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19.01.2007

06:31 Uhr

Bulle + Bär

Gefährliche Winde

VonRalf Drescher

Seit gut einem Jahr weht an der Börse inzwischen ein neuer Wind. Solaraktien waren gestern, jetzt ist Windenergie angesagt. Gierig greifen die Anleger nach den Aktien der Branche und treiben sie in atemberaubendem Tempo von einer Kurshürde zur nächsten.

FRANKFURT. Die Aktie des Weltmarktführers Vestas hat seit Ende 2005 gut 170 Prozent an Wert gewonnen, die Titel der deutschen Repower AG kletterten um knapp 300 Prozent. Der heimische Konkurrent Nordex vervierfachte seinen Börsenwert gar. Allein seit Jahresanfang legte die Aktie um ein Viertel zu.

Dass ihnen Windkraftaktien noch vor wenigen Jahren drastische Verluste bescherten, spielt für die Anleger jetzt keine Rolle mehr. Schließlich wird die erneute Hausse durch gute Nachrichten genährt: Im vergangenen Jahr stieg die neu installierte Leistung von Windrädern weltweit um 30 Prozent. Auch in Deutschland, dem nach wie vor größten Markt für Windkraft, gab es erstmals seit vier Jahren wieder ein Plus. Damit nicht genug: Zahlreiche Studien sagen der Branche ein riesiges Potenzial voraus. Nach den Vorstellungen der EU-Kommission wird im Jahr 2020 bereits ein Fünftel der Energie über Windräder gewonnen. 30 Jahre später soll es dann bereits ein Drittel sein, schätzt der Lobbyverband Global Wind Energy Council.

Ein mulmiges Gefühl bleibt aber. Auch in der Euphorie zur Jahrtausendwende überschlugen sich Wissenschaftler und Analysten mit positiven Prognosen für die Zukunftsbranche Windenergie. Gehör fanden sie vor allem in Deutschland. Überall schossen Windräder aus dem Boden, keiner wollte den – politisch immens subventionierten – Megatrend verpassen. Doch schon bald wurde der Platz für neu installierte Mühlen an Land knapp, der dynamische Wachstumsmarkt lief in die Stagnation, Rotorenhersteller und Windparkbetreiber schrieben plötzlich Verluste und ihre Aktien rauschten in den Keller.

Den Antrieb für die zweite Windhausse liefert nun das Ausland. Auf der Suche nach Alternativen zu Öl und Gas eifert man dem deutschen Modell von vor ein paar Jahren vielerorts nach: In Spanien, Frankreich, Großbritannien, den USA, aber auch in China und Indien ist Windkraft zurzeit stark gefragt. Der dänische Weltmarktführer Vestas meldet fast im Wochentakt neue Großaufträge, die deutsche Nordex kündigte jüngst für 2007 neue Orders im Wert von mehr als einer Milliarde Euro an und verspricht deutliche Gewinnsteigerungen.

Den rasanten Kursanstieg rechtfertigen aber auch die überzeugendsten Nachrichten nur unzureichend. Mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen im hohen zweistelligen Bereich notieren Windkraft-Unternehmen längst wieder auf einem Niveau, das viel, womöglich zu viel vorwegnimmt. Wer auf dem aktuellenNiveau zukauft, könnte schon bald den Wind von vorne spüren. Und Anleger, die im jüngsten Aufschwung früh eingestiegen sind, sollten ihre Stopp-Loss-Kurse dringend nachziehen.

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