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24.01.2008

07:00 Uhr

Bulle und Bär

Das Misstrauensvotum

VonIngo Narat

Wenn der Dax weiter im gleichen Tempo an Punkten verliert wie seit Jahresbeginn, schlägt er Ende April auf der Nulllinie auf. So weit wird es nicht kommen. Aber viele Aktionäre stehen vor dem Abgrund. Otto Normalverbraucher oder Joe Sixpack, wie ihn die Amerikaner nennen, hat in drei Wochen schon weit mehr verloren als er sonst in zwei durchschnittlichen Börsenjahren verdient. Und die Verluste steigen.

FRANKFURT. Superinvestor George Soros hat jetzt die größte Krise seit 60 Jahren ausgerufen. Der angesehene Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff erkennt eine schwere Kreditkrise. Anleihe-Guru Bill Gross vom Bondhaus Pimco wittert ebenfalls Gefahren und hält trotz der massivsten Zinssenkung aller Zeiten durch die US-Notenbank am Dienstag weitere Lockerungen für nötig.

Der Versuch der Notenbank zur Rettung der Wirtschaft und zur Vermeidung einer Rezession hat höchstens durchwachsene Erfolgschancen. Das ist vielleicht eine wohlwollende Deutung, denn die Finanzmärkte reagierten dramatisch: Selbst Liquiditätsspritzen in historisch einmaligen Dimensionen und die exzessiven US-Zinssenkungen seit vergangenem Sommer von jetzt 1,75 Prozentpunkten vermochten die Abwärtsdrift an den Aktienbörsen bislang nicht zu stoppen.

Das kann als Misstrauensvotum gegen US-Notenbankchef Ben Bernanke und seine Politik des lockeren Geldes interpretiert werden. Es hat den Anschein, als würde der Rettungsversuch immer mehr als Verzweiflungstat gewertet. In dieser Lesart hat Bernanke nur ein Ziel: Mit allen Mittel ein Überschwappen der Immobilien- und Kreditkrise auf die Realwirtschaft zu verhindern - um jeden Preis. So diktieren die Finanzmärkte die Notenbankpolitik. Die rasant gestiegenen Volatilitäten an den Finanzmärkten und die steigende Inflation verschärfen die Probleme. Das Inflationsproblem steht auch bei Pimco-Mann Gross ganz oben auf der Gefahrenliste.

In der historisch vielleicht einmaligen Situation reduzieren sich die Optionen für Anleger dramatisch. Zu den wenigen noch attraktiven Investments zählen jene, die Börsianer vor einem Jahr wegen ihrer lächerlich geringen Erträge mit einer Handbewegung beiseite gewischt hätten: Bargeld und kurzfristige Einlagen, außerdem erstklassige Anleihen mit überschaubaren Restlaufzeiten. Das wichtigste Ziel ist nicht mehr die Jagd nach der höchsten Rendite. Höchste Priorität hat spätestens jetzt das Vermeiden künftiger Verluste.

Viel mehr als Kapitalerhalt plus einer Mini-Verzinsung obendrauf ist derzeit wohl nicht drin. Mit einer Ausnahme: Ganz Hartgesottene haben in den vergangenen Jahren Teile ihres Vermögens in Edelmetalle umgeschichtet. Aber das bleibt einer mutigen Minderheit vorbehalten. Und derartige Ratschläge gibt natürlich auch kein Bankberater. An diesem Geschäft verdienen Banken einfach zu wenig.

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