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25.06.2016

10:08 Uhr

Britische Anleihen

Brexit alarmiert Bonitätswächter

VonAndrea Cünnen

Noch bewerten die großen Ratingagenturen die Bonität Großbritannien als sehr gut. Doch die Kreditbewertungen dürften bald auf den Prüfstand kommen. Warum das Investoren noch nicht kümmert.

Das Top-Rating „AAA“ der Agentur für Großbritannien dürfte bald Geschichte sein. dpa

S&P-Zentrale in New York

Das Top-Rating „AAA“ der Agentur für Großbritannien dürfte bald Geschichte sein.

FrankfurtDas überraschende Votum der Briten gegen die Europäische Union dürfte auch Auswirkungen auf die Kreditwürdigkeit Großbritanniens haben. Und zwar keine guten. „Die Ratingagenturen werden erst die Ausblicke für die Ratings und dann die Bonität britischer Staatsanleihen herabstufen“, sind die Strategen des Fondsriesen Blackrock überzeugt.

Noch sind die Ratingagenturen vorsichtig. Wenige Stunden nach der Entscheidung haben sie die Ratings noch nicht geändert. Doch eine Meinung haben sie sich bereits gebildet: Der Brexit ist schlecht für die Bonität. Am späten Freitagabend senkte dann Moody's den Ausblick für Großbritannien von „stabil“ auf „negativ“.

Ratingagenturen ABC

Wie arbeiten Ratingagenturen?

Ratingagenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Anleiheemittenten; das können Unternehmen, Banken oder Staaten sein. Das Urteil der Bonitätsprüfer bestimmt letztlich den Kurs der Papiere. In die Bewertung fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen. Die weltweit einflussreichsten Ratingagenturen sind Standard & Poor's (S&P), Moody's und Fitch.

Welche Auswirkungen hat ein schlechtes Rating?

Je schlechter Ratingagenturen die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, desto schwieriger und teurer wird es für diesen, sich frisches Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, im schlimmsten Fall ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern beispielsweise auch institutionelle Investoren.

Was bedeuten Ratings wie „AAA“ oder „BB+“?

Für ihre Einstufungen verwenden die Agenturen Buchstabencodes. Bei Standard & Poor's und Fitch beginnt die Skala mit der Bestnote „AAA“ (englisch: „Triple A“). Es folgen „AA“, „A“, „BBB“, „BB“, „B“, „CCC“, „CC“, „C“. Die meisten Stufen können mit Plus- und Minuszeichen noch feiner unterteilt werden. Ab „BB+“ beginnt der spekulative Bereich, der auch „Ramsch“ (englisch: „Junk“) genannt wird. Die Skala reicht bis „D“ - das bedeutet, dass ein Ausfall des Schuldners eingetreten ist. Etwas anders verfährt die Ratingagentur Moody's, die bei der Bewertung große und kleine Buchstaben sowie Zahlen kombiniert. „Aaa“ bedeutet „erstklassig“ und ist die höchste Bewertung. Diese Note steht für höchste Qualität, geringstes Ausfallsrisiko, vergleichbar mit Staatsanleihen. Dann folgen „Aa1“, „Aa2“, „Aa3“ für „starke Zahlungsfähigkeit“ sowie in der nächsten Stufe „A1“, „A2“ und „A3“ für „gute Zahlungsfähigkeit“. Danach wird der erste Buchstabe durch ein „B“ ersetzt. Der «spekulative Bereich“ beginnt bei „Ba1“, die niedrigste Kategorie ist „E“.

Was bemängeln Kritiker an Ratingagenturen?

Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen Mathematik und was Meinung ist. In der Finanzkrise kamen Ratingagenturen in die Schusslinie: In vielen Fällen behielten Unternehmen, die ein hohes Risiko trugen, zu lange ihre Topnoten. Sie wurden erst herabgestuft, als die Krise bereits akut war; Anlegern blieb keine Zeit zu reagieren. Daher ist es wenig ratsam, allein auf das Urteil von Moody's & Co zu vertrauen.

Welche Alternativen gibt es zu Ratingagenturen?

Manche Profis verlassen sich inzwischen stärker auf das Urteil eigener Analysten. Deren Meinung findet umso mehr Beachtung, wenn sie eine abweichendes Urteil zu den Ratingagenturen fällen. Privatanleger können überlegen, wenig transparente Marktsegmente über Fonds abzudecken, statt direkt in Anleihen zu investieren. So profitieren sie quasi indirekt vom Know-How weiterer Experten.

An den Anleihen des Landes lässt sich das indes noch nicht ablesen. Im Gegenteil: Britische Staatsanleihen waren am Freitag erneut gefragt: Die Kurse stiegen und die Rendite der britischen Staatsanleihe mit zehn Jahren Laufzeit fiel um bis zu 0,36 Prozentpunkte auf ein historisches Tief von 1,01 Prozent.

So verwunderlich ist das indes nicht. Denn auch wenn die Ratingagenturen den Daumen senken, wird Großbritannien mit Blick auf seine Zahlungsfähigkeit ein guter Schuldner bleiben, bei dem das Geld mit Blick auf die Rückzahlung sicher aufgehoben ist.

Die Ratingagentur Standard & Poor’s (S&P) bewertet die Briten noch mit der höchsten Bonitätsnote „AAA“, auch wenn der Ausblick schon länger negativ ist. Ein Brexit würde die ausländischen Investitionen in Großbritannien bremsen und die Wirtschaft belasten. Je nachdem wie sehr die Wirtschaft leidet, könnte das Rating um mehr als eine Stufe fallen, betonen die Analyten von S&P. Selbst bei einer Herabstufung um zwei oder drei Stufen hätte Großbritannien aber mit Noten im Bereich Doppel-A immer noch eine sehr gute Bonität.

Moody’s und Fitch Ratings haben den Briten schon länger das Top-Rating Dreifach-A entzogen und bewerten Großbritannien noch mit dem zweitbesten Rating, das bei Moody’s „Aa1“ und bei Fitch „AA+“ lautet. Auch Fitch betont, dass das Wirtschaftswachstum auf der Insel mittelfristig nachlassen wird und sieht zudem eine steigende Unsicherheit für Investitionen und den Handel. Moody’s äußert sich ähnlich.

Die Herabstufungen des Staates hätten zwar keine unmittelbaren Folgen für britische Banken, da die Ratingagenturen eine mögliche staatliche Unterstützung schon länger aus den Ratings für die Finanzinstitute herausgerechnet haben.

Dennoch: Das Geschäft der Banken dürfte unter dem Brexit leiden – und das wäre dann sehr wohl ein Grund auch die Bonität britischer Banken herabzustufen, heißt es zum Beispiel bei S&P. Die Bonität der Euro-Länder sehen die Ratingagenturen aber nach eigenen Angaben zumindest nicht unmittelbar gefährdet.

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