Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.02.2014

12:18 Uhr

Börsenpsychologie

„Im Zweifel siegt die Emotion über den Verstand“

VonJessica Schwarzer

Die Wahrnehmung der Anleger ist oft verzerrt, weiß Manfred Hübner. Gefühle wiegen stärker als Fakten. Im Interview erklärt der Experte für Börsenpsychologie, warum Investoren oft irrational und unvernünftig handeln.

Auf der Couch beim Börsenpsychologen: Emotionen bestimmen das Geschehen an den Märkten. Getty Images

Auf der Couch beim Börsenpsychologen: Emotionen bestimmen das Geschehen an den Märkten.

Gier, Verliebheit, Nervosität und Panik - Sentix-Experte Manfred Hübner ist Experte für die Emotionen der Anleger. Das Frankfurter Analysehaus befragt wöchentlich mehr als 4.500 Investoren und liefert so wertvolle Einblicke in deren Psychologie. Davon können Anleger profitieren.

Manfred Hübner vom Analysehaus Sentix ist Experte für Anlegerverhalten.

Manfred Hübner vom Analysehaus Sentix ist Experte für Anlegerverhalten.

Die Börse besteht zu 90 Prozent aus Emotionen, sagte Börsenaltmeister André Kostolany einst. Stimmt das?
Auf jeden Fall. Es ist eine Mischung aus Emotion und Kognition, also Wahrnehmung, die die Märkte bewegt. Nobelpreisträger Robert Shiller hat das wissenschaftlich belegt. Er sagt: Die Verhaltenstheorie lehrt uns, dass die menschliche Psychologie entscheidend ist für die Erklärung des Verhaltens der Börsen!

Die extremsten Gefühle an der Börse sind Gier und Angst…
Es gibt aber noch vielfältige Schattierungen und Graustufen. Hinzu kommen Verhaltensanomalien, wie beispielsweise Wahrnehmungsverzerrungen. Auch in einer ausgeglichenen Gefühlslage kann es zu emotionalen Entscheidungen kommen. Extreme wie Gier oder Angst lassen sich aber natürlich viel besser messen.

Apropos Messen: Sie befragen wöchentlich mehr als 4.500 private und institutionelle Anleger und liefern damit wertvolle Einblicke in die Psychologie der Börsianer.
Wir fragen unter anderem die kurzfristigen und mittelfristigen Erwartungen der Anleger ab. Die mittelfristige Erwartung der Anleger sagt uns etwas zu deren Grundüberzeugung und hat deshalb  Prognosecharakter. Die kurzfristigen Einschätzungen reflektieren die Anlegeremotionen und müssen deshalb als Kontraindikator gewertet werden: Sind die Börsianer extrem euphorisch, ist das ein Warnsignal. Sind sie hingegen ängstlich, spricht das eher für steigende Kurse.

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Sind es diese Emotionen, die an der Börse immer wieder zu einem massiven Herdentrieb führen?
Menschen operieren nicht im luftleeren Raum. Sie suchen und finden vermeintliche Bestätigung ihrer subjektiven Ansichten oder Vorurteile, auch durch die Beobachtung der anderen Marktteilnehmer. Steigende Kurse schaffen Vertrauen, fallende Kurse machen Angst. Das löst Handlungsimpulse aus und lässt die Zögerlichen reagieren. Übrigens können wir das auch in der Art und Weise der medialen Berichterstattung zum Börsengeschehen ablesen.

Sie spielen auf den viel zitierten Bild-Zeitungs-Indikator an, der besagt, dass eine Rally vorbei ist, wenn die Boulevardmedien sie bejubeln?

Ja, die Wahrnehmung einer solchen Rally durch die Menschen entwickelt sich in Wellen. Ein solcher Zyklus ist übrigens auch in der Modebranche zu beobachten: Ein hipper Designer entwickelt einen ganz neuen Style in New York. Zuerst berichten vielleicht ein paar Mode-Blogger darüber, dann entdecken Trendscouts den Style. Es folgen die Early Adopter, immer mehr Menschen springen auf den Trend auf. Wenn dann irgendwann die entsprechende Kollektion bei H&M hängt, ist der Trend mehr oder weniger beendet. An der Börse läuft es ähnlich. Früher nannte man das Milchmädchen-Hausse, heute beschreibt der Bild-Zeitungs-Indikator das Phänomen.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

21.02.2014, 12:45 Uhr

"Früher nannte man das Milchmädchen-Hausse..." Bullshit! SO nannte man das noch nie! Es gibt eine Milchmädchenrechnung und eine Dienstmädchenhausse. Erster Begriff kommt von der Geschichte der Milchmagd Perrette, die mit einer Kanne Milch auf'm Kopf Richtung Markt geht, sich dabei ausmalt, in welch höherwertige Güter sie die in der Folge tauscht und am Ende verschüttet, bevor sie ankommt. Der Begriff Dienstmädchenhausse wiederum kommt stammt aus der Aktienhausse vor der Großen Depression, in der so viel Euphorie herrschte, dass selbst Dienstmädchen einen Aktientipp parat hatten. Bitte teilen Sie Herrn Hübner mit, dass er aufhören soll, solchen Unsinn zu verbreiten!

Account gelöscht!

21.02.2014, 14:25 Uhr

Haha, natürlich haben Sie recht, Herr Hübner aber auch... je öfter etwas falsch wiedergegeben wird, desto öfter wird das Falsche aber als richtig zitiert und als Wahrheit akzeptiert.
Gleichsam wie die Aktienkursentwicklung allgemein und somit als Bestätigung des Interviewinhalts. Masse beeinflusst Masse bis alle richtig falsch liegen!

Milchmann

21.02.2014, 14:33 Uhr

Merkwürdige Milchmädchenrechnungen:
" Halbiert sich der Kurs, muss er sich gar verdoppeln, um das Minus wettzumachen. Bei vier Prozent Anlagezins würde das dann 16 lange Jahre dauern. Da wird aus einem kurzfristigen Trade kurzerhand ein Langfristinvestment."

Wie denn? Der Kurs halbiert sich schlagartig, aber der Anlagezins wird mit nur 4% angenommen?
Und auf der nächsten Seite erzählt man uns, dass man selber soeben 21% Jahresgewinn erzielt habe!

(Seit August 2012 habe ich, nebenbei bemerkt, 82 % Gewinn
realisiert, nur mit ganz normalen Aktien)

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×