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06.07.2016

08:16 Uhr

Brexit-Auswirkungen

US-Anleiherenditen auf Rekordtief

VonFrank Wiebe

Das politische Chaos in Europa setzt auch den amerikanischen Kapitalmarkt unter Druck. Die Renditen für zehnjährige US-Staatsbonds sinken auf ein Rekordtief. Die Folgen sind unabsehbar.

Die negativen Zinsen in Europa und Japan setzen die langfristigen Renditen in den USA unter Druck. dpa

US-Bonds im Abwärtssog

Die negativen Zinsen in Europa und Japan setzen die langfristigen Renditen in den USA unter Druck.

New YorkAm Dienstag ist die Rendite der zehnjährigen US-Staatspapiere zum ersten Mal überhaupt unter 1,4 Prozent gerutscht. Vor dem Referendum zum Brexit, dem Beschluss der Briten zum Ausstieg aus der Europäischen Union, lagen sie noch bei über 1,7 Prozent, Anfang des Jahres bei rund 2,2 Prozent. „Zum Teil kommen darin geänderte Erwartungen zum Ausdruck“, sagt Marc Chandler von der US-Bank Brown Brothers Harriman. „Hinzu kommt, dass die negativen Zinsen in Europa und Japan die langfristigen Renditen in den USA unter Druck setzen.“

Joachim Fels, Chef-Volkswirt von Pimco, sagt: „Die rekordtiefen Zinsen spiegeln die hohe politische Unsicherheit, die Sorgen wegen des weltweit schwachen Wachstums und die Erwartung einer noch weicheren Geldpolitik nach dem Brexit wider.“ Ähnlich wie der bekannte US-Ökonom Mohamed El-Erian glaubt Fels, dass die Zinsen noch weiter sinken können.

Typisch ist eine Reaktion wie die der schweizerischen Bank Vontobel: Sie hat am Montag bekanntgegeben, dass sie das Gewicht von US-Staatspapieren in ihrem Modellportfolio auf 20 Prozent verdoppelt, weil dort immer noch mehr zu holen ist als in Deutschland und der Schweiz.

Das Prinzip festverzinslicher Wertpapiere

Zinsen und Rückzahlung

Festverzinsliche Anleihen haben einen fixen Zinskupon, der sich auf den Nominalbetrag von 100 Prozent, also zum Beispiel 1 000 Euro, bezieht. Zu diesem Betrag werden die Papiere am Ende der Laufzeit zurückbezahlt. Bei einem Kurs von 100 Prozent entspricht also die Rendite dem zugesicherten Zins.

Kurse und Renditen

Während der Laufzeit werden Anleihen gehandelt, deshalb schwanken die Kurse, die in Prozent angegeben werden. Der Rückzahlungswert bleibt unverändert bei 100 Prozent. Die Zinskupons, die sich auf den Nominalwert beziehen, verändern sich ebenfalls nicht. Weil Zinszahlungen und Tilgungen gleichbleiben, sinkt die Rendite für Neueinsteiger, wenn die Kurse steigen. Umgekehrt ist es genauso: Wenn die Kurse fallen, dann steigen die Renditen für Investoren, die neu zugreifen und bis zur Fälligkeit halten.

Renditeentwicklung

Entwicklung - Die Kurse vieler Anleihen - vor allem die von Staatsanleihen im Euro-Raum und in Japan - sind so stark über 100 Prozent gestiegen, dass Anleger trotz der Zinsen weniger Geld wiederbekommen, als sie angelegt haben. Somit sind die Renditen für Neueinsteiger sogar negativ.  Das geht umso schneller, weil die Kupons stetig sinken. So haben zweijährige Bundesschatzanweisungen in Deutschland seit dem 20. August 2014 einen Kupon von null Prozent, seit dem 21. Januar 2015 gilt das auch für fünfjährige Bundesobligationen. Die im Sommer 2016 platzierte zehnjährige Bundesanleihe hatte ebenfalls einen Null-Kupon, bei der aktuellen zehnjährigen Bundesanleihe liegt der Kupon aber bei 0,50 Prozent.

Fels denkt noch einen Schritt weiter. Seine größte Sorge ist, dass die Welt auf mittlere Sicht in eine Stagflation rutschen könnte, also in eine Kombination von Stagnation, schwachem Wachstum, und Inflation. „Die niedrigen Anleihe-Renditen beinhalten schon ‚Stag‘, aber noch nicht ‚flation‘“, sagt er. Behält er Recht, dann würde das bedeuten, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder anziehen. Aber real gerechnet, also nach Abzug der Inflation, dürften sie trotzdem bei null bleiben.

Der Brexit bremst die Fed

Die Stagflation war ein Schreckgespenst der 70er-Jahre. Die liegen mittlerweile schon so lange zurück und die Inflation ist so hartnäckig niedrig, dass eine Wiederkehr der damaligen Verhältnisse beinahe nicht vorstellbar ist. Aber an den Kapitalmärkten passiert manchmal genau das, womit kaum jemand rechnet. Fels fürchtet vor allem, dass die zunehmend populistische Politik in den Industrieländern zu mehr Handelshemmnissen führt und zugleich die Verteilungskämpfe heftiger werden. Das ist das perfekte Szenario für eine Kombination aus schwachem Wachstum und steigender Inflation.

Britische Bonds: Renditen trotz Rating-Schelte nahe Rekordtief

Britische Bonds

Renditen trotz Rating-Schelte nahe Rekordtief

Die Rating-Agenturen S&P und Fitch haben Großbritannien nach dem Anti-EU-Votum die Bestnote „AAA“ entzogen. Trotzdem stieg die Rendite der zehnjährigen Bonds am Dienstag nur moderat und blieb in der Nähe des Rekordtiefs.

Hinzu kommt: Schon vor dem Brexit-Referendum ist Janet Yellen, die Chefin der US-Notenbank (Fed), bei ihrem Bemühen zu weiteren Zinserhöhungen deutlich mutloser geworden. Schwache Zahlen vom Arbeitsmarkt haben die Fed verunsichert. Die nächsten Zahlen am kommenden Freitag dürften zeigen, ob der zuvor stärkere Trend sich doch wieder fortsetzt oder die Zeit hoher Nettozuwächse an Arbeitsplätzen in Amerika vorbei ist.

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