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08.06.2014

13:32 Uhr

Börsenpsychologie

Verliebe Dich nie in eine Aktie!

VonJessica Schwarzer

Große Gefühle haben an der Börse nichts zu suchen. Trotzdem ist es ein weit verbreitetes Phänomen, dass Aktionäre sich in ihre Papiere geradezu verlieben. Ein Plädoyer für Untreue und Polygamie.

Börsenpsychologen wissen, wie gefährlich Emotionen bei der Geldanlage sein können.

Börsenpsychologen wissen, wie gefährlich Emotionen bei der Geldanlage sein können.

DüsseldorfLiebe macht blind, heißt es im Volksmund. „Im Überschwang der Gefühle übersieht man Fehler und Schwächen des anderen oder man sieht darüber hinweg oder beschönigt sie. Das Gleiche geschieht, wenn man sich in eine Aktie verliebt“, sagt der Münchener Vermögensverwalter Gottfried Heller. „Doch romantische Liebe ist flüchtig und danach folgt meist die Ernüchterung und oft der Katzenjammer.“ Und das kann an der Börse leider ziemlich teuer werden. Vor allem, weil Verliebte sich natürlich stark auf das Objekt ihrer Begierde konzentrieren, will meinen: Ihre Lieblingsaktie hat schnell einen zu großen Anteil im Depot. „An der Börse gilt Monogamie nicht als guter Leitfaden“, sagt Christoph Bruns, Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys. „Weil Streuung das zentrale Prinzip der Kapitalanlage ist, sollte dort ein Harem-Ansatz verfolgt werden.“

Trotzdem lassen sich Investoren immer wieder von sozusagen monogamen Emotionen leiten. Ein Beispiel: Das Auto ist bekanntlich des Deutschen liebstes Kind. Und weil wir eine Vorliebe für PS und Design haben, finden sich auch die deutschen Autowerte in vielen Aktiendepots. Häufig sind sie sogar übergewichtet, zu stark übergewichtet. Denn viele Anleger konzentrieren sich bei ihrer Aktienanlage auf einige wenige Branchen, manchmal sogar eine einzige. Sie scheinen verliebt zu sein, sehen rechts und links nichts anderes mehr als ihre geliebte Aktie. Das ist ein Fehler. „Emotionen haben an der Börse nichts zu suchen“, sagt Claude Hellers, Leiter Vertriebspartnergeschäft von Fidelity Worldwide Investment in Deutschland. „Das Geheimnis erfolgreichen Investierens ist, sich niemals in eine Aktie zu verlieben.“

Verhalten und Präferenzen deutscher Aktionäre

Entwicklung der Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland

2013: 4.855 Millionen

2012: 4.534 Millionen

2011: 3.891 Millionen

Quelle: Deutsche Post DHL/Deutsches Aktieninstitut

Anlageziele der Aktionäre

Welche Bedeutung haben Anlageziele bei Aktionären?

Für 81 Prozent hat der langfristige Vermögensaufbau eine hohe Bedeutung.

67 Prozent stellen den Schutz vor Inflation in den Vordergrund.

Bei der Frage, welche Bedeutung das regelmäßige Einkommen aus Dividenden und Verkauf haben, gaben 44 Prozent an, dass es für sie sehr wichtig sei.

Lediglich 12 Prozent setzen ihre Priorität auf kurzfristige Gewinne.

Anteil des in Aktien investierten Vermögens

Wie viel Prozent des Vermögens legen Investoren in Aktien an (Durchschnittswert)?

2013: 26,8 Prozent

2008: 25,2 Prozent

2004: 23,9 Prozent

Bedeutung von Dividende und Aktienrückkauf

Wie beurteilen Anleger die Ausschüttungen durch Aktienrückkäufe im Verhältnis zu Dividendenzahlungen?

Gleich: 37 Prozent

Eher schlechter: 34 Prozent

Eher besser: 20 Prozent

Viel schlechter: sechs Prozent

Viel besser: drei Prozent

Bedeutung von Dividende und Kurssteigerungen

Würde die Rendite sich aus Kurssteigerungen und Dividendenzahlungen zusammensetzen, dann würden...

... 43 Prozent eine mittlere Dividende und mittlere Kurssteigerung bevorzugen;

... 33 Prozent eine hohe Dividende und eine geringe Kurssteigerung wählen;

... 13 Prozent eine geringe Dividende und eine hohe Kurssteigerung sich aussuchen.

Orientierung an fundamentalen bzw. technischen Daten

Woran orientieren sich Anleger beim Ankauf oder Verkauf von Aktien?

Sowohl an der wirtschaftlichen Entwicklung als auch an der Kursentwicklung: 60 Prozent

Eher an der Kursentwicklung: 16 Prozent

Eher an der wirtschaftlichen Tätigkeit: 14 Prozent

Ich treffe meine Entscheidungen nicht selbst, vertraue jemand anderem. Acht Prozent

Vertrauenswürdigkeit von Informationsquellen für Privatanleger

Anteil der Anleger, die auf Zeitungen, Zeitschriften und Wirtschaftssendungen vertrauen.

2013: 69 Prozent

2008: 65 Prozent

2004: 65 Prozent

Anteil der Anleger, die Beratern der Bank, Sparkasse oder Broker Vertrauen schenken.

2013: 39 Prozent

2008: 49 Prozent

200446 Prozent

Experten verwundert die Verliebtheit vieler Börsianer kaum. Aus psychologischer Sicht lässt sich diese Verzerrung hin zu einer Branche – im Börsendeutsch „Sector Bias“ genannt –  leicht erklären. Informationen einiger Branchen sind präsenter, leichter verfügbar und einfacher zu interpretieren als Informationen anderer. Ein Chemiker oder Biologe wird andere Branchen bevorzugen als ein Telekommunikationsfachmann. Verfügbarkeitsheuristik nennen Psychologen das.

Und natürlich spielen auch unsere Hobbies und Vorlieben eine Rolle. Modefans bilden sich ein, sich mit Aktien von Modeherstellern besonders gut auszukennen. Und Autofreaks sind überzeugt, dass sie die Geschäftsmodelle von BMW, Daimler oder Porsche bestens durchschauen.

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