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27.04.2011

07:20 Uhr

Börsenweisheiten

„Sell in May and go away“

VonChristian Schnell

„Sell in May and go away“ fällig ist, zu Deutsch: Verkaufe im Mai all deine Aktien und mach dir dann einen lauen Lenz ist ein Klassiker unter den Börsenweisheiten. Doch macht ihn das praktikabel?

Lieber die Sonne genießen als das Börsengeschehen verfolgen? Quelle: dpa

Lieber die Sonne genießen als das Börsengeschehen verfolgen?

Frankfurt Die Börsenweisheit besagt, dass der kluge Investor mit Beginn des – Achtung, Klischee – „Wonnemonats“ seine Aktien verkauft, weil es im Mai nämlich regelmäßig mit den Kursen so stark bergab geht, dass ihm selbst der nahende Sommer nicht die Trübsal vertreiben könnte, die der Kursrutsch verursachen wird.

Nun ist es gerade in diesem Jahr so, dass sich ganz wunderbar über diesen Sinnspruch schwadronieren ließe. Die Börsen haben sich ungeachtet aller großen und kleinen Katastrophen in der Welt, die man in vier Monaten so erlebte, ganz wunderbar entwickelt. Wer hier tatsächlich zwischendurch mahnend den Finger erhebt und vor aufkommendem Übermut warnt, der läuft Gefahr, als chronischer Querulant oder als weltfremde Spaßbremse tituliert zu werden. Da kommt der Mai gerade recht, der die Dinge quasi automatisch stets in diesem Sinne so regelt, dass den Märkten die gute Laune schon ausgetrieben wird.

Den alten Weisheiten kann sich kaum jemand entziehen

Jetzt war es kurioserweise in den vergangenen Jahren häufig so, dass vielen Börsianern, wenn es tatsächlich wieder einmal so kam wie in besagter Börsenweisheit prophezeit, nichts anderes zur Begründung einfiel, als dass alle diesen Spruch im Ohr hätten. Deshalb könnten sie zwangsläufig gar nicht anders handeln als zu verkaufen. Damit sind wir bei der selbst erfüllenden Prophezeiung. Niemand würde zugeben, dass er sich nach einer Uraltweisheit richtet. Aber irgendwie verhält sich jeder so, dass es gar nicht anders kommen kann. Es ist deshalb schier unmöglich, sich dem Ganzen zu entziehen.

An Klassikern besteht bis zum Jahresende kein Mangel

Jedoch hält der Terminkalender schon die nächsten Klassiker aus dieser Kategorie parat. Geht es Anfang Juni in Richtung der drei Feiertage Christi Himmelfahrt, Pfingstmontag und Fronleichnam, dann wird von den Redaktionen ein Aufschrei über den Börsenhandel an diesen Tagen erwartet. Feiertag, nur nicht an der Börse, das geht nicht gut. Mitte August ist dann die Fortsetzung des „Sell in May“-Artikels fällig. Lautet doch dessen zweite Zeile „Remember to come back in September“, auf gut Deutsch also so viel wie: Ab jetzt ist alles wieder so wie zwischen Januar und April, folglich kaufen.

Für den Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober gilt das Gleiche wie an Christi Himmelfahrt etc. Da wird trotz Feiertags gehandelt, also ist ein Aufschrei nötig. Und spätestens Anfang Dezember muss alle Welt noch darüber informiert werden, dass die Bücher jetzt ja schon geschlossen sind und folglich bis zum Jahresende ein beinahe lebloses Dahinsiechen an den Märkten zu erwarten ist. Wer jetzt noch behauptet, die Börse böte keine Konstanten mehr, der liegt schlicht falsch.

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