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05.06.2014

16:21 Uhr

Börsenrally

Dax 10.000, was nun?

VonJürgen Röder, Jessica Schwarzer

Geschafft! Erstmals in seiner Historie ist der Dax fünfstellig. Um 14:33 Uhr hat der deutsche Leitindex die magische Marke geknackt und ist auf 10.003 Punkte gestiegen - Mario Draghi sei Dank. Doch wie geht es weiter?

Der Dax hat die Marke von 10.000 Punkten überwunden. Getty Images

Der Dax hat die Marke von 10.000 Punkten überwunden.

DüsseldorfSeit Monaten ist der Dax seitwärts gependelt, immer wieder war die Marke von 10.000 Punkten greifbar nah, immer wieder drehte der Index vorher ab. Nun hat es der Dax endlich geschafft - zumindest zeitweise. Bis auf 10.013 Punkte ging es hoch. Für Party-Stimmung an den Märkten hat einmal mehr Mario Draghi gesorgt. Seine Europäische Zentralbank liefert, was die Anleger sehen wollen. Sie senkt den bereits extrem niedrigen Leitzins von 0,25 auf 0,15 Prozent. Außerdem müssen Banken künftig einen Strafzins bezahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Dafür wird der Einlagezins erstmals unter die Nulllinie auf minus 0,10 Prozent reduziert.

Nun ist die 10.000er-Marke also geknackt. Experten sprechen von einer „psychologisch wichtigen Marke“, denn viel mehr oder weniger ist dieser historische Höchststand nicht. Mit Blick auf die Bewertungen ist es völlig egal, ob der Dax bei 9.900, 10.000 oder 10.100 Punkten steht.

Trotzdem dürfte in den Handelsräumen der Banken und auf dem Frankfurter Börsenparkett der ein oder andere Sektkorken knallen. Erstmals fünfstellig, das ist doch mal was! Und ganz sicher wird der neue Höchststand mit der herrlich runden Zahl auch das ein oder andere Titelblatt einer Zeitung schmücken.

Für Christian Schmidt, technischer Analyst bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba), haben runde Zahlen immer eine „magische“ Anziehungskraft. „Neue Hochs haben in der Regel prozyklischen Charakter“, sagt der Chartexperte. Mit prozyklisch sind weitere Käufe von Anlegern gemeint, die auf eine weitere Fortsetzung des Aufwärtstrends setzen. „Grundsätzlich besteht nach Überschreiten der psychologischen Marke von 10.000 Punkten weitere Luft nach oben“, ist auch Klaus Schrüfer, Chefmarktstratege bei Santander Asset Management, überzeugt.

Geht die Börsenrally weiter?

Wie reagieren die Börsen auf den Wahlausgang in Europa?

Die Anleger scheinen recht unbeeindruckt von den Wahlerfolgen der Eurokritiker. „Das ist sicherlich ein Schock für Europa“, sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP Bank. „Für das Europäische Parlament als gesamtes gilt aber: Die etablierten Parteien verfügen über mehr als zwei Drittel der Sitze. Der pro-europäische Kurs in Straßburg ist also nicht gefährdet.“ Der Eurokurs stieg am Tag nach der Wahl, an wichtigen europäischen Börsen ging es aufwärts, der Dax erreichte am Montag zwischenzeitlich ein Rekordhoch. Kornelius Barczynski vom Brokerhaus GKFX hält es sogar für möglich, dass der deutsche Leitindex noch in dieser Woche über die 10 000-Punkte-Marke springt.

Was bedeutet das Wahlergebnis für den Fortgang der Euro-Schuldenkrise?

Zunächst ändert die neue Zusammensetzung des EU-Parlaments nicht viel am Brüsseler Krisenkurs. Akuten Handlungsbedarf gibt es derzeit ohnehin nicht. Die Sorgenkinder Spanien, Irland und Portugal haben den Euro-Rettungsschirm bereits verlassen. Sie und andere potenzielle Krisenländer kommen am Kapitalmarkt längst zu deutlich günstigeren Konditionen an frisches Geld, als in der Hochzeit der Krise. Griechenland ist zumindest symbolisch an die Finanzmärkte zurückgekehrt. Selbst wenn Athen weitere Hilfe benötigen würde, läge die Entscheidung darüber bei den Mitgliedsstaaten und nicht beim EU-Parlament.

Können Eurokritiker die bisherige Politik woanders stören?

Interessant dürfte es werden, wie die französische Regierung auf den Erfolg der rechten Front National reagiert. Präsident François Hollande wird sich überlegen müssen, wie er enttäuschte Wähler zurückgewinnt. Ließe er sich von den Rechten in Eurofragen zu Untätigkeit verleiten, könnte das auf absehbare Zeit die gesamte EU lähmen. Denn Frankreich hat seit geraumer Zeit selbst Probleme mit seiner Staatsverschuldung - und leidet zugleich unter einer ausgeprägten Konjunkturschwäche.

Haben die Wähler in den Eurokrisenländern der EU einen Denkzettel verpasst?

In Griechenland ist es bei der Europawahl eindeutig so gekommen: Die EU-kritische, radikallinke Syriza wurde stärkste Kraft. Europafeindlich ist Syriza allerdings nicht: Sie kritisieren zwar scharf die internationalen Sparvorgaben, wollen aber zum Beispiel nicht mehrheitlich aus der Eurozone austreten. Im ebenfalls wirtschaftlich nicht gerade florierenden Italien entschieden die Wähler anders: In der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone, holte die Partei des als reformfreudig und proeuropäisch geltenden Premierministers Matteo Renzi mehr als 40 Prozent der Stimmen. Der italienische Aktienindex legte daraufhin kräftig zu, italienische Staatsanleihen waren bei Anlegern gefragt.

In der Ukraine gewann der Petro Poroschenko die Präsidentenwahl deutlich. Sind die Börsen erleichtert?

Ja, das eindeutige Votum hat für Entspannung an den Märkten gesorgt. Zum Beispiel gab der Ölpreis merklich nach, was Händler vor allem als Folge der Entspannung zwischen Kiew und Moskau werteten. Die Ukraine ist ein wichtiges Transitland für Energielieferungen in den Westen. Deshalb reagiert der Ölmarkt stark auf die Entwicklung im Ukraine-Konflikt. Der relativ klare Ausgang der Präsidentschaftswahl in dem Land dürfte die Stimmung stützen, sagte Jan Bottermann, Chefvolkswirt bei der National-Bank.

Was treibt die Märkte im Moment am meisten?

Entscheidender Treibstoff für die Aktienkurse sind weiterhin Spekulationen über weitere geldpolitische Lockerungen der EZB. In der kommenden Woche könnte Zentralbankchef Mario Draghi eine weitere Senkung der Leitzinsen verkünden. Andeutungen in diese Richtung macht Draghi bereits seit Tagen. Damit würde noch mehr billiges Geld in Umlauf kommen. Die EZB fürchtet, dass die extrem niedrige Inflation in eine gefährliche Deflation umschlägt - weil Investoren und Konsumenten in Erwartung weiter sinkender Preise weniger kaufen und investieren. Das könnte die - in weiten Teilen Europas ohnehin lahmende - Wirtschaft weiter schwächen. Für Anleger bedeuten niedrigere Zinsen vor allem steigende Aktienkurse. Den denn wenn Staatsanleihen, Sparbuch und Festgeld fast nichts mehr abwerfen, sind Aktien stärker gefragt.

Doch der Magie der runden Zahlen erliegen nicht alle Anleger. Christoph Bruns beispielsweise kann ihnen wenig abgewinnen: „Die Marke von 10.000 Punkten im Dax ist so symbolisch wie die Jahrtausendwende oder ein runder Geburtstag, wobei der Dax den Nachteil hat, wieder hinter diesen Markierungspunkt zurückfallen zu können“, sagt der Fondsmanager und Mitinhaber der Fondsgesellschaft Loys.

Eingefleischte Börsianer haben den magischen Dax-Stand seit Monaten kommen sehen. Natürlich gab es auch Zweifler, aber im Grunde war die 10.000 ausgemachte Sache. Die Rally an den Märkten dauert nun schon mehr als fünf Jahre. In dieser Zeit hat sich der Standardwerteindex verdoppelt. Seit die Notenbanken die Zinsen quasi abgeschafft haben und die Märkte mit billigem Geld fluten, fließt immer mehr Geld in Aktien. Der entscheidende Treiber der Hausse ist auch aktuell die Spekulation auf eine weitere Lockerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank.

Ob sich der Dax nachhaltig über seinen neuen Rekordstand etablieren kann, hängt deshalb jetzt vor allem von der Entwicklung der Unternehmensgewinne ab. „Infolge der anhaltenden Konjunkturbelebung stehen die Aussichten dafür gut. Daher stellt die mit den Kurszuwächsen gestiegene Bewertung keinen Hinderungsgrund dar“, sagt Santander-Chefstratege Schrüfer. „Störfeuer kann vor allem von einer weiteren Eskalation der Ukraine-Krise kommen, die die Finanzmärkte gegenwärtig weitgehend ausblenden.“

Kommentare (14)

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05.06.2014, 14:43 Uhr

Um 14:33 Uhr springt er Dax über die Marke und um 14:34 Uhr haben die HB-Redakteure die Lage analysiert und den Bericht geschrieben; ganz schön speditiv.

Account gelöscht!

05.06.2014, 15:13 Uhr

Na ja, der echte DAX (K-DAX) hat noch 20% Luft bis zu seinen alten Höchstständen. Der P-DAX ist bekanntlich nur zu PR-Zwecken zu gebrauchen....

Account gelöscht!

05.06.2014, 15:17 Uhr

Wie es jetzt weiter geht ? Die EZB hat ihr letztes Schießpulver verschossen. Die EZB hat ihre expansive Geldpolitik fasst ausgereizt. Entweder lenkt die Fiskalpolitik mit Kaufkraftsteigerung ein und zögert noch etwas das unvermeidliche aus oder wir nähern uns der Rezession. Der Dax wird bluten ! Das einzig positive ist, dass wir schon einen Sündenbock haben. Die AFD, CDU und SPD. Ich empfehle die AFD mehr zu fördern, damit sie später tiefer fallen kann. Genial !

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