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09.01.2013

11:38 Uhr

Börsenweisheit

Herzlich Willkommen im Börsentheater!

VonJessica Schwarzer

Die Muster scheinen sich immer zu wiederholen. Nach dem Crash ist vor der Rally, nach der Rally vor dem Crash. Wird an der Börse etwa frei nach André Kostolany immer das gleiche Stück unter wechselnden Titeln gespielt?

Gran Teatre del Liceu  in Barcelona: Die Börse gleicht einem Theater, war André Kostolany überzeugt. ap

Gran Teatre del Liceu in Barcelona: Die Börse gleicht einem Theater, war André Kostolany überzeugt.

DüsseldorfDieses Gefühl kennt wohl jeder Anleger: Schon wieder eine Chance verpasst. Dabei war doch eigentlich klar, dass die Märkte sich erholen oder zumindest dieser eine abgestürzte Superstar die Wende schafft. Ist doch eigentlich immer so. Die Muster wiederholen sich, man muss sie nur erkennen. Eigentlich. Aber ist es wirklich so einfach?

Erfahrene Investoren müssten es wissen. Einer, der Jahre lang „zur Börse ging“, wie er es immer formulierte,  war André Kostolany. Der Börsenaltmeister sagte einst: „Die Börse ist wie ein Theater, unter verschiedenen Titeln wird aber immer das gleiche Stück gespielt.“

Die grössten Fehler der Anleger

Risikotoleranz

Die Neigung, Risiken einzugehen, ist mit zwei demografischen Faktoren verbunden: Geschlecht und Alter. Frauen sind normalerweise vorsichtiger als Männer und ältere Menschen sind weniger bereit, Risiken einzugehen, als jüngere Leute. Die Konsequenzen der Verhaltensökonomik für Anleger sind klar: Wie wir uns bei der Geldanlage entscheiden und wie wir uns bei der Verwaltung unserer Anlage entscheiden, hängt sehr davon ab, wie wir über Geld denken. [...] Sie demonstriert, dass Marktwerte nicht ausschließlich von den gesammelten Informationen bestimmt werden, sondern auch davon, wie menschliche Wesen diese Informationen verarbeiten.

Übertriebene Zuversicht

An sich ist Zuversicht ja keine schlechte Sache. Aber übertriebene Zuversicht ist etwas ganz anderes, und sie kann besonders im Umgang mit unseren Finanzangelegenheiten Schaden anrichten. Übertrieben zuversichtliche Anleger treffen nicht nur für sich selbst dumme Entscheidungen, sondern diese wirken sich auch sehr stark auf den Mark als Ganzes aus.

Kurzfristiges Denken

Menschen [legen] zu viel Wert auf wenige mehr oder wenige zufällige Ereignisse [...] und meinen, sie würden darin einen Trend erkennen. Insbesondere sind Anleger tendenziell auf die neuesten Informationen fixiert, die sie bekommen haben, und ziehen daraus Schlüsse. So wird der letzte Ergebnisbericht in ihrem Denken zum Signal für künftige Gewinne. Und da sie meinen, sie würden etwas sehen, das andere nicht sehen, treffen sie dann aufgrund oberflächlicher Überlegungen schnelle Entscheidungen.

Verlustaversion

Der Schmerz durch einen Verlust [ist] viel größer als die Freude über einen Gewinn. Bei einer 50:50-Wette, bei der die Chancen exakt gleich sind, riskieren die meisten Menschen nur dann etwas, wenn der potenzielle Gewinn doppelt so groß ist wie der potenzielle Verlust. Das nennt man asymmetrische Verlustaversion. [...] Auf den Aktienmarkt bezogen bedeutet dies, dass sich die Menschen beim Verlust von Geld doppelt so schlecht fühlen, wie sie sich gut fühlen, wenn sie einen Gewinn erzielen. Diese Abneigung gegen Verluste macht Anleger übertrieben vorsichtig, und das hat einen hohen Preis. [...] Wir wollen alle glauben, wir hätten gute Entscheidungen getroffen, und deshalb hängen wir zu lange an schlechten Entscheidungen, in der vagen Hoffnung, die Dinge werden sich noch wenden.

Verdrängen

Wir neigen dazu, das Geld geistig auf verschiedene Konten zu buchen, und dies bestimmt, wie wir es verwenden. [...] Zudem wurde die geistige Buchhaltung als Grund angeführt, weshalb Menschen schlecht laufende Aktien nicht verkaufen: In ihren Augen wird der Verlust erst real, wenn sie ihn realisieren.

Quelle: Robert G. Hagstrom, Warren Buffett. Sein Weg. Seine Methode. Seine Strategie., Börsenbuchverlag 2011.

Ganz uneingeschränkt stimmt das aber wohl heute nicht mehr. „Man könnte meinen, dass immer das gleiche Stück gespielt wird“, sagt Heike Fürpaß-Peter vom Indexfonds-Anbieter Lyxor ETF. „Dann hätte sich jedoch die Dramaturgie der immer gleichen Stücke stark verändert.“ Schließlich würden die Einschläge an den Finanzmärkten heute in immer kürzeren Abständen mit immer heftigeren Reaktionen erfolgen. „Ich sehe wenig wiederkehrende Muster an den Börsen“, sagt sie. „Die vergangenen Jahre haben einmal mehr gezeigt, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann.“

Auch Börsenprofi und Bestseller-Autor Max Otte sieht diese Weisheit eher skeptisch: „Die Börse folgt so lange wiederkehrenden Mustern, bis sie es einmal nicht tut”, sagt er. Mit anderen Worten: Ja, es gibt Muster und Dynamiken, die Anleger erkennen können. „Diese zu nutzen, ist aber schwierig, da sie in Form, Tempo und Dauer variieren und irgendwann auch einmal unvorhergesehen brechen“, so Otte. „Dann ist oft der ganze Gewinn, denn man vorher aus dem Erkennen eines Musters gezogen hat, weg.“ Deswegen funktioniere auch die Chartanalyse nicht.

Also kein Börsentheater mit immer dem gleichen Stück unter neuem Titel? Andreas Feiden kann dieser Börsenweisheit sehr wohl einiges abgewinnen: „Steigen die Kurse, kommen die Privatanleger, fallen die Kurse, gehen die Privatanleger“, sagt der Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Fidelity. „Das ist in der Tat immer dasselbe Theater.“ Er erinnert an die kräftigen Turbulenzen nach der Lehman-Pleite im Jahr 2008. Damals stießen 1,4 Millionen Deutsche ihre Aktien- oder Mischfonds ab.

Kommentare (3)

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MonkeyBusiness

09.01.2013, 12:40 Uhr

Zitat: „Bei der Geldanlage steht jedoch die Psyche, genauer unsere Verlustaversion, diesem grundsätzlich richtigen Impuls im Weg.“

Das ist so nicht korrekt & empirisch nicht belegt. Im Gegenteil. Kahneman und Tversky haben ja schon vor längerer Zeit auf das irrationale Handeln des Menschen (nicht nur an der Börse, sondern generell) hingewiesen.

Diesem liegt zu Grund, dass der Mensch - trotz gleich hoher Wahrscheinlichkeit - bei Gewinnen eher risikoavers handelt (nach dem Mott: Gewinne sichern oder der besagte Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach) und bei Verlusten zu einer höheren Risikotoleranz neigt. Ist seit dem in der Sozialpsychologie und Konsumforschung etliche Male über Studien und Versuche repliziert worden.

Boersenanalyst

09.01.2013, 13:05 Uhr

André Kostolany war weder ein guter Börsenanalyst noch ein guter Ratgeber und sein Kollege Heller ebenfalls nicht. Dampfplauderer, mehr nicht.

Capital

09.01.2013, 13:29 Uhr

Ich sehe in der Vermeidung bei der Realisierung von Verlusten die größte Blockade um erfolgreich zu handeln.Ich habe den Willen meine Srategie zu erhalten und danach zu handeln,welche lautet: Gewinne laufen lassen und Verluste zu minimieren und zu realiseren. Thomas Zemter

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