geist ist aus der Flasche gekommen".
Langfristig denkende Privatanleger wenden sich mit Schaudern ab, und die Märkte erfüllen ihre Lenkungsfunktion nicht mehr. Wer bendet diesen Irrsinn?

Micha

11.08.2011, 16:15 Uhr

Und wie sollen der DAX oder ähnliche Indizes nun noch als Frühindikatoren für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung funktionieren? Es hat sich alles umgekehrt, die Märkte spekulieren mit Gerüchten, belastet wird am Ende die Realwirtschaft, weil Kleinanleger ihr Geld verlieren oder aus Sorge darum ihr Nachfrageverhalten ändern, Unternehmen werden ohne realwirtschaftlichen Grund abgewertet und verlieren damit an Status. Und so kommt es dann doch zu einem realwirtschaftlichen Einbruch, aber der DAX hat ihn nicht vorausgesagt, sondern er wurde mit ihm als Instrument herbeigeführt - und diejenigen, die damit Geld verdient haben, klopfen sich noch auf die Schulter, weil sie ja den Trend richtig erkannt haben.
Wahrscheinlich ist es wirklich Zeit, wiedermal alle komplett zu enteignen, damit keiner mehr Spielgeld hat, mit dem er sich so sinnlos betätigen kann.

Kai

11.08.2011, 17:01 Uhr

Ihr müsst euch mal hören. Wie lange handelt Ihr schon?
Wieviele Crashs habt Ihr miterlebt? Usw.

Börse hat nichts mit Logik zu tun. Weder fundamental, noch technisch oder psychisch.

Das gesamte Finanzsystem ist grundsätzlich überbewertet. 1996 habe ich bereits mit einem sehr anerkannten Analysten von JPM gesprochen, der zur damaligen Zeit bereits sagte, dass er Aktien wie z.B. BASF für vielfach überbewertet hält. Noch dazu konnte er es sagenhaft und nachvollziehbar begründen. Jeder kann selbst nachschauen wie die Aktie sich anschließend entwickelt hat. Ebenso die Cisco-Aktie, die fundamental zeitweise mit 100fach überbewertet galt.

Tatsache ist nun mal, dass Aktien "Liebhaberwerte" sind. Ihre Aufgabe ist es nicht das Unternehmen real abzubilden, und auch nicht die zukünftige Entwicklung zu prognostizieren. Das gerne dieser Unsinn gestreut wird, ebenso Nachrichten, Analysen usw. hat nur einen Grund: Die Menschen möchten die Entwicklungen nachvollziehen können. Sie versuchen in jeder Bewegung eine Logik zu erkennen.

Nur damit verdient man an der Börse nichts. Fakt ist nun mal, die einzige Logik, die Kurse bewegt ist die: Kurse gehen da hin, wo man sie hinhaben will. Das wird ausführlich vorher simuliert und ist bis ins Detail durchkalkuliert.

Fragt euch doch mal selbst. Woher wissen all die Investmentbanker (überwiegend daytrader), dass die Kurse tendenziell über Jahre hinweg steigen werden? Ganz einfach: Weil man es ihnen intern vorgibt. Und wenn sie dann innerhalb ca. 10 Jahren ihren Posten räumen müssen und privat weiter machen, scheitern sie alle. Warum? Ebenfalls simpel: Weil ihnen niemand sagt was sie tun sollen. Investmentbanker sind auch nur Menschen. Sowas kann man nicht studieren durch BWL- oder VWL-Studiengänge. Sie werden wie jeder andere auch auf die Stelle angelernt und dann machen sie das was ihnen gesagt wird. Und wenn sie schlecht sind, dann werden sie eben entlassen und durch einen neuen ersetzt...alle Jahrzehnte wieder...

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