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16.02.2006

07:00 Uhr

Bulle & Bär

Blinde Kaufwut in Russland

VonMathias Brüggmann

Russlands Börse verzeichnet so starke Kursgewinne, dass viele Anleger fast schon blind zugreifen. Anders lassen sich einige Börsengänge der jüngsten Zeit kaum erklären. So spielte etwa der russische Festnetz-Telekommunikationsdienstleister Comstar United Telesystems bei seinem Börsengang in London und Moskau 1,1 Milliarden Dollar ein.

MOSKAU. Da 35 Prozent der Aktien des Unternehmens platziert wurden, ist das bisher kaum bekannte Unternehmen somit gut drei Milliarden Dollar wert.

Eine stolze Summe für eine ausgesprochen junge Firma, die nicht einmal aussagefähige konsolidierte Finanzdaten vorweisen kann. Die Wirtschaftsprüfer von KPMG hatten 1,5 Mrd. Dollar als fairen Wert ermittelt, und Jewgenij Golosnoj vom Moskauer Broker Troika Dialog bezeichnet die aktuelle Bewertung als „sehr hoch“ – vor allem auch im Vergleich zu anderen Festnetzanbietern in anderen Emerging Markets.

Folgerichtig gaben die Comstar-Notierungen am ersten Handelstag dann auch deutlich nach. Gerade einmal ein Umsatz von 636,8 Mill. Dollar für die ersten drei Quartale im Jahr 2005 hatte Comstar seinen Investoren vorlegen können – so jung hatte die Mutter, der Moskauer Mischkonzern AFK Sistema, ihr Baby für den Börsengang (IPO) präsentiert.

Viel Wachstumsphantasie oder eine klassische Hightech-Internet-Börsen-Blase? Fakt ist, dass in Russland die Pro-Kopf-Versorgung mit Telefonanschlüssen im Festnetz so niedrig ist wie sonst nirgends in Osteuropa. Gleichzeitig aber haben 125 der 143 Millionen Russen bereits ein Mobiltelefon. Andererseits spricht für Comstar, das analoge Festnetzanschlüsse, ADSL-Angebote, eigenes Breitbandnetz und Pay-TV vereint, dass es die „letzte Meile“ der 15 Millionen Moskowiter dominiert. Dadurch kann Comstar auf dem schnell wachsenden Markt der Telekommunikationsdienstleistungen Gewinne generieren. Außerdem rechnet die Telekom-Researchgruppe J’son & Partners mir einem jährlichen Wachstum von 70 Prozent auf dem Moskauer Breitband-Kommunikationsmarkt.

Allerdings hat Comstar ein Problem der Mutter AFK Sistema (die noch 51 Prozent am Töchterchen hält) geerbt: Die aus fünf Telekom-Töchtern zusammengewürfelte Comstar ist allein auf Moskau beschränkt, und Sistema sucht längst Investmentpartner, um die Mehrheit am landesweit agierenden Telekomgiganten Svyazinvest zu erwerben. Anleger bei Comstar helfen also Sistema beim Aufbau eines künftigen Konkurrenten.

Wiederum positiv ist allerdings, dass immer mehr Russland-Investoren Alternativen zu den traditionellen Moskauer Öl-Blue Chips suchen. Doch zur Beantwortung der Frage, ob ausgerechnet Comstar so ein Wachstumswert ist, wird die Churchill-Weisheit zitiert: „Prognosen sind schwer zu treffen, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen.“

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